Adler, Friedrich
Mittelalterliche Backsteinbauwerke des Preußischen Staates (Band 2) — Berlin, 1898

Seite: 11
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Bei der Erneuerung des sehr vergrörserten Chors, fast von
gleicher Gröfse wie das Schiff, hat man sich möglichst eng an
das System des Schiffes angeschlossen, ■ doch ohne die schö-
nen Verhältnisse desselben zu erreichen. Selbst die schweren
halbrunden Wänddienste, aus denen die Rippen direkt, ohne Käm-
pfer, entspringen, sind ebenso wie die altgothischen blattbelegten
Kapitelie der Pfeiler wiederholt worden. In gleichem Sinne hat
man ein sehr reich gegliedertes spitzbogiges Portal an der Nord-
seite aus glasirten Steinen hergestellt, welches aber durch die
Fülle gehäufter Glieder (darunter schwerfällige Rundstäbe als
Taue charakterisirt) sowie durch den Mangel an edlen Verhält-
nissen hinter den Schiffsportalen weit zurücksteht. Bei dem
Facadenbau ist man von der älteren Schiffsanlage insofern ab-
gewichen,. als man überall breite viertheilige derb profilirte Fen-
ster (in der Mitte der Chorwand sogar ein fünftheiliges) ver-
wendet und am Chore eine durchgehende glasirte Plinthe hin-
zugefügt hat. Die Ostfront ist höchst nüchtern gestaltet. Ein
breiter mit sehr schwächlich profilirten Spitzbogenblenden de-
korirter Giebel, worin Gitterfriese eingelegt sind, erhebt sich
über dem Unterbau, der von drei hohen Spitzbogenfenstern
durchbrochen und mit Flachbogenblenden zwischen denselben
ausgestattet ist. Zwei sechseckige Treppenthürme bilden den
Abschlufs dieser Chorfront, die gegen die einfach klare Forma-
tion des Schiffbaues auffallend und ungünstig absticht.

Die an der Südseite ängebaute zweigeschossige Frohnleich-
nams- (?) Kapelle ist mit schwach vortretenden Strebepfeilern
besetzt-, hat flachbogige, dreitheilige, einfach abgerundet profi-.
lirte Unterfenster, während die viertheiligen Spitzbogenfenster
des Obergeschosses in der Formation der Chorfenster profilirt
sind. Die beiden nebeneinanderliegenden Stufengiebel, welche
diese Kapelle bekrönen, sind nüchtern und flau profilirt, aber
wie der ganze Bau gediegen gearbeitet. Hohe Spitzbogenblen-
den erscheinen in "jeder Stufe und sind mit einem offenen Ringe
und zweitheiligen Stabwerk ausgesetzt. Die Wandflächen sind
mit Rautenmustern von schwarz glasirten Steinen hergestellt,
dekorirt. Der Charakter vom Schlusse des XV. Jahrh. ist dem
ganzen Bautheile unverkennbar aufgeprägt.

Die ebenfalls zweigeschossige Marienkapelle an der Nord-
seite besitzt ebenfalls flachbogige Unter- und niedrige spitzbo-
gige Oberfenster. Auch der Giebel ist mit langen Spitzbogen-
blenden ausgestattet. Die Unterwände zeigen Rautenmuster;
eine schlanke Flachbogenthür filhrt von Norden in das Innere.

Der im Unterbau als Oblongum angelegte Westthurm, wächst
oberhalb des Daches quadratisch heraus und ist mit einer kupfer-
belegten wälschen Haube beendigt. Derselbe besteht aus zwei
Theilen, einer älteren vorderen auf 3 Fufs hohem Granitfunda-
ment ruhenden Hälfte und einer hinteren östlichen ohne dieses
Material hergestellten Hälfte. Die Ansatzspur ist unverkennbar
und reicht hoch hinauf. Die tiefere östliche Hälfte hängt mit
dem Schiffsbau zusammen, so dafs nur der vordere Untertheil
des Thurmes als der einzige Rest eines Stiftungsbaues aus.der
Mitte des XIII. Jahrh. betrachtet werden kann. Alle vier Ecken
des Thurmes sind mit Ecklissenen besetzt, welche in ca. 50 Fufs
Höhe aufhören. Der dann folgende Thurmtheil ist mit Rauten-
musterwerk im Charakter des Chorbaues dekorirt. Der Ober-
theil des Quadratthurms ist höchst nüch’tern mit drei spitzen
Schallöffnungen und flachbogigen Blenden im Charakter des
XVI, Jahrh, ausgebildet. Das unten im Thurme vorhandene
reich gegliederte, aber übertrieben profilirte Westportal ist wie-
der aus rothen und schwarzbraun glasirten Ziegeln mit Knos-
penkapitellen konstruirt und dürfte der Zeit des Chorbaues an-
gehören.

Technisches.

Die technische Ausführung- des Bauwerks' in slavischem
Verbande ist gediegen; das verwendete Material von besonde-
rer Güte. Besondere technische Eigenthümlichkeiten sind nicht
vorhanden.

Kunstwerke.

Der alte Hochältar, aus zwei übereinandergestellten Flügel-
altären bestehend, zeigt vortreffliche bemalte Schnitzereien. Oben
ist Unsre liebe Frau zwischen den beiden Johannes, unten die
Krönung Mariä, in den Flügeln die 12 Apostel in sehr beweg-
ten, etwas übertriebenen Stellungen. Das Ganze zwar schon in
der spätesten Behandlung der mittelalterlichen Skulptur aber doch
reich und theilweis sehr anmuthig, gehört zu den besseren Denk-
mälern dieser Gattung in den Marken. Die Entstehungszeit
dürfte um 1500 zu setzen sein. Ein besonderer Schmuck der
Pfarrkirche war bis vor wenigen Jahren ein mächtiges 27 Füfs
hohes in Holz sehr zierlich geschnitztes Sakramentshäuschen,
über dessen einer durchbrochenen Thür die Worte standen:
„Na Christus Gebort MCCCCXVI. Jesus Nazarems Rex Judeo-
rum. Help Sunte Anne sulf drude. Hinrick W. 1). “

Resultat.

Diese ganz im Charakter der besten westphälischen 2) Hal-
lenkirchen erbaute Pfarrkirche besteht aus verschiedenen Bau-
zeiten, welche nach den oben geschilderten Eigenthümlichkeiten
sich folgendermafsen ordnen. Ein oblonger Thurmrest aus der
Zeit des Stiftungsbaues von ca. 1245, das westliche 3 schiffige
Langhaus zwischen 1270—80; der östliche 3 schiffige Langchor
datirt yon 1451, die nördliche Marienkapelle von 1484, die süd-
liche Frohnleichnamskapelle (?) von 1498, der Obertheil des
Thurmes endlich von 1512.

II. Kapelle St. Spiritus.

Diese Hospitalkirche ist alten Ursprunges, sie wird schon
1309 urkundlich in Folge einer Begabung genannt. Andre Wohl-
thaten empfing sie 1373 und 1435. Ein grofser Brand beraubte
die Kirche ihres Thurmes, der erst 1733 wieder errichtet wurde.

Baubeschreibung.

Die Kapelle bildet ein einschiffiges, jetzt ungewölbtes Got-
teshaus mit ganz veränderten Fenstern und schwachen Strebe-
pfeilern. An der West- und Ostmauer sind grofse schlanke
Spitzbogenblenden zur Dekoration verwendet. Im Westen er-
hebt sich ein quadrates, einfach gestaltetes Thürmchen.

Die Bauzeit darf um die Mitte des XV. Jahrh. angenommen
werden.

III. Rathhaus und Kaufhaus.

Beide auf dem Marktplatze in derselben Axenflucht stehende
Bauwerke sind durch mehrfache Umbauten 'sö verändert wor-
den, dafs man. nur mit Mühe die Thatsache erkennt, dafs der
Kern beider Gebäude dem späteren Mittelalter angehört. Na-
mentlich besitzt das Rathhaus eine Laube von drei rundbogigen
Arkaden, darüber den ziemlich rohen Quadratthurm für die Raths-
glocke. An der Nordseite steht ein ldeiner Giebelbau mit Fen-
stern. und rautenförmigem Backsteinmuster wie an den beiden
Nebenkapellen der Pfarrldrche, nur etwas roher durchgebildet.
Die Bauzeit ist 1529 — 31 3).

Das mit einem einfachen Giebel versehene Kaufhaus ist in
seinen oberen Theilen theils entstellt, theils zerstört. Ein rei-
ches Spitzbogenportal mit Profilen seltener Formation läfst den
spätgothischen Charakter erkennen. Das Gebäude hat insofern
einiges Interesse als es zu den sehr wenigen Beispielen einer

') Dieses für die Marken seltene Denkmal war durch eigenthiimliche Schicksale meh-
rere dahre lang nach Berlin gewandert, ist dann aul Veranlassung des Königl. Conserva-
tors Herrn F. v. Quast zurückgebracht worden, harrt aber noch immer seiner Wiederauf-
stellung.

2) Dieser Anklaög an die westphälische Richtung erklärt sich einfach aus der That-
sache, dafs, wie wir urkundlich wissen, viele Westphalen in die Priegnitz am Anfange und ■
in der Mitte des XIII. Jahrh. eingewandert sind.

3) Lontz, Stiftshistorie von Havelberg. S. 60.
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