Adler, Friedrich
Mittelalterliche Backsteinbauwerke des Preußischen Staates (Band 2) — Berlin, 1898

Seite: 29
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Nach Aufhebung cles Klosters 1540 stand die Kirche
über sechzig Jahre unbenutzt und litt noch mehr unter den
Drangsalen des dreifsigjährigen Krieges. Naelidem Kurfürst
Johann Georg seit 1624 und sein Sohn Herzog Christian von
Merseburg unter Benutzung alter Theile des Klosters (seit 1657)
ein stattliches Renaissancesclilofs erbaut hatten, stellte der
Letztere 1674 auch die Kirche wieder her, freilich nicht ohne
bedauerliche Aenderungen an ihrer Westfront und die Erneue-
rung der Hauptgesimse vorzunehmen. Nocli spätere Kestau-
rationen, besonders die von 1859, haben theils durch puri-
tanischen Eifer, melir aber durch einen barbarisch rohen
Farbenanstrich das alte Gotteshaus schwer beschädigt.

Baubeschreibung.

Die Kirche 1) ist, wie der Grundrifs Blatt LNII Fig. 3
lehrt, eine gewölbte dreischiffige kreuzförmige Pfeilerbasilika
(nach dem gebundenen Systeme) mit quadratischem, aspidal
geschlossenem Hauptchore und vier platt geschlossenen Neben-
chören, 2) welche 1622 abgebrochen worden sind. Ueber der
Vierung erhob sich wie in Lehnin und Zinna ein schlanker
Dachreiter. Die an der Südseite des Südkreuzes stehende
oblonge Sakristei, mit zwei Kreuzgewölben überdeckt, sclieint
ein späterer Zusatz zu sein.

Der auf einem Grundplane beruhende Bau ist von Osten
nach Westen fortschreitend ausgeführt worden, hat aber ähn-
licli wie Lehnin während des Betriebes eine wesentliche Steige-
rung seiner Höhenmafse unter Einführung neuer Strukturformen
erfahren. Auch erkennt man, dafs diese Umänderung geschah,
als der Chorbau vollendet war und das Querschiff bereits eine
Hölie von 18 Fufs erreicht hatte. Man sieht das innen und
aufsen, wenn man die Hauptapsis und die östlichen Vierungs-
pfeiler prüft und ihre Mafse und Formen mit denen der west-
lichen Bautheile — von den westlichen Vierungspfeilern ab
gerechnet — vergleicht. An dieser letzteren Stelle wachsen die
Mauerstärken und treten statt der Rundbogen Spitzbogen auf

— sie beginnen schon mit den nördlichen und südlichen
Vierungsbogen — oder sind, wie das untere Arkadensystem des
Inneren lehrt, mit diesen verschmolzen. Vergl. Blatt LXIII
Fig. 4. Auch die Seitenschiffsfenster haben die ältere Stilfas-
sung noch bewahrt, sie sind rundbogig und in Nischen ein-
gebettet, während alle Oberfenster — von den Kreuzflügeln ab

— als holie Gruppenfenster behandelt sind, die von einer
Rundbogenblende umschlossen werden. Blatt LNII Fig. 1 und
Blatt LXIII Fig. 1, 2 mid 4.

Dafs die Gewölbe dem Aufbau unmittelbar sich anschlossen,
sieht man daran, dafs die Umrahmungen der Oberfenster mit
den inneren Schildbogen bereits struktiv verbunden sind. Nur
das letzte westliclie Gewölbe kam nicht zur Ausfiihrung, doch
ist es vorbereitet gewesen, wie aus den Schildbogen, Eckdiensten
und der Verzahnung für die Hintermauerung hervorgeht.

Ein besonderes Interesse erweckt der Hauptchor, sowohl im
Inneren wie im Aeufseren. Dafs auch er bereits bestimmt
war, gewölbt zu werden, ergiebt sich aus den Wandvorlagen des
Chorquadrates wie aus der Gestalt der kreuzförmigen, mit Halb-
und Viertelsäulen besetzten östlichen Vierungspfeiler. Zugleich
liefert das Apsisgewölbe den entscheidenden Beweis, dafs der
Baumeister bereits frühgothische Rippenprofile kannte, denn er
hat sie zur Gliederung der Halbkuppel und des Stirnbogens
davor dekorativ benutzt. Das schwerfällige Profil, welches
den dicken Rundstab von zwei schwächeren begleitet verwendet,

1) Abbild. bei Puttrich, Sachsen II, 2 Lieferung 33 u. 34, Tafel 10 u. 11.
Kallenbach und Schmidt, Ostfront, 28, 13.

2) Erst bei erneuter Untersuchung und zwar nach Vollendung der Stiche

gelang es, die einst vorhanden gewesenen platt geschlossenen Nebenchöre sicher

festzustellen. Ihre Ostmauer lag von den Eclcen des Hauptchores S 1/^ Fufs nach

Westen entfernt.

ist das links gestellte auf Blatt LXII Fig. 2, während das
rechts stehende dem Langchore entstammt. Es ist dies ein
Profil, welches auch in Zinna, Lehnin, Magdeburg und a. a. O.
vorkommt und mis auch in der Dorfkirche von Lindenau
sogleich begegnen wird.

Im Langhause erscheinen wie in den Seitenschiffen von
Zinna nur dicke quadratische oder halbachteckige Rippen. Die
Spitzbogengewölbe im Chore und den Querschiffen sind stark
gestochen, die des Langhauses zeigen schon sanfte, busenartige
Krümmungsflächen. Die Gewölbe in den Seitenschiffen waren
früher scharfgratig, sind aber durch angeputzte Grate bei der
letzten Restauration verschönert (?) worden. Zu jenem Vorzuge
des Rippenschmuckes gesellt sich für die Apsis noch die reichere
Fenstergliederung innen und aufsen. Es sind die drei schlanken
Rundbogenfenster auf jeder Seite mit zwei Dreiviertelsäulen
(mit Basen und Kapitellen) besetzt, während die Arkaturen in
gröfserer Höhe durcli liufeisenförmig geschwungene Sägeschichten
einen besonderen Schmuck erhalten haben. Vergl. das Detail
Blatt LXIII Fig. 3. Die Aufsenmauer der Apsis besitzt zwei
flache, mit kapitelltragenden Halbsäulen besetzte Strebepfeiler,
welche in das (unsichtbare) Hauptgesims eintreten. 1) Eine Säge-
schicht nebst durchschlungenem Bogenfriese und
schlanken Blendnischen unter jeder Achse vollen-
den die reiche Ausstattung, zu welcher noch die
sclilicht gefafste Reliefkrönung des Halbkegel-
daches an der Obermauer mit einem Kreuze auf
der Weltkugel gehört. Sie ist aus einem gröfse-
ren lufttrockenen Thonklumpen geschnitten und dann gebrannt.
Der Holzschnitt giebt davon eine Anschauung. Auch diesen
Schmuck besitzt die oben erwälmte Dorfkirche von Lindenau.
An allen übrigen Bautlieilen sowohl an den Giebeln — mit
Ausnahme des über dem Nordkreuze — wie an den Langmauern
herrscht der durchschlungene Bogenfries nebst Sägeschicht dar-
über. Vergl. Blatt LXIII Fig. 1 und 2.

Im Querschiffe wie im Langhause felilt diese reiche Aus-
gestaltung; hier herrscht vielmehr mit seltener Uebereinstim-
mung die strenge und schlichte Behandlung der älteren Cister-
cienserbauten in Kämpfern, Basen und Diensten. Die an den
letzteren befindlichen Würfelkapitelle sind rundscliildig, nicht
trapezförmig und unterscheiden sich darin von Lehnins Säulen-
und Pfeilerkapitellen sehr bestimmt. Das Innere der Kirche
war höchstwahrscheinlich mit Ausnahme der Wände mid Kappen
und der Laibungen in den Fenstern und Arkaden, die geputzt
wurden, als gefugter Ziegelbau behandelt worden.

Konstruktives.

Die Gewölbekappen des Mittelschiffes sind IOV4 Zoll stark.
Der Steinverband wechselt bei guter Maurertechnik mehrfach.
Aucli die Steme zeigen auffallend verschiedene Mafse; an der
Ostfront 10—IOV4, 4 7/s und 3Vt Zoll, an der Südseite 9 7/s
bis IOV4, 4 SA — 4 7/8 und 3Vt— 3 3/s Zoll, an der Nordseite
9 3/s — 9 3/4, 4 — 4V2 und 3Vs — 3V2 Zoll, an der Apsis 9Vs bis
9 3/s, 4V* — 4 5/8 und 2 7,4 — 3 (V Zoll, endlich oben am Ostgiebel
10V, 4 3A und 3 3/s — 3V2 Zoll.

Resultat.

Der Chorbau einschliefslich des unteren Theiles des Quer-
schiffes darf auf etwa 1180 — 90, der übrige Bau iu den An-
fang des XIII. Jahrhunderts gestellt werden, so dafs das über-
lieferte Einweihungsdatum von 1228 für die Vollendung als
zutreffend zu erachten ist.

1) Eine ähnliche Bildung findet sich an der Nordmauer von Lehnin nach
älteren Vorbildern erneuert und eine zweite vielleicht noch ältere besafs die Marien-
kirche auf dem Harlunger Berge bei Brandenburg.



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