Adler, Friedrich
Mittelalterliche Backsteinbauwerke des Preußischen Staates (Band 2) — Berlin, 1898

Seite: 39
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Blättern und Früchten in natürliclien Farben bemalt und kräftig
umrissen. 1) Der jüngere Beckmann hat 1746 ungleich mehr
gesehen, denn er meldet in seinem schon mehrfach erwähnten
Manuskripte folgendes: „An der einen Seite des hintersten west-
lichen Kreuzganges sahe man langsthin an der mauer ganz
verdunkelte mönchenbilder mit darunter stehender Schrift, davon
hin und wieder nur noch etliche worte leserlich gewesen. Unter
einem stund: Beatus Gotfriedus Primus beati Hes.... und in
der 4 riege (Reihe): merito postea in Lingonensi Ecelesia est
electus, woraus sich denn schliefsen läfst, dafs die gemählde die
Aebte vorgestellt, welche dem Kloster vorgestanden.“ Sodann
meldet er, dafs in dem Zweisäulensaal, d. h. dem überwölbten
Kaume, welcher an der Siidwestecke der Kirclie — vergl.
Blatt LXVII Fig. 11 — das Westende des südlichen Seiten-
schiffes absorbirt hat, noch einige alte Bilder, wie es scliien,
von der Passion, befindlich gewesen. Damals führte noch eine
unterwölbte Rampe (Reitstiege genannt), welche in der Ost-
hälfte des bereits abgebrochenen nördlichen Kreuzgangflügels
lag, in gerader Fluclit zum Oberstock des Ivlosterostflügels, in
welchem der grofse Saal sich befand, den die Mauer des Siid-
kreuzfhigels abschlofs. An dieser Stelle, also in dem Schlaf-
saale der Brüder, war die lange deutsche Inschrift vorhanden,
welche mehrfach abgedruckt 2) die wichtigsten Ereignisse aus der
älteren Geschichte des Klosters verewigte. Walirscheinlich stand
diese Inschrift ursprünglich in der Kirche und ist erst, nach-
dem diese zu einem Viehstalle lierabgewürdigt war, in Ab-
schrift hierher verpflanzt worden.

Baureste des Klosters Mariensee.

Der jüngere Beckmann a. a. O. meldet um 1746 von
dem Parstein-See und der Insel, auf welcher das Kloster an-
gelegt worden war, folgendes: „An dem ende (des Seees) findet
sich ein werder oder insel von ziemlicher gröfse, deren umfang
sich auf 2300 schritte belauft. Auf diesem werder trifft man
noch einen weitlaufigen nachlafs von mauern, auch noch
grüften und höhlen findet man als zeichen, dafs keller
und gewölbe da gelegen. Von diesem werder ostwärts er-
blickt man im see bei stillem wetter und hellern soimenschein
eine ziemliche riege grofser hügel von feldsteinen, die ebenfalls
als ein überrest von mauern und gebäuden anzusehen.“ Seine
daran geknüpfte, aber von ihm selbst bezweifelte Vermutung,
dafs das berühmte Wendenlieiligthum Rhetra hier gelegen,
bedarf keiner Widerlegung. Was er gesehen hat, waren die
Ruinen von Mariensee mit dem von Osten her durch deri See
geschütteten Damm von Feldsteinen. Im Jahre 1856 waren
jene Ruinen so stark zusammengesclnnolzen, dafs das Meiste
unter der Erde lag. Was eine kleine Ausgrahung, welclie einer
meiner Zuhörer einige Jahre später bewirkte, geliefert hat, stellt
der Holzschnitt dar. Man fand den Feldstein-Unterbau der

Westfront und längere Stücke der Nord- und Südmauer, sowie
einige Backsteinschichten nebst zerstreuten Details. Die Front
hatte eine Breite von 81 Fufs 3 Zoll und die Längsmauern liefsen
sich auf eine Länge von 27 — 29 Fufs verfolgen. Die Mauerstärke

1) Yergl. Brecht a. a. O. Blatt 15 Fig. 6.

2) Auch Brecht a. a. O. S. 72 theilt sie mit, aber nach einer ungenauen
Kopie des Kentamt-Archivs zu Neustadt-Eberswaide.

hetrug 4 Fufs; Strebepfeiler waren nicht vorhanden, wohl aber
an der Westfront zwei thurmartige Vorsprünge 6 Fufs 4 Zoll
breit und 4 Fufs 7 Zoll vorspringend. Von ihneu hatte der nörd-
üche als Treppenthurm gedient, wie die 2 Fufs breite Stiege
mit Podest davor bewies; der südliche Thurm war massiv.
Auch nach innen traten beide Vorsprünge 5 Fufs hinein und
hildeten die Abschlufspfeiler für die beiden 5 Fufs 6 Zoll starken

1 feilerreihen. In das südliche Seitenschiff führte eine Xeben-
pforte — ähnlich wie in Chorin —, docli war sie sehr klein,

2 Fufs 3 Zoll im Lichten. Die Seitenschiffe hatten hiernach
eine Spannung von 16 Fufs 8 Zoll; das Mittelschiff eine solche
\on 29 Fufs 3 Zoll. Ferner wurden gefunden die attische Basis
eines Innenpfeilers, ein Tlieil des abgekehlten, mit Rundstab
schliefsenden Aufsensockels und ein dicker, vermüthlich einem
Portale , angehörig gewesener Rundstab mit flachgebogenem
Würfelkapitelle. Das Steinformat betrug IIV4—UV2, 5 Vs und
4 Zoll, war also fast gleich demjenigen der Westfront von
Chorin. Einige dieser Details hat bereits Otte in seiner Ge-
schichte der deutschen Baukunst S. 653 veröffentlicht.

Aus diesen wenigen, aber werthvollen Bauresten darf man
siclier schliefsen, dafs Mariensee eine gewölbte, dreischiffige spät-
romanisehe Pfeilerbasilika gewesen sein mufs, die ilire Herkunft
von Lehnin nicht verleugnete, obschon man den Malsstah er-
heblich gesteigert hatte. Denn die Front in Lehnin liat nur
65 Fufs 8 Zoll gegen das Mafs von 81 Fufs 3 Zoll in Marien-
see und bei der Front in Cliorin ist man zu dem Mafsstabe
v°n Lehnin wieder zurückgekehrt, weil Chorin nur 65 Fufs
2 Zoll Frontbreite mifist. Dabei sind die Mittelschiffe aller drei
Kirchen fast gleich breit; Lehnin hat 27 Fufs 3 Zoll, Marien-
see 29 Fufs 3 Zoll und Chorin 29 Fufs. Die auffallende
Breite von Maiiensee beruht daher nur auf der grofsen Span-
nung dei Seitenschiffe mit fast 17 Fuis, während Lehnin und
Chorin nur 12 Fufs besitzen.

Eine planmäfsig gefiihrte Ausgrabung würde ohne Zweifel
den Gnmdplan der Kirche und des Klosters sowie zahheiche
werthvolle Details des für die Baugeschichte der Mark so aufser-
ordentlich wiclitigen Baues liefern, weil es sehr unwahrschemlich
rst, dafis man nach dem Ahhruche auch die Unterbauten, die
I 'imdamente, die Keller u. s. \y. vollständig beseitigt haben wird.

II. Die Städte und Dörfer der Mittelmark.

A. Die Städte Berlin und Cöln.

Yorbemerkung.

Durch clie im Auftrage und auf Kosten des Beilinei
Magistrates im Jahre 1893 erfolgte Herausgabe des von dem
Regierungsbaumeister R. Borrmann verfafsten und 1111t emer
geschiehtlichen Einleitung von dem Stadtarchivare P. Clauswitz
versehenen Prachtwerkes: Die Bau- und Kunstdenkmäler
von Berlin ist das vorhandene Bau- und Kunstmateiial iiii
heide Städte so erschöpfend zusammengestellt und kritisch ge-
würdigt worden, dafs es bezüglich einer Darsteüung der kunst-
historischen Entwickelung beider Städte im Mittelalter genügt,
auf jenes hervorragende Werk zu verweisen. Iseben ilini bietet
eine gedrängtere aber empfehlenswerthe Behandlung desselben
Themas durch K. E. O. Fritsch der Abscluiitt: Die gescliicht-
liche Entwickehmg Berlins in dem vom Berliner Arcliitekten-
Vereine herausgegebenen Buclie: Berlin und seine Bauten.
I. Auflage 1877 S. 20 ff.

Historisclies.

Berlin und Cöln besafsen am Sclilusse des Mittelalters an
kirchlichen Baudenkmälern: 1. drei Pfarrkirchen: St. Nikolaus
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