Adler, Friedrich
Mittelalterliche Backsteinbauwerke des Preußischen Staates (Band 2) — Berlin, 1898

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evangelischen Lehre (1538) durchführen liefs, von welchem aber 1
nach dem im vorigen Jahrhundert bewirkten Abbruche nur annähe- ij
rungsweise aus Zeichnungen geurtheilt M'erden kann. Derselben
Zeit ano-ehöri«' und noch wohlerhalten ist die durcli einfache
Schönlieit ausgezeiclmete Dorfkirche in Klein-Machenow (ca.
1520 — 40), sowie als werthvolle Kunstwei-ke das zierliche Sa-
kramentshaus (1511) und der siebenarmige Leuchter im Dome zu
Fürstenwalde (1538) zu nennen.

Die Bauformen der Renaissance, welche unter steigender
Verwendung von Sandsteindetails den ungeputzten Backsteinbau
mehr und mehr verdrängt haben, erscheinen zuerst amKathhause
von Fürstenwalde (gleich nach 1500) und finden dann durch
die Heranziehung italienischer Festungs-Ingenieurs bei den neuen
Fortifikationsanlagen von Spandow (1550) und Cüstrin (1568) we-
sentlich begünstigt, mehr und mehr Aufnahme, zumal bei der Her-
stellung fürstlicher und adliger Schlösser. An der Spitze steht
das theilweis noch mit gothischen Stylformen in gröfstem Maafs-
stabe durchgeführte Schlofs zu Torgau (Mitte des XVI. Jahrh.),
mit welchem einst das nacb 1538 begonnene kurfürstliche Schlofs
zu Cöln wetteiferte, bevor Andreas Schlüter’s ebenso umfang-
reicher wie prachtvoller ümbau (1699 —1706) seine Totaler-
scheinuns - völlia- veränderte. Nur an der Wasserseite sind Theile
dieses Schlofsbaues vom XVI. Jahrh. noch erhalten, wie solche
sich auch im Jagdschlosse Grunewald, zu Boitzenburg, Schwedt
Dahme, Dobrilugk und in der grofsartigsten Durchführung be-
sonders zu Leitzkau (Schlufs des XVI. Jahrh.) noch vorfinden.

I. Die Klöster der Mittelmark.
Klosterkirche zu Leitzkau.

Historisch-es.

Der zwei Meilen von Zerbst belegene Ort Leitzkau (im
Mittelalter Liezeke oder Liezo genannt) mufs frühzeitig in den
Besitz der Bischöfe von Brandenburg gelangt sein, ohne dafs
die Art der Erwerbung deutlich erkennbar wäre. Schon der Bi-
schof Wigo von 992 — 1018 besafs im Anfange seiner Regierung
zu Leitzkau einen Hof, 1) und der König Heinrich II. versaui-
melte im Jahre 1005 das deutsche Heer daselbst. zum Kample
gegen die Polen. 2) Als zwölf Jahre später derselbe inzwischen
ZUr Kaiserwürde gelangte Heinrich II. bei einem abermaligen
Feldzuge gegen die Polen, Leitzkau wieder zum Sammelplatze
^ er Fürsten und ihres Heergefolges machte, fand sich jener
bischöfliche Hof zerstört und die ganze Umgegend nur von wil-
den Thieren bewohnt. 3) Ein schlagender Beweis für die unsi-
cheren Besitzverhältnisse dieser Grenzgebiete.

Erst em Jahrhundert später wird alsdann der Ort als aber-
maliger Ausgangspunkt für christliche Missionsthätigkeit in den
überelbischen Gegenden in einer Urkunde vom Jahre 1114 ge-
nannt. In diesem merkwürdigen Schriftstücke') bekundet Bischof
Herbert von Brandenburg, dafs er mit Adalbero von Magdeburg
in der Umgegend von Leitzkau viele heidnische Götzenbilder
zerstört und anfänglich eine hölzerne, bald aber durch Unter-
stützung frommer Christen eine steinerne Kirche (lapideam con-
struximus basilicam') erbaut habe. Dafs schon damals die Er-
i'ichtung eines klösterlichen Stiftes an jener Kirche beabsichtigt
war, ist höchstwahrscheinlich, indessen verzögerte sich diese
Angelegenheit in Folge der unsicheren politischen Verhältnisse,
bis der 1126 auf den erzbischöflichen Stuhl von Magdeburg ge-
langte Norbert im Jahre 1128 3) einen Mönchsconvent des von
ihm gestifteten Prämonstratenser Ordens daselbst vereinigte.

') Riedel a. a. O. X, 64.

2) Thietraar v. Merseburg VI. c. 14 in Pertz SS. III.

3) Thietmar a. a. O. VII. c. 42.

4) Riedel a a. O. X, 69.

5) Vergl. das Fragment einer Brandenburg-Leitzkauer Cln-onik in Riedel a. a. 0.

D- I, 283 fL

Dieser Convent, welchem die Rechte und Pflichten eines bischöf-
lichen Domcapitels für Brandenburg verliehen wurden, hat meh-
rere Jahre bei der im Orte Leitzkau befindlichen St. Peterskirche
bestanden und ist dann, wahrscheinlich auf Betrieb des zum
Bischofe von ßrandenburg erhobenen, früheren Propstes des
St. Marien-Klosters zu Magdeburg, Wiggerus um das Jahr 1140')
zu einer auf Kosten des Markgrafen Albrecht’s des Bären auf
dem Berge bei Leitzkau inzwischen neu erbauten Kloster-
kirche St. Maria versetzt worden. 2) Nach urkundlichen Zeug-
nissen wurde dieser umfangreiche und glänzende Neubau am
13. September 1155 durch Erzbischof Wichmann iin Beisein des
Markgrafen Albrecht und seiner Söhne feierlich eingeweiht. 3)
Dafs Albrecht der Bär der eigentliche Stifter gewesen ist, be-
zeugen die urkundlichen Worte: „ SoZlicitudims itaque nostrae,
quiprimi et summi ejusdem ecclesiae sumus fundatores et ad-
vocati....“ 4), sowie sonstige Begabungen und Bewidmungen
des Stiftes durch ihn und seine Familie. Des Klosters Besitzun-
gen nahmen daher innerhalb der nächsten Jahre an Umfang
bedeutend zu, 5 6) aber seine kirchliche Bedeutung büfste es durch
die bald darauf erfolgte Herstellung des bischöflichen Stuhles
und der Errichtung eines Domcapitels bei der Kathedral-Kirche
zu Brandenburg gröfstentheils ein. c) Denn der Bischof über-
siedelte auf Wunsch des letzten Wendenfürsten Pribislav bald
nach dem Jahre 1140 einen Theil des Leitzkauer Conventes an
die St. Godehards Kirche zu Brandenburg und sein Nachfolger
Wilmar 1166 von dort an den vorläufig und eilig wiederher-
gestellten Dom. 7) In Folge dieser Einsetzung eines Domcapi-
tels an dem uralten Stiftungsorte, wurde das ursprünglich an
Leitzkau haftende Diakonat getheilt und zwar in zwei sehr un-
gleiche Hälften, wovon der Propst zu Leitzkau die Ideinere zur
Verwaltung erhielt. Da auch das Recht der Bischofswahl dem
Domcapitel zu Brandenburg, — trotz des langjährigen Wider-
standes der Leitzkauer Mönche, — nicht vorenthalten werden
konnte, so sank das Stift zu Leitzkau um so mehr von seiner
Höhe herab, als insbesondere jüngere Klöster wie Jerichow und
Broda eine höchst energische, missionare wie germanisirende
Wirksamkeit entfalteten, Von den späteren Schicksalen des
Klosters, welches durch seine Lage in der Nähe Magdeburg’s
und bei der fortdauernden Rivalität init Brandenburg, sich gern
und oft an das Erzstift anlehnte, — ist wegen des Urkunden-
verlustes überaus wenig bekannt geworden. Uud wie es das
erste Stift auf überelbischem Boden gewesen war, so wurde es
auch auf Antrag des Bischofs von Brandenburg und unter Zu-
stimmung des Papstes Olemens VII, durch Kurfürst Joachim I.
schon im Jahre 1534 aufgehoben. 8) Kurfürst Joaehim III. benutzte
das in ein „Amt“ verwandelte Kloster als Pfandstück für verschie-
dene Gläubiger und sein Bruder, Markgraf Johann verkaufte es
endlich 1564 als ein Lehngut an einen berühmten Heerführer
jener Zeit, den Oberst Hilmar von Münchhausen. 9) Im Besitze
dieser später in zwei Linien gespaltenen Familie befinden sicli
die Leitzkauer Güter nocli heute.

Baubesclireibung.

Die Klosterkirche war, wie der nachfolgende Holzschnitt
lehrt, ursprünglich eine dreischiffige romanische Pfeilerbasilika
mit Querschiff und zweitlnirmiger Westfront. An dem Quer-
scliiffe befanden sich wie aus den Abbruclisspuren hervorgeht,
zwei Nebenapsiden, während eine Hauptapsis den wahrscheinlich
quadratisch gestalteten Clior abschlofs. Leider sind die Seit-en-

') Im Jnhre 1140 wurde die alte St. Peterskirche im Orte Leitzkau durch Wiggerus,
wahrscheinlich nach dem Abzugc der Kleriker ebenfalls neu geweiht. Riedel. D. I, 288.

’) Riedel a. a. O. D. I, 284 ff.

3) Riedel a. a. O. A. X, 71.

4) Riedel a. a. O. X, 74.

5) Riedel a. a. 0. X, 71 ff.

6) Riedel a. a 0. X, 65 ff.

7) Vergl. Historisclies zur St. Peters-Ivapelle und zurn Dome von Brandenburg; Band I,
S. 10 ff.

8) Riedel a. a. 0. X, 89 ff.

9) Riedel a. a. 0. X, 95.
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