Adler, Friedrich
Mittelalterliche Backsteinbauwerke des Preußischen Staates (Band 2) — Berlin, 1898

Seite: 38
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leglicher Beweis sei für die Behauptung, der Bau sei im Osten
und iiicht im Westen begonnen worden. Eine gewissenhafte
Prüfung lehrt vielmehr, wie ohen nachgewiesen, dafs erst nach
Vollendrmg der Westfront, wenn auch in verhältnifsmäfsig
kurzer Zeitfrist der Chorbau begonnen, dann aber mittels eines
gesteigerten Betriebes so beschleunigt worden ist, dafs der Ab-
schlufs heider Bautheile nicht in der Mitte, sondern melir nach
Westen hin erfolgte, und zwar unter Verwerthung der für die
Westtheile bestimmten Steine. 1)

Ein ganz ähnlicher Betrieb hat auch bei dem Baue des
westlichen Klosterflügels stattgefunden. Dort zeigt sich f7 Fufs
südlich von dem südlichen Seitenschiffsgiehei entfernt eine sicht-
bare vertikale Mauertrennung ohne Verband, welche in Ver-
bindung mit den unteren, verschieden profilirten, aher stets
zweitheiiigen Spitzbogenfenstern südlich und nördlicli von ihr
darauf hinweist, dafs liier zwei Bauphasen, eine ältere, die noch
zum Aufbau der Westfront gehört, und eine jüngere, die der
Chorbauzeit entspricht, in naiver Weise verhunden worden sind.
Eins der jüngeren Fenster, dessen Einfassung schon den Rund-

_stab hat, stellt auf Blatt

_LXVII Fig. 6 dar, wäh-

rend der nebenstehende

_ Holzschnitt das Profil der

- - älteren beiden Fenster ver-

anschauiicht.

- Dahei stehen — wie

aus Blatt LXVIH Fig. 1



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hervorgeht — die oberen
rundbogig geschlossenen Fenster in einer Flucht, woraus man
auf die nachträglich erfolgte Aufsetzung des Oberstockes
schliefsen darf. 2)

Bemerkenswerth ist noch, dafs das Langhaus Bchlufsringe
von dem Profile der Diagonalrippen besafs, während die Quer-
gurte eine stärkere Profilirung erhalten hatten. Der Hoizschnitt I
zeigt einen solchen Stein, der noch auf seiner Flachseite ein
Zeichen (Pfeil) besitzt. In dem nördlichen Seitenscliiffe sind
alie Bippen gleich geformt. Vergl. das Profil 3 a. Weitere Ziegei-

XC

3a 3b

zeichen oder Stempel findet man auch an einzelnen Steinen der
äufseren Pfeiler und Mauern des Cliores, wie der Holzschnitt 2
lehrt. Ein zweiter Holzschnitt gieht das Profil 3 b des Stab-
werkes daselbst. Von dem ehemaligen Fliesenpflaster der Kirche
sind einige scharfgebrannte gravirte Platten gerettet worden,
welche sich — 1857 — im Sandkruge befanden. Sie sind
1 SU Zoll stark und 6 3A hezw. 7 Zoll im Quadrat grofs; ihre
Musterung läfst der Holzschnitt 4 erlcennen.

Steinformate. 1. Westfront: 11 1C> 5 5 U und 4 U,

2. Nordseite: a) westliche: lDA, 5Vi und 4 U, b) östliche.
11 3A, 5 3/4 und 4 3/4; 3. Nordkreuz: 10 3/s, 5 3/4 und 4'/3;
4. Chor: IOV2, 5 3/4 und 4Va; 5. Scliiffspfeiler im Westen. fO,
5 und 4V4 Zoll.

Die Klostergebäude.

Trotz schwerer Beschädigungen und mehrfacher Lücken
ist cloch ein so erheblicher Theil des Klosters vorhanden, clafs

1) Die von mir schon im Jahre 1857 gemachte und seitdem mehrfach wieder-
holte Analyse hat stets das gleiche Eesultat über die zeitgeschichtliche Stellung
der östlichen und westlichen Bautheile ergeben. In Folge dessen habe ich auch
auf die gegentheilige Behauptung des Herrn Prof. Schäfer im Centr.-Bl. d. B.
1884 S. 518 geschwiegen und die Widerlegung bis jetzt, d. h. bis zur Vollendung
meines Werkes verspart.

2) Eine weitere Analogie bietet die auf S. 36 (Spalte links) betonte Ihat-
sache, dafs der siidliche Seitenschiffgiebel der Westfront nach seiner nachträglich
erfolgten Vorriickung oben mit dcn rothen Ziegeln der Ostbautheile wieder auf-
gebaut worden ist.

eine geuauere Untersuchung des Baubestandes eine lolinende
Aufgabe sein würde. Fruchtbar aber wird sie nur sein, wenn
die Prüfung ohne Bücksichtnahme auf modernen Deckenputz
oder Wandbekleidung durchgefülirt werden kann.

Einige vorläufige Aufschlüsse gewähren in solchem Sinne
die Zeichnungen des Schinkel-Museums. Fiir den Zweck dieses
Werkes mufs es genügen, einige der werthvollsten Bautheile
herauszuheben und zur Darstellung zu bringen. Zu ilinen ge-
hört das dem südlichen Abschlusse des westlichen Klosterflügels
naheliegende Pfortenhaus, 1) welches eine überwölbte zweijochige
Halle bildet, die früher nördlich wie südlich von zwei poly-
gonen Treppenthürmchen flankirt wurde. An der Ostseite be-
findet sich die reicli gestaltete Innenpforte, 2) deren enge Ver-
wandtschaft mit ähnlichen Pforten in Berlin, Brandenburg,
Neu-Ruppin u. A. die gleiche Zeit der Ausführung — Mitte
des XIV. Jahrhunderts — vermuthen läfst. Die Westfront
des Pfortenhauses zeigt Blatt LXIX Fig. 1 und ihre Detail-
bildung Fig. 9. Die kleine Bauanlage ist ein liebenswürdig
anmuthiges Werk von sorgsamer Durchbildung, seine Ableitung
von der Westfront ist unverkennbar, aber es sind neue Motive
— wie die drei in Relief hergestellten Ziergiebel — hinzu-
gefügt, die von Talent zeugen. Ein zweiter auf Blatt IX VI II
Fig. 3 und 4 dargestellter Giebel ist, der Südgiebel der grofsen
Klosterkiiche, welche unmittelbar südlich von der inneren Vor-
halle des Pfortenhauses liegt und sicherlich gleichzeitig mit dem
westlichen zweigeschossigen Klosterflügel erbaut worden ist.
Auch dies ist ein einfach bescheidenes, aber anziehendes Werk.
Die heiden Giebel des Brauhauses hat Brecht auf Blatt 13
Fig. 8 und Blatt 15 Fig. 2 abgehildet.

Steinformat: 1. Westfliigel des Klosters: ll 1/*, 5V4 und
4Vs; 2. Pfortenhaus: ll 3/s, 5V4 und 4Vs; 3. Küche: 11, 5 3/4
und 4; 4. Brauhaus: 10 5/s, 5Vs und 4 Zoll.

Fürstengräber und Malereien.

Bei den im Jahre 1885 vorgenommenen Untersuchungen
des Bodens in der Kirche wurden nur im Langcliore und in
den Kreuzflügeln neun Gräber gefunden, darunter vier alte.
Diese hatten eine bevorzugte Lage, insofern drei nebeneinander
geordnet dicht vor dem Platze sich befanden, den einst der
Hochaltar eingenommen haben mufs, während das vierte Grab im
Nordkreuzflügel auftauchte, achsial geordnet sowolil zur Quer-
schiffsachse wie zu der Achse der siidlichen Zwillingskapelle im
Nordächsel des Chores. Jedes dieser Gräber war aus Back-
steinen — einen Stein stark — in Mörtel sorgfältig aufgebaut
und die Lichtmafse betrugen 0,93 m Breite und 2,37 m Län<m.
Man fand darin einen Schädel und Bruchstiicke von anderen
sowie tiefbraune Knochen. Keine Beigaben oder sonstige Reste
wurden entdeckt, aucli lehrten die ganz zerstreut umherliegenden
Gebeine, dafs die Gräber schon in älterer Zeit von rucliloser
Hand durchwühlt und geplündert worden waren.

Das Innere der Kirche war ebenso wie es in Lehnin ge-
schehen, in den glatten Wandtheilen sowie an den Kappen und
Gurten schwach geputzt und dieser Wandputz weifs gefärbt
worden, aber mit der Einschränkung, dafs an den Pfeilern und
Arkaden auf Entfernungen von vier his fünf Zoll von den
Kanten der gefugte Backsteinbau sichtbar blieb. An den Diensten
hatte man entgegengesetzter Weise die Kehlen mehrfach weifs
gefärbt und die glatten Flächen im Ziegelton gelassen. Dazu
kam noch die Benutzung lauchgrüner Farbe für den Grund an
den Konsolen und Kapitellen. Sicher haben auch die Kreuz-
gewölbe eine dekorative Ausstattung besessen, aber von ihr ist
nichts erhalten. Doch besafsen 1854 zwei Kreuzgewölbe des
westlichen Klosterflügels noch einige Reste der alten Deko-
ration, nämlich vom Scheitel absteigende Baumäste mit ihren

1) Vergl. Brecht, Blattll, Grundrifs und Lageplan.

2) Vergl. Breciit, Blatt 15 Fig. 4.
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