Adler, Friedrich
Mittelalterliche Backsteinbauwerke des Preußischen Staates (Band 2) — Berlin, 1898

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guten Verhältnissen (Abbildung daselbst S. 201) von 1471 — 74
durcli Meister Bernhard und ein nordwestlicli davon belegener
Flügel von 1516—19 von einern unbekannten Meister in spät-
gothischem Stile erbaut worden sind.

b) Kapelle St. Spiritus.

Historisches.

Die Bauzeit dieses kleinen, aber sehr werthvollen Werkes
läfst sich nur bis auf gewisse Grenzen hin angenähert fest-
setzen. Dafs beide Armenliöfe, der eine in der Stadt, St. Spiritus,
der andere aufserhalb belegen, St. Georg, schon früh vorhanden
waren, also etwa 1250 — 70 gegründet worden sind, geht aüs
der Urkunde von 1272 hervor, worin ihrer gedacht wird. Wenn
dann in einer zweiten Urkunde von 1288 festgesetzt wird, dafs
jeder, welcher in das Schneidergewcrk eintreten wolle, D/s Pfund
Wachs an jedes der beiden Hospitäler geben solle, so darf
daraus geschlossen werden, dafs beide Höspitäler entweder ge-
weihte Räume mit Altardienst, für welchen das Waclis unent-
behrlich war, umschlossen oder bereits eigene Kapellen besaisen.
Erst 1313 wird für St. Spiritus urkundlich ein Priester genannt.
Zur Baugeschichte liefert alsdann die im Jahre 1720 bei einer
Reparatur des Thürmehens aufgefimdene Einlage des Thurm-
knopfes einen werthvollen Beitrag, indem sic meldet, dafs man
1476 aufser dem Thurme und dem Dache auch einzelne Theile
der Kajjelle erneuert habe.

Baubeschreibung.

Der überaus einfache Bau ist auf Blatt LXXII Fig. 1 — 4
durch Grundrifs, Ostfront, Quersclmitt und einem Detail dar-
gestellt. Er bildet einen oblongen Saal von relativ grofsen
Malsen — 30 Fufs breit und 53 Fufs lang — und bezeugt
sclion darin im Vergleich zu vielen anderen Hospitalkirchen
der Mark die Wohlliabenheit und die bedeutsame Stellung,
welche Berlin schon vor Ablauf des XIII. Jahrhunderts ge-
wonnen hatte. Die Mauern sind von bemerkenswerther Btärke
für eim'ii Bau, der nicht gewölbt werden sollte, sondern sicher
eine schwere Eichenbalkendecke mit ebensolchen Holzstützen
in zwei Reihen getragen hat. Weil der Bau nur an drei Seiten
frei stand, blieb er an der Nordseite zum gröfsten Theile
fensterlos. Der Eingang lag im Westen und vor der schlichten
Westfront, welclie unten bis auf eine Höhe von 872 Fufs aus
Feldsteinen und von da. ab aus grofsen Ziegeln erbaut ist, be-
fand sich früher eine Vorhalle. Hier sind noch drei einfache
spitzbogige Blenden erlialten, von denen die mittelste ursprüng-

hch geöffnet war. Die Giebelspitze schlofs einst ein Glocken-
thürmchen ab.

Die Büdmauer rulit auf einem drei Schicliten holien Sockel
mehi ist nicht sichtbar — von trefflich behauenen Granit-
quadern. Die beiden Strebepfeiler sind ein späterer, und zwar
moderner Zusatz. Die drei breiten dreitheiligen Spitzbogen-
fenster in der Südmauer sind gleichfalls jüngeren Ursprunges
und rühren von einem Renovationsbaue her, welcher insclirift-
licli 1752 zu Stande gekommen ist. Am besten erhalten ist
die Ostfront (Fig. 2), obschon ihr Giebel verstümmelt und am
Gipfel falsch ergänzt ist. Der Unterbau mit abgeschrägtem
Sockel besteht aus gut behauenen Granitquadern, mit breiten
geritzten Mörtelfngen. Darüber erhebt sich der Backsteinbau,
dessen Hauptgeschofs bei strenger Einfachlieit in den Details
— vergl. die Profilirung der Ostfenster Blatt LXXII Fig. 3 —
eine sehr lebhafte Gliederung durch die Fülle von schlanken,
geputzten Blenden neben seinen drei liohen und breiten Spitz-
bogenfenstern, die mit Mafswerk gefüllt sind, erfahren hat, Ein
Vierpafsfries bildet den Abschlufs und dann folgt der durch
genischte Flachpfeiler getheilte Giebel, dessen Hauptschmuck
die reihenförmige Anordnung spitzbogiger Blenden, welche mit

Ziergiebeln gekrönt sind, bildet. Leider ist dieser Giebel durch
mifsglückte Restaurationen scliwer verstünnnelt, denn nrsprüng-
lich liaben seine Flachpfeiler oben als Fialen geendigt, Aber
auch in ihrem jetzigen Zustande besitzt die Ostfront von
St, Spiritus einen hohen Werth, weil wohlerhaltene Facaden
der Frühffothik in der Mark selten sind und insbesondere von

o

ungewölbten strebepfeilerlosen Gebäuden.

Die nächste Verwandtschaft zu St. Spiritus zeigt die
Ostfront der Klosterkirche zu Neuendorf bei Dambeck in der
Altmark, welche im Bande I auf Blatt XXXI Fig. 4 dar-
gestellt worden ist, weil sie ebenfalls zu einem frühgothischen
Baue gehört, der auf Holzdecken angelegt war und neben der
Anorclnung dreier Spitzbogenfenster mit Mafswerk eine an-
ziehende Blendengliederuug besitzt.

Das Innere ist durch die nachträglich eiugebaute gewölbte
Decke, welche aus drei Jochen von sechstheiligen Sterngewölben
mit Seitenstichkappen besteht, offenbar aus Sparsamkeit so niedrig
als möelich sehalten worden, urn den vorhandenen Dach-

o o

verband zu schonen. Vergl. den Querschnitt Fig. 4 und die
Perspektive bei Borrmann S. 178. Die zwiefach gekehlten
Rippen erheben sicli auf zwölf Wandkonsolen, welche mit Büsten
bärtiger Männer (Evangelisten und Propheten), welche Sprucli-
bänder halten, geselimückt sind, eine Dekorationsweise, welclie
für den Ausa’ana: des XV. Jalirhunderts selir charaktcristisch
ist. Vergl. hierzu z. B. die Sieclienhauskapelle in Neu-Ruppin
BlattLXXV Fig. 1 — 7.

Steinformat: 11 Va — 11 5/s; 5 1/* — 5 5/8 und 47* Zoll.

Da die Kapelle, wie aus ihrer Struktur und ihren KunSt-
formen hervorgeht, sicher dem XIII. Jaluhundert entstammt, so
darf man im Anschlusse an die Berliner Urkunden das Jahr
1280 als angenähert riclitig gelten lassen. Die Ueberwölbung

gehört zu dem RenovatiÖnsbaue der Jahre 1475_76 und wird

wahrscheinlich von dem Meister Bernhard herrühren, welcher
gleichzeitig den oben erwähnten Westflügel im Franziskaner-
Kloster erbaut liat.

c) Die Gerichtslaube am alten Rathhause.

Die im Jahre 1860 bei der in Gemeinschaft mit Fidicin
vorgenommenen Untersuchung des alten Rathhauses gemachte
Entdeckung, dafs in einem nach der Spandauerstrafse hin vor-
springenden Bautheile, damals „das vereinigte Bureau“ genannt,
dei mittlere Rundpfeiler und die von ihm gestützten vier Kreuz-
gewölbe dem frühgothischen Baustile angehörten, hat zu wei-
teien Forschungen Veranlassung gegeben, welclie nicht blols
für die Baugeschichte Berlins, sondern aueh für die älteste
Stadtgeschichte von Bcdeutung wurden. 7

Unter Bezugnahme auf jene Arbeiten soll hier nur der älteste
und wichtigste Bautheil des alten Rathhauses mitgetheilt werden,
welcher als Gerichtslaube Jahrhunderte hindurch gedient hat, 2)
Ob eine solche Dingstätte an dem ältesten Rathhause Berlins,
welches am Molkenmarkte stand, sclion vorhanden war, ist uu-
bekannt, jedenfalls ist die aufgefundene Halle mit dem Aufbau
des nach der Ecke der Spandower und Oderberger Strafse ver-
legten zweiten Rathhauses gleicli verbunden worden.

Es war, wie der nachstehende Holzschnitt darstellt, eine
an drei Seiten geöffnete quadratische Backsteinhalle von 26 Fuls
im Lichten, deren vier Kreuzgewölbe von einem Rundpfeiler

1) Dio Hauptresultate der damaligen gemeinsamen Arbeiten wurden auf
Veranlassung des Oberbürgermeisters Beydel in cinem Büchlein unter dem Jitel:
Das Berliner Ratlihaus, eine Dcnkschrift fiir die bevorstehcnde Grundstein-
legung zum neuen Bathhause am 11. Juni 1861, niedergelegt.

2) Bekanntlich ist der ganze zvveigesehossige Bau, nachdem der wohlboroch-
tigte Wunsch, ihn an seiner Stellc zu bolassen oder in dcr Niihe wicder auf-
zurichten, an dem Widerstande der städtisclien Behörden gescheitert .war, durcli
den pietätvollen Sinn des Kaisers Wilhelm I. mit nicht unbeträchtlichen Kosten
1871 nach dem Parke von Babelsberg verpüanzt worden.
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