Adler, Friedrich
Mittelalterliche Backsteinbauwerke des Preußischen Staates (Band 2) — Berlin, 1898

Seite: 49
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lautet: Frater Wichmannus fundator hujus coenohn A. P. C.
a. MCCLXVI.

. Im Jahre 1465 betraf das Kloster ein schwerer Brand.
Auch der Thurm, d. h. der Dachreiter und folglich der ganze
Dachverband brannten ah. Der Wiederaufbau mufs Schwierig-
keiten gemacht haben, denn erst 1488 konnte der Thurmknopf
wieder aufgesetzt werden. Aus dem damals eingelegten Perga-
mentzettel, welcher 1693 bei der Erneuerung des Thürmcliens
entdeckt wurde, ergab sich die Nacliricht, dafs dasselbe 1488
unter dem Prior Matthaeus Wentzel von dem Meister Paul aus
Brandenburg „a Magistro Paulo Architectore civitatis Branden-
burgensis“ errichtet worden sei.') Nach dem Eintritte der Re-
formation 1541 erhielten sich die alten Gebäude bis in das
XVIII. Jahrhundert; dann wurden sie allmählich abgebrochen,
die meisten Theile nach dem Brande von 1787, die letzten im
Anfange dieses Jahrhunderts.

Baubeschreibung.

Die Kirche besteht — wie der Grundrifs Blatt LXXIV
Fig. 10 erkennen läfst — aus dem dreiscliiffigen Langhause
von fünf Jochen, einem Langchore von vier Jochen und dem
aüs sieben Seiten des Zwölfeckes gezeichneten Polygone. Das
Langhaus ist als stattliche Hallenkirche von 47 Fufs lichter
Höhe hei 27 Fufs Spannung im Mittelschiffe gezeiclmet worden,
so dafs eine sehr freie und hchte Raumwirkung erzielt wurde,
wie der Querschnitt Fig. 3 und das Längssystem Fig. 6 ver-
anschaulichen. Drei Bauzeiten — nicht weit auseinander lie-
gend — sind sichtbar. Vom ersten Baue rührt nur noch die
Südmauer des Langchores her; der zweite Bau hat die Ost-
hälfte: Langchor und Polygon hergestellt und der dritte schuf
die Westhälfte: das dreischiffige Langhaus. Jener älteste Rest
kann nur von aufsen geprüft werden, weil er im Innern ge-
putzt und in jüngster Zeit mit der grofsen von einer älteren
untergegangenen Gedächtnifstafel übernommenen Inschrift be-
malt worden ist, welehe die Namen und Todestage der hier
bestatteten Grafen von Ruppin überliefert. 2) Aufsen erkennt
man die deutlichen Reste theils halbrunder, theils spitzbogiger
Mauerblenden von sehr verschiedener B]-eite und I lölie in zwei
Geschossen übereinander, aber jede von einem halbsteinigen
Bogen umrahmt; unten befindet sich ein zwei Fufs drei Zoll
hoher Feldsteinsockel und oben verbürgt das romanische Kranz-
gesims mit seinem durchschlungenen Bogenfriese die ursprüng-
hche Höhe. Weil alle Kalkleisten und sonstige Abbruchs-
spuren von Gewölben fehlen und die Mauer ganz unberührt
LSt, fällt es schwer, so nahe es auch liegt, einen unmittelbaren
Anschlufs der Klostergebäude anzunehmen. Ohne Aufbruch
aller sechs Blenden läfst sich diese Frage nicht entscheiden.
Jedenfalls erkennt man aus der Mischung von romanischen
und frühgothischen Formen, dafs hier ein Rest des ersten im
Uebergangsstile ausgeführten Baues erhalten ist und darf auf
ihn das Datum von 1246 beziehen. 01) der Chor des ersten
Baues platt abschlofs, ist nicht sicher, aber wegen der gleich-
zcitigen Analogien an den Franziskanerkirchen zu Berlin, Frank-
furt a/O., Prenzlau und Brandenburg sehr wahrscheinlich.

Die Nordmauer des Langchores sowie das Polygon ent-
staxnmen gleichfalls nocli dem XIII. Jahrhundert und lassen
die weitere Einbürgerung der Frühgothik erkennen. Die er-
höhten Mauern haben eine auffallende Stärke und sind iiberall
mit schwachen Strebepfeilern besetzt, welche ohne Absatz aul-
steigen und weit unterhalb des Kranzgesimses schlicht ab-
gedeckt endigen. Alle Fenster sind tief gelaibt, doch schwach
geschnnegt und haben zweitheiliges, wohl nach alten Mustern

1) ßiedel a. a. O. 271. oer Meister Paul hatte schon 1467 den Thurm der
St. Nikolaus-Kirche zu Spandau und 1484 den Dachreiter auf der St. Katharinen-
Kirche zu Brandenburg erbaut. Vergl. Band I S. 18 und die Fufsnote 1.

2) Riedel IV S. 38 — 40.

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erneuertes Mafswerk. Die Wasserschläge sind abgetreppt und
die Fensterbogen nur einen halben Stein stark. Auch das
Kranzgesims ist nicht mehr das alte, sondern nachgebildet.
Vergl. liierzu auf Blatt LXXIV Fig. 4. Die Dienste im Poly-
gone steigen vom.Boden auf, während die des Langchores
der Chorstühle halber auf halbkugelförmigen blattbelegten
Konsolen beginnen. Ihre Kapitellform veranschaulicht
lig. 5 und die plastisch dekorirte Konsole der neben-
stehende Holzschnitt.

Das dreischiffige Langhaus scheint dem Chorbaue unmit-
telbar gefolgt zu sein, weil es die weitere und reifere Ent-
wickelung der Frühgothik deutlich bekundet. Starke Strebe-
pfeiler sichern die Aufsenmauern und besitzen den auffallenden
Abschlufs, dafs aus ilirer Abschrägung zarte junge Strebe-
pfeilerchen mit Satteldach emporwachsen. Vergl. Blatt LXXIV
Fig. 9, welche zwei Systeme der Nordseite: eins mit clem zwei-
theiligen Fenster, ein anderes mit dem weiten giebelgekrönten
Hauptportale nebst Kreisblende darüber, darstellt. 1) Die Gie-
belschräge ist aus braun schwarz glasirten Ziegeln hergestellt
worden, eine Bereicherung, welche auch das Gurtgesims der
Westfront zeigt. Das Hauptportal besitzt
schon eine vorgeschrittene Profilirung mit
drei Säulen auf jeder Seite (doch sind leider
alle Einzelheiten erneuert); das obere Bogen-
profil veranschaulicht der nebenstehende
Holzschnitt, während die Fensterprofilirung
aus Fig. 8, diejenige der Plinthe und des
Hauptgesimses aus Fig 1 und 2 beurtheilt werden Icömien. Im
letzten westlichen Joche der Nordseite befindet sich ein kleineres

Portal sehr strengen Charakters, wel-
ches wahrsclieinlich dem ersten Bau
angehörend, von seiner alten Stelle
hierher verpflanzt worden ist. (Vergl.
den Holzschnitt). An der Nordost-
ecke des Langhauses erhebt sich ein
achteckiges Treppenthürmchen, welches
mit vier kleinen spätgothischen Sand-
steinreliefs verziert ist. Ihr Stil-Cha-
rakter beweist, dafs das Thürmchen
dem Schlusse des XV. Jahrhunderts angehört.

Das Innere ist, wie oben bereits betont, von einer seltenen
Weiträumigkeit bei sehr wohl abgewogenen Verhältnissen.

Die Rundpfeiler sind niit vier Diensten besetzt, Quer- und
Längsgurte sind gleicli und von den Rippen scharf unter-
schieden; der Kunstcharakter und die echt frühgothische Zeicli-
nung aller dieser Einzeltheile wird aus Fig. 6 und 7 erkannt.

Die Wände sind mit einfachen Diensten besetzt; die Gewölbe
besitzen durchbohrte und mit zierhchen Blättern geschmückte
Schlufssteine, so dafs man iiberall den Einflufs der liessischen
Schule verspürt.

Das Fensterstabwerk ist aufsen glattgeschnitten, aber innen
mit Rundstäben besetzt, welche flache Basen und Kelchkapitelle
tragen. Im Polygone befindet sich in dem
westlichsten Joche der Südmauer eine spitz-
bogige mit Nasen besetzte Blendnische von
edler Profilirung (vergl. den Holzschnitt),
welche mit derjenigen am nördlichen Haupt-
portale so eng verwandt ist, dafs sie als
gleichzeitig gelten darf. Dicht daneben, doch
weiter westlich, sitzt in dem ältesten Mauer-
stücke des Langchores eine zweite Spitzbogennische aber von
selir viel älterer Stilisirung, denn sie besitzt aufser schlichten
Kelclikapitellen noch romanische Basen, wie der folgende links-
stehende Holzsclmitt erkennen läfst.

1) Bei der jiingsten Restauration ist jetzt das alte Kreisfenster wieder ge-
öffnet und mit Rosenmafswerk gefiillt worden.

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