Adler, Friedrich
Mittelalterliche Backsteinbauwerke des Preußischen Staates (Band 2) — Berlin, 1898

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selben mit beseheidenen Kirchen sich äufserte, sondern auch an

welche durch jener Fürsten Iduld und Fürsorge entstanden. Von
gröfstem Einflusse anf die Entwickhmg der märkischen Bau-
kunst im Anfange des XIII. Jahrh. war zunächst der enge poli-
tische Zusammenhang der Mark mit dem Erzbisthume Magde-
burg, welches über die Allodial-Besitzungen der Markgrafen !
dielehnsherrlicheOberhoheitgewonnenhatte undfest behauptete. 1)

Oa nun der damalige Erzbischof Albert, dfirch persönliche Bezie- jj
hungen mit Nordfrankreich verbunden, die dort entwickelten, ||
Bauformen der Gothik bei dem grofsartigen, seit 1208 betrie-
benen Neubau des Domes mehr und mehr einzubürgern suchte, |
so war es selbstverständlich, dafs man diese neue Richtung in
der Mark für gröfsere Neubauten adoptirte und die zu Magde-
burg im Werksteinbau hergestellten Kunstformen bei dem Back-
steinbau der Mark in Anwendung brachte. Die einzelnen in
dieser Beziehung geschehenen Schritte können wir bei dem
Verluste der Harlunger Bergkirche (1220 — 1240) sowie wie bei
dem späteren Umbaue des Domes zu Brandenburg, 2) nur an der
langsam geförderten Klosterkirche von Lehnin, welche erst
1262 3) eingeweiht wurde, beurtheilen. Weitere Ausflüsse dieser
neuen Richtung lassen sich sodann nach den Bruchstücken der um
1200 — 1210 erbauten Pfarrkirche St. Maria und St. Andreas zu
Rathenow, und besser erhalten an der um 1220 — 1230 erbauten
Pfarrkirche St. Nikolaus zu Treuenbrietzen erkennen, von denen
die letztere den engsten Anschlufs an Lehnin bekundet. Der-
selben Auffassung entsprechend, nur ungleich klarer, einheitli-
cher und grofsartiger als Lehnin, ist in derselben Zeit der Haupt-
bau der Niederlausitz, die Cistercienserkirche von Dobrilugk')
entstanden. Obgleich die Stiftung dieses Klosters schon 1181
erfolgt war, so ist doch die noch vorhandene Kirche ein aus-
geprägter Backsteinbau des Übergangsstyls fca. 1210 — 1225),
dessen Einflufs auch in der Nachbarschaft in kleineren Dorf-
kirchen wie Lugau, Lindenau u. A. erkennbar ist. Noch be-
deutendere Fortsehritte zeigt alsdann das 1219 — 30'’) erbaute
Nonnenkloster Güldenstern bei Mühlberg an der Elbe, welches I
besonders in der Nachbarschaft wie z. B. zu Burxdorf die kon-
sequente Anwendung altgothischer Details zu verbreiten suchte,
allerdings ohne die einfache Schönheit der fast gleichzeitig
erbauten Klosterkirche zu Neuendorf bei Gardelegen 6) zu er-
reichen.

In den neu erworbenen Ländern der Mark Brandenburg, im jj
leltow und im Barnim war inzwischen eine zahlreiche Menge
neuer Dörfer von eingewanderten Deutschen gegründet, ja durch
die utnsichtige Fürsorge der Markgrafen selbst eine Anzahl von
gröfseren Ortschaften bereits mit deutschem Stadtrechte begabt
worden. Alle mit jenem Aufschwunge der Landeskultur so eng
verbundenen Bauunternehmungen sind auffallender Weise in der
schweren und ungefügigen Technik des Granitbaues hergestellt
worden. Dahin gehören nicht riur feste Schlösser wie Oder-
berg und Biesenthal (um 1215), oder die Ringmauern und Thore
einzelner Städte wie von Spandow (1240), Berlin und Cöln
(1247), Straufsberg (1254), Bernau und Frankfurt a. d. O. (ca.
1256), sondern die neugestifteten Nonnenklöster von Lindow und
Zehdenick (1250— 1260), und zahlreiche Pfärrkirchen in den
Städten, wie St. Nikolaus zu Berlin, St. Peter zu Cöln und
Köpenick (beide jetzt erneuert), Mittenwalde, Alt-Landsberg und
Teltow (alle von 1220 —1230), St. Maria zu Strausberg (1240) jj
u. A. bezeugen diese 1 hatsache. Der Grund für diese selir be-
stimmt hervortretende Bevorzugung des Granitbaues mufs einer-

q ßiedel Mark Brand. I, S. 66 ff.

2) Vergl. Band I, S. 5 u. S. 11 ff.

3) Hefftet, Gesch. v. Lehnin, S. 28.

4) Die Klosterkirehen von Dobiilugk und Güldenstern sind diescr Sammlung, obsehon
heide niederlausitzisclien resp. sächsischen Ursprungs sind, dennoch einverleibt wordeu, weil
dieselben jetr.t dem preufsischen Staate angeliören und als Backsteinbauten von hervorra-
gender Bedeutung für die kunStgeschichtliche Darstellung des Backsteinbaues ganz unent-
^ehrlich waren.

5) Puttrich. II, 2. Bauwerke zu Wittenberg etc., S. 11.

6) Vergl. Band I, S. 53.

II.

seits in der höchsten Beschleunigung des ganzen Germanisirungs-
processes, andrerseits in der Festhaltung altbekannter Technik
Seitens der neuen Einwanderer, welche aus Sachsen, Westphalen
und den Rheinlanden stammten, gesucht werden. Daher erklärt
sich auch das überaus sparsame Vorkommen backsteinerner Dorf-
kirchen, während weitaus die gröfste Mehrzahl der im Teltow wie
im ßarnim neu angelegten Dörfer den Granitbau zeigt. Die äl-
testen Kirchen haben noch mannigfache Reminiscenzen der ro-
manischen Bauweise in Fenstern, Portalen, selbst in der Planbil-
dung bewahrt. Dahin gehören die Templerdörfer bei Berlin,
Mariendorf, Marienfelde und Tempelhof, ferner Stahnsdorf bei
Teltow, Weissensee und Lindenberg bei Berlin, während die zahl-
reichen Granitkirchen bei Straufsberg,' Müncheberg, Neustadt
und Oderberg mehr dem Typus des Übergangs- und altgothischen
Styls entsprechen. In einzelnen Städten wie besonders zu Berlin
erhielt sich sogar die Bevorzugung des Granitbaues bis gegen
den Schlufs des XIII. Jahrh., was namentlich durch den um
1260 -r- 70 geführten Neubau der Pfarrkirche St. Maria bezeugt
wird. Über den vielberühmten, auf Kosten des Markgrafen
Otto III. ganz aus behauenen Kalksteinen (von Rüdersdorf) her-
gestellten Bau der Dominikanerkirche zu Straufsberg (1254) läfst
sich wegen des Unterganges dieser Kirche leider nicht urtlieilen,
doch darf dieser von einem der Landesherren unternommene
Versuch einer weiteren Einbürgerung des Werksteinbaues nicht
unerwähnt bleiben.

Indessen fehlt es auch nicht an Denkmälern, welche die
allmählige, wenn auch langsam wachsende Verbreitung des Back-
steinbaues innerhalb der neu erworbenen Gebiete der Mittel-
mark bezeugen. Zu den ältesten Bauwerken gehören nach dem
Untergange des 1239 gestifteten Nonnenklosters zu Spandow,
die kleine zweischiffige altgothische Pfarrkirche zu Plaue (um
1240), sodann in gröfserem Maafsstabe und in reicherer Durch-
bildung die alten Schiffstheile der Pfarrkirchen St. Maria Mag-
dalena zu Neustadt-Eberswalde (1250) und St. Nikolaus zu
Frankfurt a. d. O. (1260). Der gröfste und andauernde Auf-
schwung des Backsteinbaues begann alsdann mit der fast gleich-
zeitigen Bauausführung der Bettelmönchordenskirchen (Neu-
Ruppin, Berlin, Frankfurt, Gransee und Brandenburg), sowie
des vom Markgrafen Joliann I. erbauten Oistercienserklosters
Chorin, welches den Gipfelpunkt des edelgothischen Styls nicht
nur in diesen Gebieten, sondern in der ganzen Mark Branden-
burg bezeichnet. Das im Jahre 1254 ursprünglich auf einer
Insel im Parsteiner See als Tochterkloster von Lehnin gestif-
tete Kloster, dessen spärliche Reste noch den strengsten Typus
der altgothischen Bauweise erkennen lassen, ist um 1272 an
seine jetzige Stelle verlegt und in zwei bald aufeinander fol-
genden Bauepochen bis zum Jahr 1310 völlig vollendet worden.
Der hierbei gewonnene Schönheitssinn und die Sicherheit in der
struktiven wie dekorativen Gestaltung der gothischen Bauformen
ist fiir den Schlufs des XIII. Jahrh. bis zum Aussterben der An-
haltiner (1320) in der nördlichen Mittelmark maafsgebend geblie-
ben und hat besonders in der Uckermark und in Neu-Brandenburg
eine Fülle von hervorragenden Bauwerken entstehen lassen. In
der Mittelmark lassen der Chorbau von St. Maria Magdalena
und die Hospitalkirche St. Georg zu Neustadt-Eberswalde (um
1280), ferner die Reste des Franziskaner-Klosters zu Gransee
(1280), unzweifelhaft einen engen Zusammenhang mit Chorin er-
kennen, ebenso wie andrerseits die weitschiffige, auf dem Schiffs-
systeine des Domes zu Magdeburg beruhende Franziskaner-KIo-
sterkirche zu Berlin (nach 1271), für Berlins kirehliche Baukunst
insbesondere für die Pfeilerbildung von St. Maria und St. Ni-
kolaus (vor 1300) das Vorbild gewesen ist. Mit geringeren
Mitteln aber nicht ohne ernste Schönheit sind die Franziskaner-
kirchen zu Frankfurt a. d. O. (1270) und Brandenburg (1280)
ausgeführt, während die Dominikanerkirche zu Neu-Ruppin
(1256 begonnen und gegen 1320 mit dem hinzugefügten Chor-
polygone beendet) und zu Brandenburg (1286 — 92) grofsräu-
miger und reicher durchgeführt ersche'iüen. Die ebenfalls sehr

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