Adler, Friedrich
Mittelalterliche Backsteinbauwerke des Preußischen Staates (Band 2) — Berlin, 1898

Seite: 46
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gotliisclie Kapelle mit Sterngewölben, die jetzt als Sakristei
dient. Vergl. den Grundrifs auf Blatt LXX Fig. 6. Wie die
auffallenden Mauerstärken lehren, wurde der Bau im Osten
begonnen und im Westen beendigt. I)a aber die Xeben-
apsiden bereits im Spitzbogen geschlossen sind und alle drei
Apsiden schmale, stark geschmiegte Spitzbogenfenster enthalten,
während die gepaarten Oberfenster des Scliiffes und des Xord-
kreuzes den Bundbogen bewahrt haben, so erkennt man, dafs
der einheitliche romanische Baustil bereits verlassen war und
der Bau der Epoche des romanischen Uebergangsstiles angehört.
Die Arkadenpfeiler sind kreuzförmig, die Vierungspfeiler —
vergl. den Quersclinitt Fig. 1 — mehrfach abgestuft; im inner-
sten Aechsel treten kräftige Dreiviertelsäulen mit Basen und
halbrundschildigen Kapitellen auf. Die gleiche vorgeschrittene
Gliederung zeigen auch die Kreuzflügel.

Die verschiedenen Rippenprofile im Chore
a und im nördlichen Seitenschifie b zeigen
die nebenstelienden Holzschnitte unter diesen
Buchstaben. Die Gewölbe sincl sämmtlich
flachbusig, aber ziemlich stark gestochen, die Arkaden spitz-
bogig.

Im Aeufseren überwiegt der spätromanische Charakter, wie
man aus den dreifach gebiindelten Lesinen nebst dem durch-
schlungenen Bogenfriese der Hauptapsis — Fig. 5 — dem
Portalprofile der Xordthür mit ionisirenden Kapitellchen —
Fig. 2 — und dem Detail des Hordgiebels — Fig. 7 — er-
sehen kann, während den Einflufs der kommenden Gothik
sowohl der Giebel der Westfront (an Dambeck in der Altmark
erinnernd) — Fig. 3 — als auch das Thurmfenster — Fig. 4
— verrathen. Leider ist die Kirche sehr barbarisch behandelt
worden, indem man viele Fenster, besonders die Oberfenster,
roh vergröfsert und an den Innenpfeilern mehrere Dienste unten
abgehauen hat.

Die Sakristei entbehrt aller Strebepfeiler, obschon sie in
zwei Jochen mit kräftig profilirten Sterngewölben überdeckt ist.
Sie besitzt flachbogige Fenster und einen ganz einfachen Giebel.
Xur an der Ostseite hat sie als Schmuck eine tiefe Blend-
nische erhalten, welche mit einem doppelt geschweiften und
gebiindelten Spitzbogen schliefst. An einem der drei vortrefl-

lich gearbeiteten Schlufssteine, welche dieser Holzschnitt wieder-
giebt, befindet sich in arabischen Ziffern das Datum 1519.

Steinformat: an der Apsis 10 8/s — %, 4 3A und 3 3/s bis
V?; an der Westfront IOV2 — 3U, 5 und 3Va 3A; an der Sa-
kristei 10% —11, 5—5Vi und 3 3/s Zoll.

Dorfkirchen bei Treuenbrietzen.

a) Pechüle. 1)

Backsteinerne Dorfkirchen aus älterer Zeit sind — ab-
gesehen von der Altmark und dem Jerichower Lande — sehr
selten in der Mark. Zu diesen Ausnahmen gehört Pechüle. 2 1 2)
Es ist eine aus Thurm, Langhaus und Chor mit Apsis be-
stehende Kirche. Der erst später hinzugefügte Granitthurm mit
Dachreiter ist auf der alten Westmauer theilweis aufgesattelt
worden und hat, wie erhaltene Reste über dem alten West-
giebel beweisen, einen Backsteinbau ersetzt. Man ist also hier

1) Ein Schaubild der Kirche von Nordosten gesehen bei Bergau S. 557.

2) Grundrifs und einige Details bei Otte, Gesch. d. deutschen Baukunst I,
S. 640 ff. Die Baubeschreibung enthält leider mehrfache Irrthümer.

wegen des Mangels einer Ziegelei in späterer Zeit zum Granit-
bau zurückgekehrt, während an den meisten Plätzen sonst das
Umgekehrte geschali. Trotz einzelner Veränderungen ist die
alte Baumasse erhalten. Apsis und Glior waren stets gewölbt,
die Erste mit Halbkuppel, der Letztere mit einem sechskappigen
Kreuzgewölbe, dessen Rippen das frühgothische Profil, wie-
Lehnin und Dobrilugk zeigen; das Schiff besafs eine Holzdecke,
wurde aber im XIV. Jahrhundert durch den Einbau von drei
Freipfeilern zweischiffig gestaltet und überwölbt. Die Apsis hat

drei tiefgelaibte schmale Rundbogen-
fenster und fünf ganz ähnliche, die
nie verändert wurden, finden sich
im Ghore und Schiffe. Der Sockel
ist von grofser Schlichtheit (PIolz-
schnitt a) und clie Pfeiler im Schiffe
die Rippen (Holzschnitt b) oline

u

b

sind abgestuft, während
Gurtbogen halbroh aufsetzen.

Steinformat: an der Apsis lOVi, 5Vi und 3 8/s; am Lang-
chore ähnlich, oft identisch, am Langhause IOV2, 5Vs und
3% —3% Zoll.

b) Bardenitz. 1)

Die Kirche, ebenfalls ein reiner Backsteinbau, lälst drei
Bauzeiten erkennen. Der ursprüngliche Bau besafs das tib-
liche altromanische Schema: oblonger, fluchtrecht gestellter
Westthurm, Langhaus, Quadratchor und Apsis. Die Fenster
und Pforten sowie der Triumphbogen waren rundbogig; eine
strenge Sparsamkeit beherrschte das Ganze, wie die alte, jetzt
vermauerte Xordpforte beweist. Hoch steht wohlerhalten die
Westhälfte, aber durch gothische Rippengewölbe verändert. Man
hat das Schiff — ohne Strebepfeiler hinzuzufügen •— in drei
Joche getheilt und aucli das Untergeschofs des Thurmes über-
wölbt. Es mufs dies im Laufe des XIV. Jahrhunderts ge-
schehen sein, wie aus den gut gezeichneten Konsolen, Rippen
und den scheibenförmigen aber auffallend reich mit Sternen,
Rosen u. s. w. geschmückten Schlufssteinen hervorgeht. Gleich-
zeitig oder wenig später hat man die Kirche unorganiscli er-
weitert, indem man einen etwas nach Xorden verschobenen,
plattgeschlossenen vierjochigen Clior ohne Strebepfeiler an-
setzte. Er besitzt dieselben Rippen und Schlufssteine wie
das Schiff, dazu Spitzbogenfenster, doch sind die Gewölbe
flacher und straffer gespannt und endigen im Osten mit einem
fünfkappigen Kreuzgewölbe. Der mit spitzbogigen Fenstern und
Blenden und einer ebensolchen Hauptpforte versehene Thurm
trägt ein gestutztes Satteldach und einen über Eck gestellten
Dachreiter mit welscher Spitze. Die zweijochige Sakristei im
Siiden ist, wie ilire Zellengewölbe beweisen, aus dem Anfange
des XVI. Jahrhunderts.

Beide Dorfkirchen entstammen noch dem XII. Jahrhundert.

C- Die Stadt Rathenow. 2)

Der Ort Rathenow wird 1217 zuerst genannt 3) in jener
Urkunde, welche die Gerechtsame und Besitzungen des Dom-
kapitels von Brandenburg bestätigt. Wahrscheinlich bestand
d°rt bereits eine Burg, denn in etwas späteren Zeugnissen
werden Ritter als Burgmannen angeführt. An eine Stadtgrün-
dung wurde erst 1246 gedacht und 1284 gestatteten die Mark-
grafen Otto und Konrad den Bürgern, ihre Hausstellen mit
Vorlauben und Vorsöllern vor und an den Häusern zu be-
bauen. 4) Wenige Jahre später war Rathenow schon vorläufig,

1) Grundrifs bei Otte a. a. O. S. 642, aber sehr fehlerhaft.

2) Riedel VII, 393 ff.

3) Riedel VIII, 135, Note.

4) Riedel VIII, 408. Man erkennt hieraus, dafs vor den Häusern höizerne
Stiitzen aufgestellt und die oberen Geschosse ganz oder theilweise erkerartig
vorgekragt werden konnten. Für die Baugeschichte der Mark ist daher diese Ur-
kunde von besonderem Werthe.
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