Adler, Friedrich
Mittelalterliche Backsteinbauwerke des Preußischen Staates (Band 2) — Berlin, 1898

Seite: 42
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Weil das System des Langhauses einen unverkennbaren
Zusammenhang mit dem entsprechenden im Dome ?u Magde-
burg besitzt und hescheidene Anklänge an den Chor daselbst
durch die figurale Bereicherung der hiesigen Chordienste kaum
hestritten werden können, so ist es nicht unmöglich, dals der
Franziskaner Konvent yon Berlin den Plan und den Meister
aus Magdeburg sich geholt hat, wo damals der Dombau im
vollen Gange war. 1)

Dass der Bau des Chorpolygones beträchtlich jünger sein
mufs als der des Langhauses und Langcliops, ist für jeden,
der die Hauptbauwerke der Mark genauer kennt, sehr bald zu
sehen. Der Erstere entstammt dem XIV. Jahrhundert, die
Letzteren unzweifelhaft dem XIII. Es geniigt, das an sich
gescliickt gegliederte, aber überreiche und deshalb schon etwas
kraftlose Innenprofil der Chorfenster auf Blatt LXXII Fig. 8
mit. der energischen Abschmiegung der alten Fenster oder der
schlichten Profilirung der alten Schmiegen (wo immer nur Kehlen
auftreten) zu vergleichen, um sich des Unterschiedes zwischen
I'rühgothik und Hochgothik vollbewufst zu werden. Nur in
zwei Punkten hat der Meister des Polygones Anschlufs gesucht,
aber wohl mehr aus Sparsamkeit als aus Stilgefühl; der eine
ist die Stabwerksbildung, vorn und hinten flach und seitlich
abgeschrägt, und der zweite die Vermeidung von Formsteinen
in den änfseren Laibungen. Vergl. das innere Chorsystem Fig. 9.
Derselben Tendenz, das bescheidene Gotteshaus nachträglich
reicher zu schmücken, ja in neuem Glanze durch den Chorbau
erstehen zu lassen, entstammt auch das reichgegliederte und
unter einem gemeinsamen Spitzbogen mit Giebelschräge stehende
Zwillingsportal der Westfront, dessen Seitenprofil Blatt LXXII
Fig. 5 darstellt. Es sind zwar andere Formsteine liier ver-
wendet als bei den Profilen der Cliorfenster, aber es ist die-
selbe Richtung und Mache wie dort. Leider fehlen den Chor-
fenstern die alten Mafswerke, man hat 1842 — 44 das vor-
handene rohe spätgotliische Pfostenwerk beseitigt und Mafswerke
eingebürgert, deren Vorbilder theils aus Chorin, tlxeils aus
Brandenburg stammen. Dagegen sind im Innern die drei-
thciligen Chornischen unterhalb der Fenster, welche einen förm-
lichen Nischenkranz bilden, echt und a-lt. Ein selten schöner
Schmuck, der aber durch die Formenreduktion und seine zier-
lich anmuthigen Verhältnisse gleichfalls auf-eine spätere Phase
deutet, so dafs von unmittelbarem Anschlufs an den Schiffsbau
keine Rede sein kann. Vergl. den Querschnitt mit dem inneren
Chorsysteme und die schöne Rippe a des Holzschnittes auf
S. 41 Spalte rechts.

Indessen ist sclion oben die Fundthatsache des Funda-
inentes für den alten platten Chorabschlufs betont und die
Verlegung der alten Stadtmauer gleichfalls als wichtiges Moment
verwerthet worden, um die Annahme eines gröfseren Zeit-
abstandes zu sichern. Zusätzlich wird noch bemerkt, dafs die
hinausgeschobene Ringmauer auf eine lange Strecke liin in Zie-
geln und scliwächer erbaut ist, wie die alte Mauer, welche genau
wie in vielen anderen Städten, Spandau, Straufsberg, Münche-
berg, Ruppin u. s. w. nur aus Feldsteinen bestand und theilweise
noch besteht. Dafs nun eine so schwer wiegende Mafsnahme
wie der zeitweise Abbruch eines Abschnittes der Ringmauer in
der fast immer friedlosen Zeit des Mittelalters bei dem Rathe
nicht dnrch die Wixnsche des armen Bettelkonventes veranlafst
sein kann, liegt auf der Hand. Hier kann nur der dringende
Antrag des Landesherrn gewirkt haben und daher liegt es nahe,
an die Regierungsepoche der bayrischen Fixrsten, clenen Berlin
manclie Wohlthaten verdankte, zxx denken. Oben wxxrde sclxoxx
hervorgehoben, dafs hervorragende Glieder jenes Geschlechtes,
so 1340 xxnd 1357 im Chore ihre letzte Ruhestätte gefxxnden
haben sollten, ja dafs das Kloster diese Ehre auch von dem

1) Es darf auch daran erinnert werden, dafs der miichtige plattgeschlossene
Langchor im JDome zu Königsberg i. P. eine sehr ähnliche Wand- und Dienst-
gliederung erhaiton hat, wio dic hier in der Klosterkirche vorhandene.

letzten dieses Gesclxlechts in der brandenburgisclien Regenten-
reihe, von Ludwig dem Römer für sich in Ansprueh nahm.
Nxxn sind bei den Aufgrabungen, welche v. Quast während der
letzten Restaixration vornahm, vor dem Altare im Choxe zwei
neben einander liegende, axxs Ziegeln gemauerte Grüfte auf-
gedeckt worden, von denen die eine, welche Knochen und Ge-
wandreste enthielt, ganz dxxrchwühlt, die zweite aber nur mit
Sand und Schxxtt- gefüllt. war. — Er schlofs daraus, dafs dns
erste Grab der Gemahlin Ludwigs des Römers angehört liaben
werde, während das — wahrscheinlich gleichzeitig hergestellte —
zweite der Fürst zxx seiner Ruhestätte bestimmt haben könne. ’)
Jedenfalls stützt. dieser Befund trotz seiner selxr gerhigen Aus-
beute die alte Ueberlieferung, dafs im Cliore fürstliche Gräbei'
vorhanden gewesen sind, iix unanfechtbarer AVeise. Wenix aber
Ludwig der Aeltere schon 1340 durch die Beisetzung seiner
Genxahliix Margarethe die Klosterkirche in so xxngewöhnlicher
Weise vor allen Gotteshäusern der Stadt axxsgezeichnet. Iiat, so
entspricht es der Sachlage folgerichtig, wenn nxan annimmt, dafs
er es war, der den wegen der Enge 2) von den Mönchen längst
geplanten Erweiterungsbau des Chores auf das Wärmste unter-
stützte und kraft seiner Stellung uxxd seines Einflusses die
gröfste Scliwierigkeit, die Verlegung der alten Stadtnxauer, bei
dem Ratlie überwand. Daraus dürfte dann für den Polygonbau
a.uf eine Bauzeit von 1340 — 45 angenähert zu scliliefsen sein.
Ein solches Datum entspricht aber axxch den Hauptphasen der
Entwickelxmg des einsclxiffigen Chores in Deutscliland, denn die
in sieben Seiteix des Zehneckes geschlossenen Cliöre sind erst
spät entstanden xxnd stammen axxs der Sclixxle Erwins von Stein-
bach. Ein sehr fi’ühes Beispiel ist die Marienkirche zxxr Wiese
in Soest, inschriftlich um 1334 von Johannes Schendeler er-
baut, dann folgt St. Joliannes in Stettixx xuxi 1340, ferner Berlin
1340 — 45, sbwie die Marktkirche in Hannover urkundlich
1350 xxnd Belitz 1370, xxnd irn XV. Jahrhxmdert noch eixxige,
daranter die St. Ludgeri-Kirche iix Münster xuxd St. Johannes
in Brandenbxxrg' 1422. s)

Für die zeitliche Festsetzxxng des ersten Baxxes kami von
den beiden Nachrichten, die von der Ueberweisung des Baxx-
platzes durch die Landesherren 1271 uxxd die voxx der Sclien-
kxxng der Ziegelei 1290, xxxxr die erstere ixx Frage kommen, weil
die unzweifelhaft frühgothische Struktur, xvie die Kunstformen
des Langhauses xxxxd des Langchores, xxnx 1300 an keiner Stelle
der Mai'k mehr vorkommen. Dazu kommt die so nahe liegende
Erwägung, dafs die Mönche sicher mit dem Baxx ilxrer Kirche
begonnen haben nxüssen, sobald sie den Baxxplatz erhielteix,
weil ihre Wirksamkeit olxne Gotteshaxxs siclx gar nicht hätte
entfalten können. Und dafs sie soldies sofort getlian haben,
beweist allein die Thatsache, dafs sie ein älteres markgräfliches
Gebäxxde axxs Granit der Kirchenmauer einverleibt haben, um
Zeit. zxx gewinnen xxnd Geld zxx sparen. Dalxer ist. die Schen-
kxxng der Ziegelei 1290 wolxl für den allmählich entstehenden
Klosterbau seln nützlich gewesen, steht aber in keiner Be-
ziehxxng zxx dem alten Kirchenbaue, der siclier abgeschlossen
war, als die Schenkung erfolgte.

Steinformat: 1. anx Langchore: 11, 5 und 3Y2 Zoll;
2. an der Südmaxxer: 11, 5 —5Vs xxnd 3% Zoll; 3. an der
Westfront lOVa —10%, 5% xuxd 3 3 */s —3 5/s Zoll; 4. am Poly-
gone 11 — 117*, 5 und 3 5/s Zoll.

Ueber die Klostergebäxxde, ihre Forxxx und Gröfse, ihren
Kunstcharakter xmd Datirxmg darf ich axxf Borrmann’s Wei’k
verweisen xxnxl hebe nxxr hervor, dafs ein zweigeschossiger West-
flügel mit einem zweischiffigen, fünfjocliigen Säulensaale von

1) Auch diese Mittheilung verdanke ich Herrn v. Quast.

2) Diese wird sich besonders 1339 fiihlbar gemacht haben, weil in jonem
Jahre das grofse Ordenskapitel der Franziskaner in Berlin gchalten wurde.

3) Ich habo es für nöthig crachtet, moino früh gewonnene Ueborzeugung,

dafs der Polygonchor der Pranziskaner-Kirche in Berlin den bayrischen Fürsten

angehöre, noch ein Mal ausfiihrlich zu begriinden, woil Borrmann a. a. O. 188
mit wenig stichhaltigen Gründen meine Datirung bezweifelt hat.
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