Adler, Friedrich
Mittelalterliche Backsteinbauwerke des Preußischen Staates (Band 2) — Berlin, 1898

Seite: 52
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Fensterresten in der Nord- und Südmauer und der noch er-
haltenen alten abgestuften Pforte in der Westmauer ersehen

werden kann. Die einzige gerettete
Kunstform ist der Granitsockel an der
Nordmauer, welchen der nebenstehende
Holzschnitt wiedergiebt. Daher darf
man den in sorgfältiger Technik aber
nur in mittelgrofsen Quadern errichte-
ten Granitbau mit völliger Sicherheit
in die erste Hälfte des XIII. Jahr-
hunderts setzen, d. li. in die Zeit, wo die neue Ansiedelung
städtische Rechte erhielt.

Schwieriger ist die Zeitbestimmung des durchgreifenden
Umbaues — ganz in Ziegeln — welcher die Kirche wahr-
scheinlich zum Ende des XIII., liöchstens im Anfange des
XIY. Jahrhunders wesentlich umgestaltet hat. Es wird wold
ein grofser Brand der Stadt den Anstofs gegeben haben, denn
der Zweck des Umbaues war die für nothwendig erachtete
Ueberwölbung der Kirche. Sie wurde aufsen mit Strebepfeilern
besetzt und gleichzeitig erhöht und innen mit zwei achteckigen
Freipfeileim in diagonaler Axenstellung im Schiffe aüsgestattet.
Ob aber die geplante Ueberwölbung zu Stande gekommen ist
und in welclier Fassung, läfst sich nicht mehr entscheiden,
weil sowohl das in einer dritten Bauepoche hinzugefügte Chor-
poljgon, sowie sämmtliche. Gewölbe den Stilcharakter der
bayrischen Epoche besitzen. Das Innere des Cliorpolygons ist
bei grofser Einfachheit von seltener Schönheit, sowolil in den
Yerhältnissen wie in den Einzelheiten und ebenso gut entworfen
wie trefflicli durchgeführt sind die Sterngewölbe. Der Quer-
schnitt, Blatt LXXV, Fig. 10, giebt davon eine angenäherte
Vorstellung. Die dreitheiligen Spitzbogenfenster des Schiffes
sind aufsen und innen einfach abgestuft, ihre Archivolten be-
stehen aus zwei halbsteinigen Bogenscliichten. Leider hat man
ihre alten sclilichten und flachen Stabwerke bei dem Restau-
rationsbaue von 1823 — 26 beseitigt und durch rundstäbige
ersetzt,

Die Strebepfeiler des Langchores und des Polygones be-
sitzen, wie der nebenstehende Holzschnitt zeigt, fein scharirte

Kalksteinsockel — wahrscheinlich von
Rüdersdorf — und dasselbe Material ist
auch zu den Ecken der Gurtgesimse da-
selbst verwerthet worden, während die
Zwischenstücke von Ziegeln sind.

Leider ist das Aeufsere der Kirche
in ihreu Osttheilen bei der oben genann-
ten Restauration durch die Hinzufügung
eines plumpen Kreuzstabfrieses schmachvoll verunstaltet worden.
Auch das Innere hat schwei' gelitten und zwar erst in der
jüngsten Zeit, weil man — abgesehen von einer völlig mifs-
glückten Ausmalung in Zuckerbäcker-Farbenstimmung sich
niclit nur erlaubt hat, den mittelalterlichen Hochaltar mit der
Krönung der Maria zu beseitigen und durch einen neuen an-
genähert gothischen zu ersetzen, sondern auch sich nicht ge-
gescheut hat, die beiden alten schlichten Achteckspfeiler des
Schiffes auf ihren Flächen mit flachen Halbcylindern aus fetuck
zu bekleben. Das Steinformat an den Strebepfeilern beträgt

10 3/8 — 10 5/s, 574 und 3 3/4 Zoll.

S V

Ringmauer und Thore.

Müncheberg ist eine der wenigen Städte, welche ihre alte
Befestigung fast vollständig bewahrt hat und diese Befestigung
ist wieder so wichtig, weil ihr Datum feststeht. Die jetzt
noch 6 — 8 Fufs hohe und 37* — 37a Fufs starke Ringmauer
ist aus grofsen gespaltenen und wohl verzwickten Feldstemen
in Bruchsteintechnik, aber in 4 — 5 Fufs hohen Schichten,
welche mehrfach nach Aufsen schwach absetzen, erbaut worden.

Die Weichhäuser sind sparsam vertheilt, denn auf der langen
Strecke zwischen den beiden noch erhaltenen Thoren finden
sich nur acht, auf der entgegengesetzten Seite stehen sie, be-
sonders in der Nähe des Berliner Thores, gedrängter in Ent-
fernungen von 45 —100 Fufs. Ursprünglich waren drei Thore
angelegt, jetzt bestehen noch zwei und zwar nur zum Theile
als wohlerhaltene Thürme, während die breiten überwölbten
Tliore an ihrer Seite fehlen. Beide sind unten aus Feldsteinen,
oben aus Ziegeln erbaut.

Der Küstriner Thurm ist ein kräftiger Cylinder von fast
20 Fufs Aufsendurchmesser und etwa 60 Fufs Höhe, dessen
backsteinerner Obertheil schon auf Feuervertheidigung einge-
richtet ist. Das Kranzgesims mit Kreuzstabfries darunter, sowie
zwei zusannnengefafste Sägeschichten gliedern ihn hesclieiden,
während eine glatte Zinnenwand mit massiver Kegelspitze da-
hinter den Abschlufs bildet.

Der Berliner Thorthurm ist ein Oblongbau von drei Ge-
schossen mit zwei Giebeln, die achsial zur Strafse stehen. Die
Giebel sind glatt behandelt, aber das lange Mittelgeschofs ist
durch Blenden und Sägefriese einfacli gegliedert. Die Unter-
theile beider Thürme sind 1319, die Obertheile vermuthlich
bald nach dem Hussiten-Einfalle von 1432 erbaut.

Dorfkirchen bei Müncheberg.

Sie sind alle, mit verschwindend kleinen Ausnahmen, un-
gewölbt und aus Feldsteinen erbaut, zuweilen in auffallend
guter Teclinik und entstammen, mit sehr kleinen Ausnahmen,
dem XIII. Jalirhundert. Ihr Planschema ist nahezu identisch:
oblonger Westthurm, desgl. Langhaus und quadratischer — auch
oblonger — Chor, fast immer plattgeschlossen, sehr selten halb-
rund. Durcliweg herrscht schon der Spitzbogen in Fenstern und
Tliüren. Hervorzuheben sind Garzin, Hasenholz, Hohenstein,
Klosterdorf, Garzau und Werder. Die gröfste und wiclitigste
Kirche hat Falkenliausen, weil diese früher ein dreischiffiges
Langhaus mit spitzbogigen Pfeilerarkaden besafs, jetzt fehlen
die Seitenmauern und die Arkaden sind vermauert. Daneben
ist Tempelberg, eine Gründung der Templer, welche hier gleieli-
zeitig um 1230 von dem Herzoge Heinrich den Bärtigen grofsen
Grundbesitz behufs Kolonisation und Germanisation erhalten
liatten, hervorzuheben, weil es neben dem quadratischen Lang-
cliore noch eiue Apsis besitzt. 1)

G. Die Stadt Gransee.

Historisches.

Die wahrscheinlich in der ersten Hälfte des XIII. Jahr-
hunderts entstandene Stadt empfing erst 1262 das branden-
burgische Stadtieeht durch den Markgrafen Johann I., gedieh
aber so schnell, dafs sie schon 1285 von den Landesherren 2)
den Zoll erkaufen konnte. Vor 1320 wurde sie an die Grafen
von Iindow verpfändet und gehörte bis 1524 zur Grafschaft
Ruppin, in welchem Jahre sie an Brandenburg zurückfiel. Zur
Reformationszeit hesafs sie eine Pfarrkirche St. Maria, eine
Franziskaner Klosterkirche und drei Kapellen, von denen zwei
zu Hospitälern gehörten; die dritte diente den Feldflur-Gottes-
diensten. Ein Benediktinernonnenkloster war nicht vorhaiiden,
wohl aher ein Beguinen-Konvent bei dem Heiligen Geist-
Hospitale.

Die Stadt war durch eine mit 33 Weiclihäusern und zwei
Rundthürmen besetzte Ringmauer, vor welcher Wall und Graben

1) Vergl. die werthvolle Zusammenstellung bei Kuchenbuch a. a. O. S. 11.

2) Riedel A. IV, S. 413. ff.
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