Adler, Friedrich
Mittelalterliche Backsteinbauwerke des Preußischen Staates (Band 2) — Berlin, 1898

Seite: 16
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Daten (1525) an den Kappengewölben und Arkadenbogen würde
der Charakter des XVI. Jahrh. überall erkannt werden können.
Von dem gesteigerten Reichthume, den die einzelnen ßautheile
insbesondere die Schiffspfeiler des Langhauses empfangen ha-
ben, geben die Darstellung des Systemes und der Schiffspfeiler
auf Blatt LVI, Fig. 2 und 1 eine deutliche Vorstellung. Hier-
bei ist das Wiedereintreten der runden Arkadenbogen, sowie
die mannigfache Zerlegung der Pfeiler in einzeine spitzwink-
iig geschlossene Bilderblenden, endlich die vieifache Anwen-
dung des gedrehten Taues als Plinthe, Kämpfer und Hauptdienst
besonders charakteristisch. Für die nachlässige und rasche Vol-
lendung spricht die völlig schiefwinklige Richtung der Ilaupt-
mauern, die ganz verschiedene Breite der Seitenschiffe, vor al-
lem aber die schon oben hervorgehobene, viel zu frühe Ab-
schliefsung der fünftheiligen breiten Fenster durch gedrückte
Spitzbogen. Daher steht das Langhaus trotz des Mehraufwan-
des an Kunstformen in jeder Hinsicht hinter dem so viel ein-
facher und strenger gestalteten Chore entschieden zürück.

Teehnisehes.

Die Technik stimmt mit derjenigen, welche die Altmark
ausgebildet hatte, völlig überein. Xur die vortrefflich gemauer-
ten Kreuzgewölbe zeigen eine besondere Leichtigkeit und Kühn-
heit, da sie bei fast 80 Fufs Höhe und 38 Fufs Spannung nur
4 1, Zoll stark hergestellt worden sind. Durch die Schlufsringe
der Kreuzgewölbe der Oberkapellen am Querschiffe sind eiserne
Stangen mit Blumen am Ende hindurchgeführt, welche, durch
reich dekorirte Maafswerksstücke mit den Rippen verbunden,
wahrscheinlich zur Aufhängung von Lichterkronen gedient ha-
ben. Sämmtliche etwas schwach gehaltene Strebepfeiler haben
an ihrem unteren Absatze nachträglich eine aus schrägen Schich-
ten konstruirte Verstärkung erhalten, wie dies der Grundrifs Blatt
LVI, Fig. 5 längs der Nordseite zeigt. Das Inn'ere \\ rar stets
ungeputzt.

Das Steinformat beträgt an dem westlichen Thurmreste
10j Zoli, 5 Zoll und 3jZoll; an dem Chore 10| Zoll, 5J Zoll
und 3i Zoll; am Schiffe (Südmauer) lOf Zoll, 5j Zoll und 3| Zoll. !|

K u n s t w e r k e.

lendeten Durchführung der Figuren. Höchstwahrscheinlich ist
dieser Altar um das Jahr 1460 hergestellt worden.

Von nicht geringerer Schönheit aber ebenso schwer beschä-
digt, und wie es scheint dem Untergange rettungslos verfallen,
sind die Glasgemälde der Chorfenster. Es sind grofsentheils figür-
liche Kompositionen, welche sich theils auf das Leben der Maria,
theils auf die Passionsgeschichte beziehen. Durch Grofsartigkeit
der Komposition und seltene Farbenpracht besonders ausgezeich-
net erscheint die Kreuzigung Jesu, bei welcher ein Engel am Ivreu-
zesstamm das heilige Blut auffängt, während die seitwärts stehende
Maria eine Hand auf die Schulter des anbetenden Kurfürsten, —
nach dem Wappenschilde ein Hohenzoller, — legt. Darunter viele
Ritterhelme und Wappen dänischer und sächsischer Fürsten, so-
wie vieler adligen Geschlechter. Da die zahlreichen architekto-
nischen Kunstformen innerhalb dieser Bilder wie z. B. die Bal-
dachme, Kreisblenden, Wimpergen bereits deutliche Formen der
Renaissance mit denen der Gothik gemischt zeigen, so können
diese Prachtstücke der Glasmalerei nur vom Schlusse des XV.
Jahrh., etwa von 1490—1500 stammen.')

In dieselbe Zeit gehören sodann: 1) die überlebensgrofse,
geschnitzte und bemalte Figur des Bischofs Johann III., wel-
che an den mittleren der drei Nordpfeiler des Langhauses sich
anlehnt, (vergl. Blatt LVII) aber ebenfalls nicht mehr den echt
gothischen Typus, sondern den der wiedererwachten klassischen
Kunst besitzt; 2) die an den Langwänden des Chores befindli-
chen Holzemporen, deren vordere Brüstungsfüllungen mit grau
in grau gemalten und clurchaus holzschnittartig behandelten
Darstellungen der Legende des heiligen Blutes (riebst erklären-
den Sprüchen in mederdeutscher Mundart darunter) geschmückt
sind.

Ee.sultat,

Der erhaltene westliche Thurmrest stammt von 1384—96;
die erneute Wallfahrtskirche von 1447 —1525 und zwar 1) der
Chor von 1447 — 70; 2) das Querschiff von 1470 — 80; 3) das
Langhaus von 1500 — 20 — 25. 2 3)

F. Die Stadt Prizwalk.

Von der reichen Ausstattung der zweiten Kirche aus dem
Schlusse des XIV. Jahrh. sind nur noch ein Sandsteinleuchter '),
und der Taufste.in erhalten. Ebenso grofs sind die Verluste, welche
die Kirche durch Vernachlässigung und Verschleuderung ihrer
zahlreichen und kostbaren Schnitzaltäre aus der dritten Bauepoche
(des XV. u. XVI. Jahrh.) und zwar erst im Laufe des letzten Jahr-
hunderts erlitten hat. Die erhaltenen Fragmente lassen diesen Un-
tergang tief bedauern. Aufser einem spät gothischen Schranke,
in welchem früher das heilige Blut (jetzt einige Reliquien
und Merkwürdigkeiten) aufbewahrt wurde, ist der aus zwei ge-
schnitzten, bemalten und vergoldeten Altären zusammengestellte
Hochaltar (vergl. Blatt LVII den farbigen Querschnitt) beson-
ders hervorzuheben. Der obere kleinere zeigt im Mitteltheile
Maria mit dem Kinde zwischen Petrus, Johannes und vier klei-
neren Heiligen, in den Flügeln zwölf Heilige und unten an der
Pedrelle zwei Medaillonbilder, Männer mit Spruchbändern, wo-
rauf Ysaias noch mit Mühe gelesen werden kann. Der untere
und schönere Altar, welcher überhaupt zu den edelsten und
schönsten Kunstwerken dieser Gattung in der Mark gerechnet
werden mufs, zeigt zunächst einen fünftheiligen Unterbau, der
mit vorzüglich stylisirten ganz durchbrochenen Maafswerken ge-
krönt ist. Darunter stehen jetzt nur noch Büsten von Maria und
St. Nikolaus. Der mittlere Theil zeigt die Gottesmutter, daneben
rechts wie links sechs Apostel als freie Figuren von lauterster
Schönheit in der Auffassung und höchster Feinheit in der Ge-
staltung. Das giebelförmige Maafswerk darüber, zum Theil in
einem filigranartigen Maafsstabe gearbeitet, ist vorzüglich klar
und schön gegliedert und entspricht in jeder Beziehung der vol-

Im Jahre 1256 erhielt der aus slavischer Zeit herrührende
Ort durch die Markgrafen Johann I. und Otto III. das Stadt-
recht von Seehausen :i) und schwang sich bald, im Laufe des
XIII. Jalirh. zu grofser Wohlhabenheit auf. Auch erhielt sich
diese Blüthe während des Mittelalters, wovon aufser der star-
ken und ausgedehnten Befestigung mit vier Thoren, vielen Thür-
men und Weichhäusern, zwei Pfarr- und drei Hospitalkirchen
urid Kapellen auch baulich das Zeugnifs gaben. 4) Leider ist
in Folge schwerer Brände und Zerstörungen während und nach
dein 30jährigen Kriege von der umfangreichen städtischen Bau-
thätigkeit nur die Pfarrkirche St. Nikolaus erhalten.

I. Pfarrkirche St. Nikolaus und St. Maria.

Historisches.

Vermutlich bei Anlage der Stadt um 1256 gegründet, wird
diese Kirche urkundlich durch eine Bestätigung des ßischofs
Arnold von Havelberg im Jalire 1309 genannt. Mehrfache Al-
tarstiftungen oder Bewidmungen werden sodann 1314, 1328
1344 und 1361 genannt. Im Jahre 1441 wurde laut. erhaltener

a) WahrscHeinlich sind diese Fenster Stiftnngen der Hohenzollernschen Fürsten ge-
wesen und in Niirnberg angefertigt worden.

2) Vergl. hierzu v. Quast: Beschr. d. Doraes zu Stendal etc. in den M'ark. Forseli.
III, S. 149, der zu einer etwas früheren Datirung des Baubeginnes geneigt ist. Nach wie-
derholter ßevision und Vergleichung der Urkunden mit dem Bauwerke selbst mufs. ich bei
meiner Datirung sowohl des Ganzen wie der einzelnen Abschnitte beharren.

3) Riedei ä. a. O. II, 1. u. IH, 342.

4) Vergl. die Abbildung der Stadt in Merian a. a. O. S. 84.

‘) Abgebildet in v. Quastu. Otte, Zeitschr. f. christl. Archäologie etc. II. T. 18, 4.
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