Adler, Friedrich
Mittelalterliche Backsteinbauwerke des Preußischen Staates (Band 2) — Berlin, 1898

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wölbe, ohne Anordnum

Obertlieiles, welclrer einst dnrch seine energische Fassung den
malerischen Eindruck der Kirche wesentlich erhöht liaben mufs.

Der vorjüngste. Bautheil ist das auffallend breite drei-
schiffige und vierjochige Langhaus, Fig. 5. Stämmige Bund-
pfeiler von übertriebener Stärke mit breiten Arkadenbogen
tragen die gewölbte Decke, welclie eine wahre Musterkarte von
spätgothischen Gewölbeformen, Beihungen wie Sterngewölben,
darnnter schon recht überkünstelte zur Anscha.uung bringt. Die
Wanddienste an der Nord- wie Südmauer treten kräftig hinein
und haben ein wirkungsvolles Profil, welches auf eine erheblich

ältere Bauzeit deutet als diejenige
der Gewölbe ist (s. Holzschnitt).
Diese Annahme wird entscheidend
bestätigt durch das gänzlich unver-
mittelte, ja rohe Anfallen der Ge-
von Kämpfern.

Das Aeufsere des Langhauses ist wieder besser als das
Innere, obschon der ursprüngliche Eindruck, insbesondere der
Slidseite, durch drei später derb angeschuhte Strebepfeiler
beeinträchtigt worden ist. Die alten Strebepfeiler waren sehr
flach (12 Zoll tief) und stiegen absatzlos auf. Die Spitzbogen-
fenster sind breit und viertheilig — ohne Mafs-
werk — und kräftig profilirt, wie solches Fig. ß
lehrt, welches von einem Westfenster ent-
nommen ist. Die Nordmauer hat niemals
flache Strebepfeiler besessen, sondern mittel-
starke, die absa.tzlos aufsteigen, dagegen sind
dieselben Fenster hier vorhanden wie an der
Südseite. Das hier befindliche Plauptportal ist
zart profilirt (s. nebenstehenden Holzsclmitt) und
neben demselben befinden sich zwei flache Kreis-
blenden. Unter der rechts stehenden liest man:
Sc ■ cmclreas und unter der links stehenden auf
zwei Zeilen: mcirici ■ Anno ■ Dm ■ MCCCCGXVII;
alles in meisterhafter Paläographie in die Ziegel
in lufttrockenem Zustande eingeschnitten.

Steinformat: 1. am Chöre: 11, 57i und 3 3/s;
2. an der Südkapelle: 11, 5 '/,t und ?IU; 3. an
der Nordkapelle: 11, L'A—5 1/8 irnd 3 '/i — S 1!;

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4. am Nordkreuze: 10Vi — 10 5/s, 4 8/s

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5Vs und

5. am Langhause (Nordseite): 10, d 1/ bis4 5/s und 3V4 Zoll.

D. Stadt Ueu-Ruppin.

Aus einem alten — wahrscheinlich der wendischen Zeit
bereits angeliörigen — Marktflecken in der Herrschaft Buppiu,
welche aus den Ländchen Buppin, Wusterhausen und Giansee
bestand, ist Neu-Buppin erwachsen und hat von dem Giafen
Günther von Arnstein im Jahre 1256 das „Stendal“ sche Stadt-
recht empfangen. Unter der bald friedlich milden, bald krie-
gerisch rauhen Herrschaft jenes 1524 ausgestorbenen Grafen-
geschlechts liat sich die Stadt zu einem bedeutenden Gemeinde-
wesen von grofser Wohlhabenhe.it ausgebildet, welches aucli
bezüglich seiner kirchlichen Einrichtungen unter den märkischen
Städten eine hohe Stellung einnahm. Am Schlusse des Mittel-
alters besafs die Stadt aufser der Pfarrkirche und einer Kloster-
kirche sechs Kapellen mit vier Hospitälern. Die Reformation
kam um 1540 zum Durchbruche und wurde mit der vom Kur-
fiirsten Joachim II. befohlenen Kirchenvisitation 1542 besiegelt.

Der grofse deutsche Krieg vernichtete den Wohlstand der
Stadt im XVII. Jahrhundert und den schwersten Yerlust erlitt
sie nach kurzer Erholung durch die grofse Feuersbrunst von
1787, bei welcher drei Kirchen, das Rathhaus und viele andere
öffent.liche Gebäude in Asche sanken.

Der nach einem grofsartigen Bebauungsplane von Friedrich
Wilhelm II. sofort begonnene und von seinem Nachfolger mit

echt königlicher Munificenz durchgeführte Wiederaufbau hat
fast zwei Jahrzehnte gedauert. Den Abschlufs bildete die Ein-
weihung der neuen grofsen Pfarrkirche im Jahre 1806, wenige
Monate vor dem Zusammenbruche des Preufsischen Staates. ])

Yon mittelalterlichen Schöpfungen sind jetzt nur noch drei
kirchliche Gebäude erhalten: Die Dominikaner - Klosterkirche
St. Trinitatis, die Kapelle St. Georg und die Siechenhaus-Kapelle
St. Laurentius. Auf’s höchste zu beklagen ist der Untergang
der ganz aus Backsteinen erbauten Pfarrkirche St. Maria, denn
sie war eine der gröfsten und schönsten Kirchen der Mark des
frühgothisehen St.iles. Die Hölie ihres Mittelschiffes wird auf
68 Fufs angegeben, während Chorin nur ÖS 1// Fufs besitzt.
Nach alten Stadtprospekten bei Merian und Petzold (Manu-
skript) war sie eine dreischiffige Hallenkirche von drei Jochen,
einern polygongeschlossenen Langchore von zwei Jochen, einer
zweithürmigen Westfront und einem schlanken Dachreiter über
dem Langchore. Die Thiirme standen, wie es bei so vielen
Thurmpaaren im Erzstifte Magdeburg vorkonunt, getrennt, waren
aber im obersten Geschosse durch eine ITolzbrücke verbunden
und schlossen mit verschiedenen Dachformen. Der Südthurm
trug ein abgewalmtes Satteldach mit Dachreiter, der Nordthurm
einen mit vier Nebenthürmchen besetzten schlanken Holzhelm.
Das Langhaus besafs ein auffallend hohes Hauptgesims, wahr-
scheinlich einen durclibrochenen Traufgang, wie ilm Prenzlau
hat, und seine Strebepfeiler bekrönten schlanke Fialen.

Dominikaner - Klosterkirche St. Trinitatis.

Historisches.

Das Dominikaner-Kloster zu Ruppin scheint einige Jahre
friiher gegründet zu sein, als der Marktflecken Stadtrechte
empfing, also vor 1256, weil auf dem im Jahre 1519 be-
endigten Chorgestühle der Dominikaner-Kirclie zu Böbel in
Mecklenburg die Namen und Stiftungsjahre von 26 Dominikaner-
Klöstern der Ordensprovinz Sachsen, welche von Sachsen bis
Liefland reichte, überliefert werden und dabei Buppin das
Datum 1246 besitzt. Bestätigt wird diese Ueberlieferung durcli
die Gründungsgeschichte des Klosters. Seine Stiftung war das
gemeinsame Werk zweier Brüder Gebhard und Wichrnaun
von Arnstein, wobei der erste die weltlichen Wohlthaten spendete
und der zweite die geistliehen Einrichtungen traf. Da es nun
feststeht, dafs Gebhard als „ fundator hujus conventus“ 2) in der
Klosterkirche 1256 begraben worden ist, so mufs die erste An-
lage des Klosters schon einige Jahre früher fallen. Dazu kommt
die liistorisch überlieferte Frömmigkeit des jimgeren Bruders
Wichmann. Dieser, für den geistlichen Stand bestimmt trat
früli 1194 a.ls Mönch in das Prämonstratenser-Kloster
U 0 eburö. Später — 1207 — wurde

er Domhen, ja Dompiopst und dennoch verliefs er diese holie
Stellung, um Bettelmönch, und zwar Dominikaner zu werden.
Wann sein Uebertritt stattfand, steht nicht fest, man darf
aber etwa 1240 annehmen, weil cler Orden selbst in Magdeburg
erst 1229 festen Fufs gefafst hatte. Wichmann wird dann
wohl mehrere Jahre hindurch seiner Ordenspflicht geniigt haben,
bis es ihm gelang, durch warme Fürsprache die Wirksamkeit.
seines Ordens auch auf das Gebiet seines Bruders Gebhard zu
übertragen. Er selbst siedelte später nach Ruppin iiber, mit
dem Aufbau und der Einrichtung des Ivlosters beschäftigt, denn
eine sichere Ueberlieferung besagt, dafs er 1270 als erster Prior
des Klosters 3) gestorben sei. Eine Sandsteinstatue, etwas unter
Lebensgröfse und hinten flach gearbeitet, als hätte sie stets an
einem Pfeiler oder einer Wand gestanden, welche aber ver-
muthlich dem XIV. Jahrhundert angehört, bewalirt noch sein
Gedächtnifs. Er trägt das Ordenskleid, hält in der einen Hand
ein Gebetbucli, in der anderen einen Krüekstock. Die Inschrift

1) Riedel IV, 277 ff. 2) Desgl. IV, 38. 3) Desgl. IV, 264 (Note).
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