Adler, Friedrich
Mittelalterliche Backsteinbauwerke des Preußischen Staates (Band 2) — Berlin, 1898

Seite: 35
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ein überwölbter Raura übrig blieb, dessen Gewölbe mit denen
im Kapitelsaale (jetzt Amtskirche) übereinstimmen. Mit dem
Pfortenhause in einer Ecke zusammenstofsend, liegt im äufsersten
Südwesten noch ein ungewölbter Bau, der wahrscheinlich als
Brauhaus gedient liat.

Alle übrigen Wirthschaftsgebäude wie Stallungen, Scheunen,
Scliuppen u. s. w. fehlen yollständig, dagegen war nocli vor
wenigen Jahrzehnten ein in Trümmern liegendes und höchst
malerisch durchwachsenes Gebäude von zwei Gescliossen vor-
handen, welches 200 Fufs südwestlich von dem Pfortenliausp
lag und mit sehr starken Mauern nur aus Feldsteinen erbaut
war. 1) Die Forstverwaltung hat diesen wichtigen Bau in wenig
pietätvoller Weise zerstören lassen, und doch entstammte er
sicher der ersten Ansiedelung an diesem Platze und war, weil
vor der Einrichtung des Ziegeleibetriebes entstanden, nicht aus
Ziegeln, sondern aus unbehauenen, hier und da gespaltenen
Findlingen erbaut worden. Yon der Gesammterscheinung des
Klosters giebt der Holzsclmitt, welcher nach einer um 1710
angefertigten Original-Zeiehnung des Daniel Petzold als Fac-

geschlossen. Man besafs in nächster Kälie ein fertiges Kloster
nebst Kirche und mehrere Wirthschaftshöfe, man hatte ferner
durcli die soeben vollendeten Ordensbauten in Lehnin und
Mariensee nicht nur erfahrene und gereifte Meister, sondern
auch das für den Ziegeleibetrieb und die Bauausführung durch-
aus nothwendige, gut eingeschulte Personal gewonnen. Dazu
kam nocli, dafs der eine der bciden rastlos tliätigen Landes-
herren der wärmste Gönner des Ivlosters war, weil die Kirche
sein Grab umschliefsen und die Buhestatt seines Gesclüechtes
werden sollte. Sicherlich hat dieser Fiirst, Markgraf Johann I.,
dessen Tliatkraft und Staatsklugheit das Erbe seiner Yäter
mehr als verdoppelt liatte, den Anstofs gegeben, dafs das Kloster
Chorin von vornherein in praktischem wie künstlerisehem Sinne
ein ganz aufsergewöhnliches Gepräge erhielt. Kurz, alle Be-
dingungen, um ein grofses monumentales Werk glücklich durch-
zuführen, wären liier in seltener Fülle vorhanden. Yon allen
Grundlagen war und blieb aber die wichtigste, die urkundlich
feststehende Thatsache, dafs der neue, stetig wachsende Kon-
vent in Mariensee wohleingerichtet safs und dafs man deshalb

simile gemacht wurde, eine Yorstellung. 2) Andere Abbildungen
finden sich bei Brecht a. a. O. Blatt 14, bei Bergau S. 303
sowie auf dem Schinkel-Museum in der Technischen Hoch-
schule zu Charlottenburg (Katalog Nr. 856 — 83).

Die Kirche imponirt sowohl durch ihre stattliche Masse
als auch durch die Klarheit ihres Grundrisses, am meisten aber
durch den ernsten Scliönlieitssinn, der sich im Ganzen wie im
Einzelnen spiegelt und ihren Urhebern ein glänzendes Zeugnifs
ausstellt. Zu diesen grofsen Yorzügen gesellt sich noch der so
wichtige und doch so oft vernachlässigte Yorzug der sorgfältig-
sten Teclmik unter Yerwendung der besten Materialien. Aus
allen diesen Gründen mufs man die Kirche von Chorin zu den
reifsten Schöpfungen der Märk zählen, ja man darf sie als den
Gipfelpunkt der kirchlichen Baukunst in ihr bezeichnen. Dafs
hier besonclere Umstände obgewaltet haben, um ein so glän-
zendes Resultat zu erreichen, liegt auf der Hand.

Als man etwa um 1260 den Bau begann, war die Finanz-
lage von vornherein gesichert und jede Ueberhastung aus-

1) Vergl. den Lageplan bei Breclit, Blatt 11, wo es als „Buine“ ver-
zeichnet steht.

2) Leider ist die fiir den älteren Beckmann angefertigte Zeichnung nicht
frei von groben Fehlern sowolil in der Perspektive wie in der Wiedergabe einzelner
Bautheile. Gleichwohl verdiento sie diese erstmalige Wiedergabe, weil sie ältere
Gebäude noch veranschaulicht, welche jetzt völlig verschwunden sind.

den Bau von Chorin nach reifer Ueberlegung beginnen und
ohne jede Hast und Ueberstürzung zu Ende führen konnte.
Daher erklärt sich allein die tadellose technische Durchführung
und die sorgfältige Auswahl der Materialien und die muster-
giltige, stets zielbewufste künstlerische Durchbildung.

Die nach einem Grundplane erbaute Kirche — vergl. den
Grundrifs Blatt LXYII Fig. 11 — entstammt zwei Bauzeiten,
welche aber nicht sehr weit auseinander liegen und ist liöchst-
wahrscheinlich von zwei Meistern ausgeführt worden.

Der älteste Theil ist die kleinere Westhälfte, welche als
dreiscliiffige hochragende Basilika frühgothischen Stiles begonnen,
nur aus sechs Jochen besteht, Spitzbogige Arkaden von tadel-
losen Yerhältnissen auf schwach abgestuften Kreuzpfeilern ruhend,
darüber schlanke zweitheilige Stab- und Mafswerkfenster und
endlich oblonge Rippenkreuzgewölbe auf Bündeldiensten, die
von reich verzierten Konsolen (dicht iiber den Kämpfern) ge-
tragen werden, bilden das System des Innern. (Yergl. Bl. LXTX
Fig. 3.) Ihm entspricht das System des Aeufseren, welches
unten mit starken, oben mit scliwachen, fast zierlichen Strebe-
pfeilern besetzt ist. Die durchweg zweitheiligen Fenster, streng
aber überaus wirkungsvoll profilirt, besitzen unten einfaches,
oben reicheres Mafswerk und ein kräftiges Kranzgesims nebst
Rankenfries bildet den Abschlufs. Yergl. Blatt LXIX Fig. 2.
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