Adler, Friedrich
Mittelalterliche Backsteinbauwerke des Preußischen Staates (Band 2) — Berlin, 1898

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Stelle, sei es weil man den Baubetrieb energisch steigern wollte,
sei es, dafs die älteren Thongruben zeitweilig erschöpft waren
und eine Yergröfserung erheischten, die nur allmälich zu ge-
winnen war. Der auffallende Stützenwechsel und die eigen-

artig veränderte Bildung vieler Details zwingt aber zu der An-
nahme, dafs damals bei dem Beginne des Oberbaues auch ein
Personenwechsel eingetreten sein mufs. Der neue Meister von
ernster Gesinnung aber ungleich geringerer Begabung wie sein
Vorgänger hat in pietätvoller Weise unter gewissenhafter Fest-
haltung des alten Planes und im Anschlusse an die bereits
fertigen Bautheile einen Uebergang versucht zu den neuen Ge-
staltungen, welche er anstrebte. Am schwierigsten war die
Lösung dieser Aufgabe im Innern. Weil er statt der einfachen
Kreuzpfeiler reicher gegliederte Bündelpfeiler einbürgern wollte,
hat er dies so gethan, dafs er den sechsten Pfeiler, von Westen
gerechnet, zuerst als Bündelpfeiler gestaltete und nun stets um-
schichtig einem Kreuzpfeiler einen Bündelpfeiler folgen liefs.
Bei den Yierungspfeilern hat er alsdann eine Kompromifsform
gesucht und gefunden, welche die Wirkung beider Pfeilerformen
m glücklicher Weise vereinigt. Vergl. liierzu die Zeichnungen
auf Llatt LXVII Fig. 1, 2, 5, 7 und 8, welche diese inter-
essanten Kombinationen darstellen mit den entsprechenden Auf-
rissen derselben Pfeiler A, B, C und D auf Blatt LXIX Fig. 6,
7, 8 und 10 nebst dem Systeme des Innern daselbst Fig. 8. ’)

Der grofsartig feierliche Eindruck, den einst die Osttheile,
das Querschiff nebst dem Hauptchore und den Nebenchören
gemacht haben müssen, ist durch den vandalischen Abbruch
der Xebenchöre so gut wie verniclitet worden, nur der Lang-
chor und das Polygon — in sieben Seiten des Yierzehnecks
schliefsend — sind erhalten und lassen in ihrer mafsvollen
Schönheit angenähert ahnen, was uns verloren gegangen ist.

In diesen Osttheilen treten nun an vielen Stellen feine,
ja zierlich gegliederte Detailformen auf, welche einen schroffen
Gegensatz zu den Einzeltheilen der Westtheile bilden. Ab-
gesehen von dem schon oben betonten mit Rundstäben besetzten
Pfostenwerke des grofsen Nordkreuzfensters und aller Chorfenster
vergl. Blatt LXYII Fig. 3 — (Xachbildung des Mafswerkes
in den Chorkapellen von Amiens und Cöln aber ohne deren
Kapitelle und Basen) erkennt man solches besonders deutlich
an den antenartigen Rundpfeilern in den Zwillings - Doppel-
kapellen neben dem Chore, ferner an den unteren Eingängen
zu denselben, sowie an der zierlichen Gliederung der sogenaimten
Levitennische in der Südmauer des Chores. Jenen Innenpfeiler
in den Zwillingskapellen sieht man auf Blatt LXVII Fig. 4
und den Zwischenpfeiler ihrer Eingänge veranschaulicht der

1) Weiteres Material zur Beurtheilung dieses wichtigen Punktes bei Brecht,
Blatt 16 Fig. 7 — 11.

nachstehende Holzschnitt, dessen zierliche Profilirung zuerst an
den Ecken der beiden westlichen Vierungspfeiler erscheint.
Yergl. Blatt LXYII Fig. 5.

Die gleiche Tendenz, reicher zu ge-
stalten und flüssiger zu gliedern, beweist,
ganz besonders der stattliche, von star-
ken über Eck gestellten Achteckspfeilern
flankirte Xordkreuzgiebel. 1) Ein vier-
theiliges, fast 9 Fufs breites und 34 Fufs
hohes Spitzbogenfenster, dessen äufseres
Profil der folgende Holzschnitt zeigt,
wird rechts nnd links von zwei schlanken
Spitzbogenblenden begleitet, die mit zwei-
theiligem Reliefmafswerke gefüllt sind.
Die Kurzthürme mit Steinhelmen wieder-
iiolen im Ganzen die Bauweise der Thurmabschlüsse am Mittel-
schiffe, docli sind ihre Achtecksecken schon mit, feinen Rund-
stäben besetzt. Der Giebel selbst ist durch Friese in drei
Zonen getheilt, welche durch eine Kreisblende oben und durch
zwei Ketten von spitzbogigen Blendnischen
eintönig belebt werden. Den obersten bildet
eine Sägescliicht, der mittlere ist der Wein-
laubfries des nördlichen Seitengiebels derWest-
front und der untere ist der schöne Anthemien-
fries ihres Mittelbaues. Während aber dort
eine zielbewufste Konsequenz das Ganze
beherrscht, sieht man hier unter direkter Be-
nutzung wichtiger Details nur den pietätvollen Anschlufs an
das gegebene Alte. In ähnlicher Weise, und zwar gleichfalls
unter mifsverstandener Benutzung beider Plattenfriese, doch
etwas einfacher ist der Südkreuzflügel gestaltet. 2) Welch eine
andere Bedeutung haben diese hier so schwächlich wirkenden
Friese an der Westfront, was leistet insbesondere die meister-
liafte Verwerthung des Sägefrieses als Gurtung und Umrahmung
dort an vier Stelleu.

Anziehend und bei der Untersuchung der Kirche mehrfach
erörtert, ist die einem jeden Betrachter erkennbare Thatsache,
dafs das hellfleischrothe Ziegelmaterial der westlichen Bautheile
von dem Pfeilerpaare A ab — im Grundrisse 3) Blatt LXYII
— bis zu dem Pfeilerpaare B oben hinübergreift und erst an
dieser Stelle die in Verzahnung hergestellte lothrechte An-
schlufsfuge beginnt, so dafs also der Arkadenunterbau in rothen
Steinen und in scheinbar älteren Formen ei’baut, ist, während
der Oberbau hellere Ziegel besitzt. Indessen wird nur der
oberflächliche Beobachter den nahe liegenden aber voreiligen
Schlufs ziehen, dafs deshalb die westliche Hälfte jünger sein
miisse als die östliche. Wenn man, um den Bau zu fördern,
bald nach Vollendung der Westfront auch den Chorbau be-
gonnen und so energisch betrieben hat, dafs die gröfsere Ost-
hälfte rascher zur Vollendung kam, als der sehr langsam vor-
schreitende Westtheil, so konnte es sich sehr wohl ereignen,
dafs der östliche Betrieb wegen gröfserer Leistungsfähigkeit seiner
Ziegeleien und leichterer Anfuhr des Materials rascher bis zu dem
Pfeilerpaare A gelangte, als der westliche und dafs man, weil
ein gröfserer Posten der hellrothen Steine grade noch zm Vei-
fügung stand, diesen benutzte, um den Anschlufs zu gewinnen.
Denn dafs beide Ziegeleiplätze jahrelang, man darf vielleicht
sagen, ununterbrochen thätig gewesen sind, um das Material
fiir die selten grofsartige Klosteranlage zu gewinnen, kann man
an verschiedenen Stellen nachweisen. Jedenfalls ist es ein Irr-
thum, zu sagen, dafs jene geknickte Anschlufsfuge ein unwider-

1) Vergl. Brecht, Blatt 12 Fig. 2.

2) Abbild. bei Brecbt, Blatt 12 Fig. 1.

3) In dem Grundrisse sind bezüglich der Schraffirung einige Fehler stehen
geblicben, die ich bedauere: erstlich hätte das Pfeilerpaar A sowie die Aufsen-
mauern des westlichen Klosterfliigels den Mittelton erhalten und zweitens hiitte die
kleine Vorhalle an dem Siidseitenschiffe noch etwas heller getönt worden müssen
als der Mittelton selbst.

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