Adler, Friedrich
Mittelalterliche Backsteinbauwerke des Preußischen Staates (Band 2) — Berlin, 1898

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nachlässigt und unter Friedrich II. abgetragen. Später verfiel
auch die Kirche wegen mangelhafter Baupflege, besonders ihre
gröfsere Westhälfte zwischen 1770 —1800, so dafs 1858 nur
noch die durch eine Mauer abgetrennte Osthälfte zum Gottes-
dienste diente. Dank der hochherzigen Anregung des Kron-
prinzen Friedrich Wilhelm, nun verewigten Kaisers Friedrich III.,
wurde die Kirche von 1871 — 77 restaurirt und an vielen Stellen
erneuert. Es geschah dies im engen Anschlusse an die he-
stehende, aber von Jalirzehnt zu Jahrzehnt immer mehr zu-
sammengeschmolzene Bausubstanz und unter Anwendung des
alten grofsen Steinformates, gleichwohl hat das Aeufsere von
seiner Alterthümlichkeit selxr viel eingebüfst. Im Innern wurden
die Wand- und Pfeilerflächen, die Fenster- und Thürlaibungen
sowie die Gewölbekappen geputzt, alles andere bheh gefugter
Ziegelbau. Die Baukosten sollen rund 150000 Mk. betragen
haben. (Zeitschr. f. Bauwesen, Bd. XXYIII, Text S. 471.)

Baubeschreibung.

Die Kirche 1) (Blatt LYIII—LX) ist als dreischiffige kreuz-
förmige gewölbte Pfeilerbasüika nach dem gebundenen Systeme
gebaut; an den ohlongen Langchor schliefst sich eine Apsis,
während die Kreuzflügel mit plattgeschlossenen Zwilhngsdoppel-
kapellen hesetzt sind. Die Gröfse der Kirche ist bemerkens-
werth, deim die lichte Länge übertrifft die von Dobrilugk um
2 Fufs und die von Zinna um 30 Fufs. Auffallender Weise
ist die Vierung oblong, auch die iibertriehenen Mauerstärken
befremden, jedenfalls deuten sie auf grofse Yorsicht hin.

Mit Ausnahme der Apsis herrscht in allen Bautheilen das
Kreuzgewölbe vor, theils mit, theils ohne Ilippen. Das erstere
findet sich irn Langchore, in der Vierung, den Kreuzflügeln und
im Mittelschiffe, das letztere in den ZwillingskapeUen am Süd-
kreuzflügel und der Yorhalle im Xordwesten; auch war es früher
in den Seitenschiffen vorhanden. Dafs der Bau lange gedauert
hat und mehreren Bauzeiten entstammt, lehrt ein Yergleich der
Osttheile mit denen im Westen. Schon mit dem Aufbau des
zweiten Joches im Langhause (von Osten gerechnet) stellt sich
der Spitzhogen ein — vgl. Blatt LVIII Fig. 1 Xordseite und
Fig. 2 Längenschnitt — theils als bescheidene zusätzhche Um-
ralimung der Schiffsarkaden, theils in den gepaarten Oberfenstern
und Blenden, zugleich aber auch in den Quergurten der Yie-
rungspfeiler, um dann in voller Konsequenz die stattliche West-
fi'ont zu beherrschen. Diese langsam stattgefundene Ueberleitung
aus dem romanischen Stile in den gothischen Uebergangsstil
verleiht der Kirche ihren besonderen Kunstcharakter.

Yon Anfang an war sie als Gewölbebau geplant, wie der
Langchor nebst den Vierungspfeilern und den Mauerstärken be-
weisen, aber niedxiger als das ausgeführte Werk und etwas höher
wie Arendsee und Diesdorf. Dies geht sowolil aus der sin-
gulären Anordnung von zwei Fensterreihen in der Apsis hervor,
als auch aus der Tieflage der rundschildigen Würfelkapitelle der
östlichen Vierungspfeiler und den kleinen Geschofshöhen der
Zwillingskapellen. (Vergl. Blatt LYIII Fig. 1 Xordwand des
Chores mit Blatt LIX Fig. 1 Querschnitt.) Aucli die schmale
Mittellesine des Xordkreuzes deutet darauf liin. Erst nachdem
der Bau eine Höhe von 27 — 28 Fufs erreicht liatte, entschlofs
man sich — zum Segen der Sache — das Höhenmafs zu
steigern und dadurch im Langchore die lichte Hölie von 53 Fufs
zu gewinnen (Zinna liat 48 Fufs). In Folge dieser Abänderung
besitzt die Apsis zwei Fensterreihen und zwei Hauptgesimse,
beide mit durchschlungenen Bogenfriesen versehen, während der
Gurt der Unterfenster als einfacher Bogenfries gestaltet ist. Den
reich — sclion etwas schwülstig — gegliederten Sockel der
Apsis sowie die gekröpft aufsteigende halbachteckige Lesine mit
dem eben genannten Bogenfriese zeigt Blatt LX Fig. 6. Zur
Ergänzung diene der obenstehende Holzschnitt, welcher die

1) Abbild. d. Aeu&eren bei Essenwein a. a. O. Tafel 1 und bei Bergau
S. 482, beide von Nordosten gesehen.

schlichte Ecke des Chorostgiebels darstellt; ebenso einfach ist
auch der Xordgiebel auf Blatt LVIII Fig. 1 behandelt.

Von den alten Xebenchören steht nur noch die Südhälfte,
in jedem Geschosse durcli einen Mittelpfeiler, der zungenartig
mit der Ostmauer verbunden ist, in vier gewölbte Joche zer-
legt. Die Gliederung eines Wandpfeilers und des aus Halb-
säulen zusammengesetzten Mittelpfeilers mit trapezschildigen
Würfelkapitellen läfst Blatt LX Fig. 4 erkennen. Aucli der

Ostflügel des Kreuzganges be-
wahrt noch einen Wandpfeiler
ähnlicher Bildung wie Fig. 5
desselben Blattes lehrt, Das
westhclie Joch des Langhauses
besitzt nocli Rundarkaden, dar-
über aber unter Preisgebung
des durchgehenden Kämpfers
eine seltsame Wandgliederung
aus zwei Spitzbogen bestehend,
welche mit einemRundbogen ver-
schmolzen sind. Dals alle Quer-
gurte durch konsolartige, mehr-
fach absetzende Yorsprünge
nach oben hin enger werden,
gehört zu den Yorsichtsmafsregeln, welche damals bei Gewölbe-
bauten in den baltischen Ländern oft geübt wurden. Yergl.
Blatt LYIII Fig. 2 Längenschnitt und Blatt LIX Fig. 2 System
des Innern und Blatt LX Fig. 3 Yierungspfeiler.

Bei dem zweiten Joche ist der oben erwähnte Stilwechsel
eingetreten, und zwar höchst wahrscheinlich erst in der Kämpfer-
höhe der Arkaden, denn über diesen beginnt ein reicher rings-
umlaufender Gurtfries, auf welchen die gepaarten spitzbogigen,
mit Rundstähen besetzten Oberfenster sich erheben. Dieser
Gurtfries, Blatt LIX Fig. 4, besteht aus thönernen, mit Ranken
verzierten Reliefplatten, die oben durch einen Rundstab mit
Platte, unten durch Platte, Sägeschicht und Rundstab ab-
geschlossen sind und Reste der alten Malerei (braun und weifs
und roth und weifs) noch zeigen. An der Aufsenseite beginnt
an derselben Stelle ein ebenfalls aus Platten und Rundstäben
zusammengesetztes Flauptgesims, welches an das Schema: Deut-
sclies Band erinnert. Yergl. Fig. 5 und 6 auf Blatt LIX.

Das auf demselben Blatte Fig. 3 dargestellte Systenr der
grofsentheils zerstörten Xordseitenschiffs-Fagade, bestehend aus
flaelien mit Halbsäulen besetzten, oben abgeschrägten Strebe-
pfeilern, Sägeschichten, Bogenfriesen und dem Hauptgeslmse,
konnte nach dem Muster des Systemes der nordwestlichen Vor-
halle (Blatt LVIII Fig. 1) sowie unter Benutzung geretteter
Formsteine nur annähernd richtig wieder hergestellt werden.

Jene zweijochige Yorhalle, aufsen mit flachen Strebepfeilern
ausgestattet, innen mit zwei scharfgratigen Kreuzgewölben be-
deckt, ist wohlerhalten und bildet einen besonders reizvollen
Bautheil der in brutaler Weise zur Ruine gemachten Kirche.
Ihi' Eingang ■ liegt im Westen, docli öffnet sie sich auch nach
Xorden mittels zweier spitzbogigen Doppelarkaden mit einer
Mittelsäule und Rundfenster, welche ein zwiefach gestufter Spitz-
bogen umrahmt, wie dies aus Blatt LYIII Fig. 1 und Blatt LX
Fig. 8 im Detail erhellt. Im Ganzen wie im Einzelnen wirkt
dieser Abschlufs vortrefflich. Demselben Meister Oonrad, welcher
die Westhälfte schuf, darf man auch höchstwahrscheinlich den
Entwurf der originellen Westfront zuschreiben. Sie war basilikal
gestaltet und die Trennung der drei Schiffe durch zwei quadra-
tische thurmartig charakterisirte Yorsprünge bewirkt, von dem der
nördliche die Spindeltreppe zu einem oberen Laufgange und dem
Dachboden enthielt, der süclliche massiv war. Die Mittelschiffs-
wand war besonders reich und interessant gestaltet. In Erd-
geschofshöhe besitzt sie noch wohlerhalten eine vortreffhch ge-
gliederte gothische Zwerggallerie, welche auch am Treppenthurm
festgehalten ist. Darüber folgen zwei Reilren von je drei Spitz-
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