Adler, Friedrich
Mittelalterliche Backsteinbauwerke des Preußischen Staates (Band 2) — Berlin, 1898

Seite: 55
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ilirer überreiclien und theilweis kleinlichen Gliederung durch die
absolute Gröfse selbst auf weite Entfernungen liin. Unzweifel-
ha-ft ist sie als eine stark verminderte Ableitung der prachtvollen
Ostfront der Marienkirche zu Prenzlau zu betrachten.

Steinformate: 1) an der Nordseite: a. Osthälfte 1 1 3/j,
573 und 4; b. Westhälfte 107s — KPA — 117* und 37s—4;
2) ani Nordtreppenthurme ll s/4, 57a und 3 SA; 3) an der Süd-

seite: a. Osthälfte 11% 5 und 3 37.4; b. Westhälfte 11 —

IU/2, 5 und 3^2; 4) am Chore 1 U/<t—IU/2, 57a und 4.

Franziskaner Klosterkirche.

Baubeschreibung.

Von diesem Baue, über dessen Entstehungszeit leider gar
keine Nachrichten vorliegen, sind nur noch wenige Reste er-
halten. Er wurde bei der grofsen Feuersbrunst von 1604 so
schwer beschädigt, dafs man keine Wiederherstellung vornahm,
sondern hundert Jahre später das vorzügliche Material der statt-
lichen liuine 1714—15 zum Neubau des abgebrannten Rath-
hauses verwandte. Die Kirche war eine dreischiffige Hallen-
kirelxe mit einschiffigem Langchore von beträchtlicher Hölie.
Wie der Clior gescldossen war, ist unbekannt, könnte aber
durcli eine Ausgrabung noch ermittelt werden. Der Kreuzgang
lag nördlich von der Kirche und war liöchst wahrscheinlich von
vier Flügeln umgeben, die beinahe die nahe Ringmauer berührten.
Yon ihnen steht der nördliche theilweis gewölbte in zwei Ge-
schossen nebst dem unteren Kreuzgangsstüek noch aufrecht und
hat zwei ganze und zwei halbe Joche des Systemes im Chore,
mit dem er zusammenhing, bewahrt. Den gröfsten Theil der
noch stehenden Chormauer veranschaulicht auf Blatt LXXVII
Fig. 14 und gewährt einen werthvollen Vergleicli mit dem durcli
Eig. 8 dargestellten Systeme der Pfarrkirche. Welcli ein Adel
in den Verhältnissen der Klosterkirche und welche Trockenheit
in denen der Pfarrkirche. Auch ist die Technik in der Ersten
viel hesser und das gleiche Lob verdienen trotz ihrer Schlicht-
lieit die wenigen geretteten Details wie z. B.
ein Fensterprofii, welches der nebenstehende
Holzschnitt wiedergieht.

Der anstofsende Klosterflügel — jetzt
Schule — auf Ost- und Westseite mit Strebe-
pfeilern besetzt, war mit der gleichen Spar-
samkeit durchgeführt worden wie die Kirche,
enthehrte aher niclit einer künstlerischen Fassung, welclie den
hohen Xordgiehel trotz aller Vernachlässigung noch auszeichnet.
Auch er spiegelt den Einflufs der Clioriner Bäukunst in seinen
Blenden, Sägeschicliten und tretflichen zweitheiligen Fenster-
mafswerken, die leider halb zerstört, halb vermauert
sind. Der beistehende Holzschnitt läfst das Rippen-
profil erkennen.

Steinformat: 1) der Kirche 10 3A, 574 und 3 3A,
2) des Klosters IU/4, 5^4 und 3 3/4.

Die Kirche darf annähernd auf 1280, das Klostergebäude
um 1300 datirt werden.

Bingmauer und Thore.

Die aus Feldsteinen erbaute, später durch Ziegelaufbau
erhöhte und jetzt nocli mit 33 Weichhäusem besetzte Ring-

mauer ist zum grofsen Theile noch wohl erlialten. Einen
Mauerabschnitt mit einem hreiten Weichhause, sowie eine

Zinne, deren Standort nicht mehr nachweisbar ist, veran-
schaulichen die vorstehenden Holzschnitte a und b, welche einem
Stülerschen Skizzenbuche vom Jahre 1835 entnommen sind. In
dem Prospekte von Merian — 1652 — sieht man das Lindower
und das Zehdenicker Thor als Querthürme mit Satteldächern
abgebildet. Das letztgenannte Thor wurde 1822 abgerissen.

Neu-Ruppiner Thor.

Von dieser Bauanlage ist nach dem Abbruche des Vor-
thores, der Zwingermauern und der Brücke nur noeli das Innen-
thor nebst den anschliefsenden Ringmauern erhalten. Es ist
ein fast quadratischer aber schräg geführter Thorbau von
3 U/2 Fufs.Breite und 3372 Fufs Tiefe, welcher auf BlattLXXVII
Fig. 9 bis 13 in zwei Grundrissen, der Ansicht der Stadtseite
und einigen Details dargestellt wurde. Der hocliragende, mit
einem Satteldache bedeckte Thorthurm aus Ziegeln ruht zum
gröfsten Theile auf einem älteren Thore von gleichen Mafsen,
welches in guter Teclmik aus Granitquadern um 1280 erbaut
worden ist.

Der mit einem gewissen Aufwande hergestellte obere Ziegel-
bau entstammt wahrscheinlich der Mitte oder der zweiten
Hälfte des XV. Jahrhunderts, nachdem unter der kräftigen
Hohenzollern - Herrschaft bessere Zeiten gekommen waren,
welclie es wie an anderen Plätzen — Stendal, Tangermünde,
Werben u. s. w. — auch hier gestatteten, an den Hauptthoren
einen gewissen Luxus zu entfalten. Dafür liefert die überaus
schmuckvoll durchaeführte Stadtfront ein sehr bezeichnendes

o

Beispiel, wobei der auffallend kirchliche Charakter und mehr-
fache Aehnlichkeiten in der flauen Detaillirung sich am besten
durch einen inneren Zusammenhang mit dem mächtigen Ost-
giebel der Pfarrkirche erklären. Die Feldseite ist im Gegen-
satze dazu höchst einfach mit t.heils schmalen und sclieitrecliten,
theils spitzhogigen geputzten Wandblenden verziert worden, weil
man auf die Welirfähigkeit das Hauptgewieht gelegt hat. Da-
her traten zwei starke Strebepfeiler nach aufsen vor und waren
oben durch einen Spitzbogen, welcher den oheren gedeckten
Wehrgang trug, verbunden. Unmittelbar dahinter lag in Falzen
laufend das Fallgatter. Die beiden Grundrisse Fig. 10 und 11
lassen dies sowie die Anschlüsse der durchschnittlich 4 Fufs
starken Ringmauer wohl erkennen. Leider ist die Restauration
der Ohertheile der Feldseite völlig mifslungen. Nach rechts
hin befindet sicli -— älmlicli wie zu Templin — eine breite
zwiefach abgestufte Nebenpforte, welche nach innen gestützt
rundbogig, nach aufsen aber spitzbogig überdeckt ist. Sie
diente offenbar dem Tagesverkelire, wälirend das Hauptthor
stets geschlossen blieb, gestattete aber aucli im Nothfalle die
Vertheidigung mit fast doppelter Mannschaft.

Das nördlich helegene nächste Weichhaus aus Feldsteinen
hat in Pforte, Treppe und Aufbau nebst Wehrgang einen Um-
bau erfahren, welclier höchst wahrscheinlich sclion aus dem
XIV-Jahrhundert stammt. Unmittelbar darauf folgt ein starker
runder Mauerthurm, welcher, gleichfalls auf Granitunterbau
ruhend, innerhalh wie aufserhalb der Stadt mit dem Ihore
und dem Weichhause eine malerische Gruppe bildet. Er lieiJst
schon seit längerer Zeit der Pulverthurm und ist in zwei Grund-
rissen, Aufrifs, Durchsclmitt und in einigen Details auf
Blatt LXXVII Fig. 1 bis 5 mitgetheilt worden. Ein nuttel-
grofser Thurm, von 20 Fufs Durchmesser und 65 Fufs Höhe,
sehr gut gemauert, ursprünglicli vom Mauerwehrgange aus zu-
gänglich und von da ab zweigescliossig, trägt oben einen offenen
gezinnten Wehrgang und ist durch einen achtecldgen Steinhelm
beendigt. Der Unterraum war überwölbt (Halbkugel) und
diente wahrscheinlich als Verliefs. Der Thurm geliört zu den
besterhaltenen seiner Sippschaft und darf kraft seiner Umrifs-
finie und seiuer Einzelbildung als musterhaft bezeiclinet werden.
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