Adler, Friedrich
Mittelalterliche Backsteinbauwerke des Preußischen Staates (Band 2) — Berlin, 1898

Seite: 50
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T)ie Westfront endlich ist von grofser Sehlichtlieit und er-
innert etwas an die Front vom Kloster Haina, allerdings in
stärkster Reduktion. Sie wird von zwei achteckigen Strebepfeilern
mit Massivspitzen — ähnlich wie das Nordkreuz von Chorin —
eingefafst und besitzt zwei schwäcliere Strebepfeiler, als Wider-
lager für den Schub der Längsarkaden. Auf dem Gurtgesimse

stehen, wie der Grundrifs lelirt, drei Spitzbogenfenster, das
mittlere drei-, die seitlichen zweitheilig; den Giebel schmücken
zwei schlanke Blenden und ein zweitheiliges Fenster. Der Gurt
wie die Plinthen sind aus glasirten Steinen liergestellt, dies
gilt auch von der Nordseite. Die oben rechtstehenden Holz-
schnitte stellen beide Glieder dar. Bezüglich der räumlichen
Innenwirkung gehört die Dominikaner-Klosterkirche zu den
besten Schöpfungen der Gothik in der Mark Brandenburg.

Hospital-Kapelle St. Georg.

Kleiner gothischer oblonger Ziegelbau von drei Jochen,
welcher in drei Seiten des Achtecks geschlossen ist und einen
stattlichen viereckigen Dachreiter mit hoher geschindelter Kegel-
spitze trägt. Er hat gelitten, denn die Gewölbe fehlen und die
Strebepfeiler sind zurn Theil verändert. Wegen der dichten
Einhüllung in Epheu ist die Untersuchung selir erschwert, doch
sieht man, dafs auch die alten Spitzhogenfenster in flachbogige
verwandelt sind; am besten ist die einflügelige Nordthür erhal-
ten, sie trägt noch ihre alten Beschläge. 1) Die Nordmauer
zeigt keine Strebepfeiler, setzt aher stark ab, während der
kleine Chor niedrige angeschmiegte Strebepfeiler besitzt. Der
Bau, welcher zuerst 1302 erwähnt wird, entstammt wahrschein-
lich der ersten Hälfte des XIV. Jahrhunderts.

Siechenhaus-Kapelle St. Laurentius.

Das Siechenhaus wurde 1490 von Claus Scliwertfeger,
einem Bürger Ruppin’s, errichtet 2) und 1493 vom Bischofe
Busso von Havelberg bestätigt. Die mit dem Hause eng ver-
bundene Kapelle besafs trotz ihrer Kleinheit mehrere Altäre
und drei Priester.

Dieses spätgothische aber wohlerhaltene und in jüngster
Zeit wiederhergestellte Gotteshaus mufste auf zwei Blättern
untergebracht werden, nämlich auf Blatt LXXV in den Fi-
guren 1 — 7 und anf Blatt LXXXVI in Fig. 7 und 8. 3) Dh:
mit der Westfront an das Höspital anstofsende Kapelle ist
ein einschiffiger gewölbter Bau von drei Jochen (doch fehlt im
westlichsten und schmaleren, liier leider nicht gezeichneten Joche,
das Gewölbe) und einem in drei Seiten des Achtecks geschlos-
senen Chore, dessen Inneres sehr günstig wirkt, Der ganze Bau

1) Abbild. bei Bergau S. 049. 2) Biedel- IV, 350.

3) Bei dem Blatte LXXV steht irrtbiimlicher Weise unter den Fig. 4 und 7
Details v. Miincheberg. Es mufs Neu-Buppin heifsen.

ist aus einem Gusse und mit verhältnifsmäfsig grofsem Auf-
wande von Formsteinen in spätgothischem Stile errichtet worden.
Im Langhause treten die Strebepfeiler aufsen so schwach vor,
dafs sie Lesinen gleichen. Vergl. den Grundrils Fig. 2, den
Querschnitt nach A — B in Fig. 1 und die Details Fig. 3 und 4.
Im Cliore ist ihre Ausladung etwas stärker; gleichwohl beruht
ihre Widerstandsfähigkeit auf der nach Innen vortretenden
Masse, welche dann geschickter Weise zu tief umrahmten
Mauernischen verwerthet ist. Die etwas gedrückt spitzbogigen
Fenster sitzen lioch und sind zweitheilig, ihre Profilirung und
Struktur läfst Fig. 5 erkennen. Mit besonderer Liebe sind die
sehr flach erhobenen Gewölbe als reiche Komlnnationen von
Stern-, Kreuz- und flachen Netzgewölben durchgeführt worden,
wobei mehrfach das Tauschema sowohl fiir Dienste wie fiir
Rippen verwerthet wurde. Die scheibenförmigen Schlufssteine
und die mit individuell behandelten Köpfen odei' Büsten (aus
Terrakotta) ausgestatteten Kapitelle verstärken den günstigen
Eindruck des Innern, weil man den liebevollen Fleifs, der sich
mehrfach kundgiebt, anerkennen mufs. Eine stark gekniffene
attische Basis — Fig. 7 — giirtet Mauern und Strebepfeiler,
welclie unterhalb eines glasirten zum Kreuzgesimse gehörigen
Gitterfrieses — Fig. 4 — aufhören.

Einen eigenartigen und seltenen Schmuck besitzt die Kapelle
in ihrem Südportale, welches auf Blatt LXXX-VI Fig. 8 und 9
in Grund- und Aufrifs abgebildet wurde. Das zum Grunde
gelegte Motiv ist das echt Lombardische der Frührenaissance,
Reliefplatten in schräger Stellung zwischen einem stärkeren
Aufsen- und einem schwäclieren Innen-Profile anzuordnen. Hier
ist das Innenprofil aus Kehle und zwei Rmidstäben gefügt und
schliefst oben flaclibogig, während das schwerfällige Aufsen-
profil den gewundenen Taustab zeigt, der spitzbogig schliesst.
Die geschmiegten Seitenflächen sind jederseits mit 3x6 Flach-
reliefs geschmückt, welclie in gleichmäfsiger Abfolge den an
die Säule gebundenen ITeiland und St. Franziskus mit er-
liobenen Händen darstellen. Ein schwach erhobener Gitter-
fries — gleichfalls aus Platten bestehend — bildet den Kämpfer
auf jeder Seite. Das Ganze darf als ein hervorragender Ver-
such betrachtet werden, auf dem Boden der Mark Branden-
burg die alte keramische Technik zielbewufst zu erweitern und
in neue Bahnen zu lenken.

E. Das Städtchen Plaue.

Wahrscheinhch hat hier an einem wichtigen Havelüber-
ga.nge schon in früher Zeit eine wendische Burg gestanden
welche gegen den Schlufs des XIII. Jahrhunderts stärker be-
festigt wurde und einem ritterlichen Geschlechte, welches den
Namen des Ortes führte, zum Wohnsitze diente. 1) In den
ersten Jalirzehnten des XIII. Jahrhunderts mufs auch eine
Kirche voihanden gewesen sein, weil in der bereits mehrfach
herangezogenen Urkunde von 1217, mittels welcher dem Dom-
kapitel zu Biandenburg seine Besitzungen und Gerechtsame be-
stätigt werden, unter den geistlichen Zeugen der Pfarrer Ama-
lerich von Plaue erscheint, Später nach dem Aussterben der
Askaniei stand Plaue bald unter Brandenburgischer, bald Mag-
deburgischer Plolieit, und erlebte schwere Schicksale unter der
Willkürherrschaft der Quitzow’s, bis die Kraft des Hohen-
zollernhauses eine neue und feste Ordnung schuf.

Die Pfarrkirche ist — vergl. Blatt LXXV, Fig. 9 — ein
kleiner aus Langhaus imd Chor bestehender Backsteinbau,
welcher nie einen Thurm besafs. Erst in späterer Zeit ist
abseits der Kirche, nordöstlich von ihr, zur Aufnahme der
Glocken ein schlichter Tliurm erbaut worden. Der zweijochige
Chor ist plattgeschlossen und iiberwölbt; das Gleiche gilt von

1) Biedel X, S. 1 und desselben Verfassere> Mark Brandenburg, I, 361 ff.
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