Adler, Friedrich
Mittelalterliche Backsteinbauwerke des Preußischen Staates (Band 2) — Berlin, 1898

Seite: 41
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ein, sondern sie ist überhaupt eine der schönsten nnd originell-
sten Schöpfungen in der Mark. Sie bestelit, wie der Grundrifs
Blatt LXXI Fig. 7 lehrt, aus drei Bautheilen: dem dreischiffigen
Langhause von vier Jochen, dem zweijochigen Langciiore und
dem Cliorpolygone, aus sieben Seiten des Zehneckes gebildet.
Durehweg gewölbt, ist sie ferner im Langhause basilikal ge-
sta-ltet und mit auffallend sckwaclien Strebepfeilern sowohl oben
wie unten versehen. An der Nordwand fehlen solche ganz,
auch die Mauern sind schwach, dennocli läfst die Erhaltung
nichts zu wünschen übrig, was von den guten Materialien und
der soliden Technik herrührt.

Fast alle anderen Bettelmönchskirchen in der Mark sind
lang und schmal gestaltet, bepnders im Schiffe, welches für
die Yolkspredigt bestimmt war; hier erscheint das Langhaus
auffallend breit — dem Quadrate sich nähernd — und der
Clior ist gleichfalls breit und kurz. Beides bedingte der Bau-
platz, welcher eine so geringe Tiefe besafs, dafs der Chor die
alte Stadtmauer fast berührte, denn der Polygonchor ist sicher
ein späterer Zusat-z, um dessentwillen die Mauer abgebroclien
und bogenförmig zurückverlegt werden mufste. Diese Zeitunter-
scliiede läfst der Grundrifs durcli verscliiedene Schraffiruug er-
kennen. Weil aber eine dreifache Tönung angegeben ist, so
mufs hervorgehoben werden, dafs bei dem jüngsten Wieder-
herstellungsbaue unter anderen Thatsachen, die noch erwälint
werden sollen, die Entdeckung gemaclit wurde, dafs der gröfste
Tlieil der Nordmauer — dreiviertel — aus Findlingen erbaut
ist, genau wie dic alte Stadtmauer. Hö®istwahrscheinlich ist
dieses Mauerstück der Rest eiues markgräfliclien Gebäudes,
welchen die Mönclie aus Sparsamkeit und weil die Lage und
Stärke pafste, fiir die Kirche verwerthet haben. Bei derselben
Gelegenlieit wurde auch das tlieilweise durch Grüfte zerstörte
Fundament des alten plattgeschlossenen Cliores ermittelt, welches
15 Fufs von der Richtunff der alten Stadtmauer entfernt

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endigte. x) Dieses Fundament bestand gleichfalls aus Granit-
findlingen.

o

Das Aeufsere ist ordensgemäfs sehr einfach behandelt;
zwei dreitbeilige Spitzbogenfenster mit plattenförmigem (theil-
weise erneuertem) Stab- und Mafswerke, ein kräftiges aus Hohl-
kelile und Platte besteliendes Kranzgesims, schwaclie Strebe-
pfeiler und geschmiegte Oberfenster bilden die Grundlage des
Aufsensystems. Etwas belebter ist, so weit sie erhalten, die

Westfront gegliedert;


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Ymffrurrrr

10

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doch felilt leider so-
wohl das alte Haupt-
es ist im
XIAk Jalirhundert
durch das vorhan-
dene ersetzt worden
— als a,uch das
Pfostenwerk des über
X dem Portale befind-
lichen viertheiligen
Hauptfensters. Ueber
dem Letzteren folgt
dann der gebrochene
gothische Bogenfries
herber und alterthüm-
liclier Fassung, den
der nebensteliende
Holzschnitt nebst der
ganzen nacb einer
Skizze meines Freimdes v. Quast gezeichneten Giebelecke wieder-
giebt, und endlicli schliefst der mit mächtigen Stäben besetzte
Giebei, die sich kreuzend eine naive Theilung von 1G Dreiecken
bilden, nebst erneuertem Firstreiter. Für die früligothische

1) Beide Mittheilungen verdanke ich meinem alten Freunde ITerrn v. Quast,
der sie mir im Jalire 1856 machte.

Detailbildung ist auch die im nördlichen Seitenscliiffgiebel er-
baltene Bodenöffnung bezeichnend. Yergl. den Holzsclmitt.

Ungleicli werthvoller ist
die Wirkuug des Innern, weil
sie grofse Gegensätze in der
Struktur und der Beleuchtungs-

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weise liarmonisch vereinigt.

Die

Baumgestaltung des basilikalen
Langhauses und des später ihm
angeschlossenen Chores läfst der Querschnitt auf Blatt LXXI
Fig. 1 iu Yerbindung mit den beiden Systemen des Chores und
des Schiffes auf Blatt LXXIT Fig. 9 u. 10 deutlicli erkennen.
Das bei seiner Kleinheit breite und weiträumige Langhaus
hat wenig Liclit besessen, weil im Norden das Ivloster anstiefs
und die alten Fenster sehr klein waren, aber es hatte viel
Wandfläclien. Clior und Langliaus trennte einst ein Lettner von
drei schmalen gewölbten Jochen — ihre Rippe zeigt der neben-
stehende Holzsclmitt Y) dessen Mitte

der Laienaltar stand. Die Obermauern werden
von seclis starken Pfeilern getragen, welche m
zwei Arten zerfallen, die in diagonaler Stellung
abwechseln, nämlicli in Quadratpfeiler, mit vier achsialen Halb-
säulen und in Acliteckspfeiler mit acht Halbsäulen besetzt, Die
Ersteren liaben gegliederte Bündelsockel, die Letzteren schlichte
Bundbasen. Vergl. Blatt LXXII Fig. G und 7. Noch intei-
essanter sind die Kapitelle dieser Pfeiler, weil sie durchgehendei
Kämpfer entbelirend die Aufnahme der spitzbogigen Arkaden
mittels quergelegter starker IJalbwülste, welclie in mannicb-
faltiger Weise mit roma-nischen Ranken und Blättern belegt sind,
höchst originell vermitteln. Vergl. Blatt LXXl Fig. 2 nnd G. )
Abwechselnd starke und scliwache Dienste anc^ eoK *
Stützenwechsel — mit zum Tlieil älinlichen Kapitellen ti.igcn
die flachbusigen Kreuzgewölbe, welche Birneiistabi'ippcn nnd
durclibohrte Sclilufssteine besitzen. Das Mafswerk der klemen
dreitheiligen Oberfenster scheint nach alten Mustern vollständig
erneuert worden zu sein. Die beiden Joclie des L<m&choicr.'
gehören aber zum alten Bau, wie aus der Festhaltung dcs

inneren Systemes nnd der identischen Einzelbildung unzweifel-

liaft liervorgeht.

M e^en dei oben erwähnten durchbrochenen Lettnerwand
muisten die beiden westliclien Dienste im Cliore etwas nach
Westen verschoben werden - vergl. Fig. 10 - und weil an
aiu en die Cliorstühle standen, konnten die Dienste erst

in einer Höhe von 18 Fufs beginnen. Diese Zwangsla8e
der Baumeister wieder benutzt, um von seiner Xeiguna zm
Plastik ein beredtes Zeugnifs abzulegen, wie es in da < u v
nur sehr selten vorkommt, Er hat nämlich aF b (son<citn
Schmuck für den liohen Chor über dem ( horgestüblc au
belegten Backsteinkonsolen vier frei vortretendc Gesta tcu
geordnet, welche mit ihren Köpfen bezw. Hälsen < u 8 «itteri
sockelförmigen Basen der starken Wandclienste tiagen. f 111
drei Thiere und ein liockender Mann; von dcn eistacn s
zwei deutlich erkennbar, ein Pelikan, der seinc, un8cn u tu ,
und ein Acller, welcher zwei Hasen umkiallt dt, c as cn <
Thier ist ein grofser phantastischer Vogel mit Wolfskopf unc
langem Wickelschwanze. Der bockcnde, nocb jugendhche Mann

• i i , , TT trüo-t eiuen langärmeiigen, vorn

mit reich gelocktem Hauptnaar, 11 <>.-,< Y

offenen, aber durch einen Gurt gehaltenen Arbeitsrock. Es ist

höchstwahrscheinlicli der Baumeistei selbst, we c lei c uui \ i

beliebten Sitte des Mittelalters folgend, sich hier m naiver

Weise an seinem Werke verewigt hat.

1) Nacli v. Quast’s Skizze. Die Anordnung war der noch stehenden in der
Dominikaner-Klosterkirche zu Angernninde sehr ähnlich.

2) Diose werthvolle keramische Teclniik erscheint hier in einer so reifen und
durchgebildeten Weise, dafs man an eino Uebertragung aus der Fremde zu denken
veranlafst wird. Die Frago ist wichtig genug, um weiterer Forschung unterzogen
zu werden.

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