Adler, Friedrich
Mittelalterliche Backsteinbauwerke des Preußischen Staates (Band 2) — Berlin, 1898

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Dorfkirchen bei Dobrilugk.

Yon dem Einflusse, den der Nenbau der Klosterkircbe in
der Nacbbarschaft im XIII. Jahrhundert ausgeübt hat, zeugen
noch die Stadt- bezw. Dorfkirchen zu Kirchhain, Werenzhain,
Frankenau, Friedersdorf u. s.w., welche iiberwiegend aus Granit
oder Kaseneisenstein erbaut sind, ferner die Dorfkirchen von
Lugau, Lindenau und Schönborn, in welchen der Ziegelbau
auftritt oder vorherrscht. Alle diese Kirchen tragen den Cha-
rakter des spätromanischen bezw. friihgothischen Uebergangsstiles.
Nur die beiden Ersteren der letzten Gruppe werden hier ver-
öffentlicht.

<o

a) Dorfkirche zu Lugau.

Das Dorf Lugau gehört zu den älteren Erwerbungen des
Klosters und wird urkundlich schon 1234 genannt. Seine Kirche
ist ein ldeiner einschiffiger Bau mit ebensolchem geschlossenen
Langchore und einem breitgelagerten Westthurme, alles aus gut
behauenen Granitquadern errichtet. In der Chorwand befanden
sich wahrscheinlich zwei oder drei Lanzettfenster, auch trennt
ein schlichter Spitzbogen Schiff und Chor. Im Westen erhebt
sich auf dem energisch abgestuften Unterbau ehi eng verbun-
denes Thurmpaar (Zwillingsthurm) aus Backsteinen, welches
jederseits durch Sägeschichten geschofsartig getheilt und theils
mit spitz-, tlieils mit rundgeschlossenen Wandblenden sowie in
halber Hölie mit einem deutschen Bande geghedert ist. Dazu
kommen noch gepaarte Spitzbogenfenster in den verschiedenen
Höhen und den Abschlufs bilden die achteckigen Holzhelme,
welche mit Schindeln gedeckt und durch hocliragende Eisen-
kreuze beendigt sind. Auf halber Höhe des Granitunterbaues
ist ein tief gelaibtes und mehrfach abgestuftes Rundfenster aus
Backsteinen angeordnet, auch das abgestufte Westportal mit
Granitwänden besitzt einen starken Ziegelspitzbogen. Offenbar
war damals der Backstein das kostbarere und höher geschätzte
Material als der Granit. Trotz der schlichten, jeden Reizrnittels
entbehrenden Strenge macht die Westfront von Lugau durch
ihren Umrifs und ihre Gliederung sowie durch die richtige
Yerwerthung der drei Materialien einen ebenso iiberraschenden
wie nachhaltig wirksamen Eindruck. Yergl. Blatt LXI Fig. 2
und Blatt LXIV Fig. 1 und 3. Der Bau darf auf 1230 — 50
datirt werden. *)

b) Dorfkirche zu Lindenau.

Das Dorf wird wie Lugau schon 1234 urkundlich genannt.
Die Kirche ist ein treffhch erhaltener Ziegelbau, dessen Unter-
bau grofsentheils aus derb zugehauenen Quadern des hier weit-
verbreiteten Raseneisensteines besteht. Es ist eine gedrungene,
dreiscliiffige überwölbte Basihka (nach dem gebundenen Systeme)
von zwei oblongen Jochen im Langhause und mit einem schma-

leren Langchore mit Apsis. Im
Westen ist in gothischer Zeit
ein stattlicher Quertliurm mit
Satteldach und zwei Staffel-
giebeln liinzugefügt worden,
welcher aufsen diagonal ge-
stellte Strebepfeiler und innen
in der Yorhalle drei spätgothische Zehengewölbe besitzt. Die
Apsis ist bis zur Fensterhöhe aus Raseneisenstein erbaut und
mit quaderartigen, in den Mörtel eingeritzten Fugen schhcht
verziert worden. Die backsteinerne Obermauer in wendischem
Verbande besitzt drei lange und schmale Spitzbogenfenster und

1) Die Stadtkirche zu Kirchhain, obschon mehrfach umgebaut, ist gleich-
falls ein Bau, der unter dem Einfiusse von Dobriiugk entstanden ist, und zwar
im Uebergangsstile aus der Mitte des XIII. Jahrhunderts. AIs niedrige drei-
schiffige Basilika mit stark gelaibten Spitzbogonfenstern, die im Lichtgaden gepaart
waren, hängt sie einerseits mit Lindenau und wegen ihrer breiten schmucklosen
Westfront, wclche zwei engverbundene schlanke Helme abschliefsen, mit Lugau zu-
sammen. Der gothische Chor scheint ein Anbau zu sein; in ihm und der Sakristei
sind spätgothische Zellengewölbe vorhanden.

wird oben durch eineu Spitzbogenfries nebst Sägeschicht ab-
geschlossen (s. vorstehenden Holzschnitt); leider fehlt das Haupt-
gesims.

Die Nordmauer besteht ganz aus Raseneisenstein, während
die basilikale Obermauer an jener Seite reiner Ziegelbau ist.
Die Westfront ist unten schmucklos mit Ausnahme eines kleinen
Fensters. Im obersten Thurmgeschosse sind gepaarte Spitz-
bogenfenster unter ebensolchen Blenden angeordnet und zwischen
ihnen, wie nach den Ecken wiederholen sich ebensolche geputzte
Wandblenden.

Im Innern sind alle Gurt- und Arkadenbogen ungegliedert.
Die Gewölbe in den Seitenschiffen sind scharfgratig angelegt,
schliefsen aber als Hängekuppeln. Die breiten Quergurte ent-
wachsen unmittelbar der Wand und den Pfeilern und die Fenster
(soweit sie erhalten) sind schmal, schwach geschmiegt und rund-
bogig geschlossen. Die Gewölbe des Mittelschiffes sind erneuert
und ruhen auf gebündelten Wulstrippen (Holzschnitt a), die
gegen platte Schlufssteine stofsen. Die Ober-
fenster sind ebenfals verändert, waren aber
früher rundbogig, schmal und schlank. Der
Langchor, erhebhch niedriger als das Mittel-
schiff, besitzt ein stark gestochenes plattes Kreuzgewölbe auf
frühgothischen Rippen (Plolzschnitt b), sehr ähnlich denen im
Hauptchore der Klosterkirche von Dobrilugk, und die Apsis
ist mit emer spitzbogigen Halbkuppel überwölbt.

Das Steinformat hat die Mafse 10 3/s, 5 und 3V2 Zoll.

Ein werthvolles altes Ausstattungsstück ist der vortrefflich
erhaltene, aus Sandstein gearbeitete Taufstein, der, auf einem

cyhndrischenFufse stehend, als pokal-
förmige Kufe gestaltet ist. An ihr
befindet sich ein Fries von anein-
andergereihten Ringen und darüber
folgt als Randschmuck ein Blatt-
stabfries in derber Fassung. Der
obere Durchmesser beträgt 3 Fufs
2 '.4 Zoll und che Höhe einschliefs-
lich der Stufe 3 Fufs IV2 Zoll.
Auch sind einige Reste von alten
Grisaihefenstem, mit farbigen Strei-
noch vorhanden, deren Muster der

fen uncl Punkten besetzt,
Holzsclmitt clarstellt.

V. Klosterkirche zu G-üldenstern hei Mühlherg a. E.

Historisclies.

Obsclion cliese Kirclie im Mittelalter nicht zur Mark son-
dern zu Sachsen gehörte uncl jetzt cler Provinz Sachsen einver-
leibt ist, so clurfte sie döch als hervorragender Backsteinbau aus
baugeschichtlichen Gründen nicht übergangen werden. Die Nach-
richten über clie Grünclung dieses Nonnenklosters lauten wider-
sprechend. Balcl soll es 1219 von Jutta, der Gemahhn des
Markgrafen Dietrich von Meifsen gestiftet worden sein, 1) bald
werden zwei Brüder, Otto uncl Bodo von Ilburg, als Stifter
genannt und ihre Stiftung auf 1228 gesetzt. 3) Das Ivloster hatte
sich zwar dem Orden von Citeaux nicht unterworfen, aber die
Cistercienser Orclenstracht angenommen. Die Zahl der Nonnen
wurde bei einer Visitation 1232 auf dreifsig festgesetzt. 3) Im
XIII. und XIV. Jahrhundert wuchs cler Landbesitz durch Sclien-
kungen, lausch und Käufe in seltenem Mafse. Die Güter
lagen bei Mühlberg an beiclen Elbufern und erstreckten sich
nördlich bis Herzberg, südhch bis tief in clas Meifsner Land

1) Puttrich II. 2, S. 11.

2) G. Kreysig, Beitr. •/,. Historie d. sächs. Lande I, 107 — 74 und Till-
mann, Gesch. Heinrich des Erlauchten I, 310.

3) Winter, Cistercienser II, 57.
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