Adler, Friedrich
Mittelalterliche Backsteinbauwerke des Preußischen Staates (Band 2) — Berlin, 1898

Seite: 56
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Auch ihn darf man noch in das XIV. Jahrhundert stellen,
denn er ist wahrscheinlich mit dem oben genannten Weichliause
gleichzeitig erbaut worden, um das alte nahe belegene Granit-
thor schiitzen zu helfen.

Steinformate: 1) des Ruppiner Tliores: a. Feldseite 11V4,
5Vä ünd 3 3/4 Zoll, h. Stadtseite 11 — HV2, 5Vs — 5V4 und
3 ?ii — 4 Zoll; 2) des Nebenthorcs 10 3/4—11, 5 1/* und 3 8/4 Zoll;
3) des Pulverthurmes lOVi, 5 — 5 l/4 und 3 1/« — 3 5/s Zoll.

Warte.

Südwestlich von der Stadt erhebt sich auf eiuem bewal-
deten Höhenzuge ein achteckiger, theils aus Fündlingen, theils
aus Ziegeln erbauter Wartthurm, der bei einem unteren Durch-
messer von 13 Fufs noch jetzt 45 Fufs hoch ist. Sein ziem-
lich hoher und runder Unterbau ist nur aus Granitgeschieben
hergestellt, darüber beginnt der Achtecksbau, der, an seinen
Ecken zur Betonung der Kanten mit vorgestreckten Ziegeln
besetzt, sich in drei Geschossen mit schwach geneigten Wänden
derartig verjüngt, dafs der obere Durcbmesser zehn Fufs be-
trägt. Leider fehlt der alte Abschlufs, der vielleicht nur aus
Fachwerk bestand. Die steile Wendeltreppe besteht aus Feld-
steinen auf einem spiralförmig gezogenen Ziegelgewölbe, auch
sind die Seiten der Treppe mit Ziegeln verblendet.') Diese
Warte ist eine unverkennbare aber minderwerthige Ableitung
des halb acliteckigen Backsteinthurmes, welcher im XIV. Jahr-
hundert der Nordseite des alten rechteckigen Granitthurmes an
der Pfarrkirche hinzugefügt wurde.

Eine sichere Bauzeit läfst sich nicht angeben, doch könnte
der Wartthurm vielleicht noch dem Ende des XIV. Jahrhunderts
angehören, wo die vielen Raubzüge des verwilderten Adels
solche wehrfäliigen äufseren Beobachtungsposten für die Städte
nothwendig machten.

H. Stadt und Schlofs Ziesar.

Historisches.

Ziesar ist einer der ältesten festen Plätze in der Mark
Brandenburg gewesen. Schon in der Stiftungsurkunde Otto
des Grofsen für das Bisthum Brandenburg 949, wird der Ort
neben Pritzerbe unter dem Namen Ezeri genannt und zwar’als
„civitas“, d. h. als ein im Schutze einer wendischen Burg ent-
standener Marktflecken. Während der letzten. Kämpfe gegen
die Slaven im XII. Jahrhundert Sitz eines Burgwartes 2), wurde
es um den Anfang des XIII. Jahrhunderts von den Bischöfen
von Brandenburg zur dauernden Residenz erkoren, ähnlich wie
es die Erzbischöfe von Magdeburg mit Wolmirstedt und die
Bischöfe von Havelberg mit Wittstock thaten. Die älteste Ur-
kunde, welche diese Thatsache überliefert, stammt von 1214,
andere sind von 1215, 1217 u. s. f. Aber auch die weltliche
Gewalt benutzte die Burg, denn im Jahre 1290 bildete Ziesar
einen Hauptstützpunkt in den Kämpfen Otto’s mit clem Pfeile
gegen Otto den Langen.

Die nördlich von clem Schlosse entstandene kleine Stadt
ist erst in cler zweiten Hälfte cles XIV. Jahrhunderts clurch
Mauern, Wälle und vier Thore befestigt worden. Aufser der
wohlerhaltenen Pfarrkirche, welche clem Schlusse des XII. Jahr-
hunderts noch angehören kann, weil 1214 urkundlich schon
ein Pfarrer genannt wird, war um 1230 durch clen damaligen
Pfarrer Magister Elias ein Franziskaner - Kloster gegründet
worclen, welches aber nicht lange bestand. Denn wenige Jahr-
zehnte später wurcle dasselbe nacli cler Neustadt Brandenburg
verpflanzt, wobei man die Gebeine des Stifters mit übertrug.
Ini Bande I S. 29 ist bei cler Darstellung der Klosterkirche

1) Schaubild bei Bergau S. 392.

2) Riedel X, 36 ff.

St. Johannes in der Altstadt Brandenburg dieses Verhältnifs
zwischen beiden Städten näher bereits erörtert worden.

Längere Zeit behauptete sich ein fiu Jungfrauen gestiftetes
Cistercienser-Kloster St. Maria, dessen Gründungsjahr unbekannt
ist, das aber dem XIV. Jahrhundert entstammte. Irn Jahre 1354
sollte es wegen cler Unsicherheit cler Lage — die Stadt war
noch niclit befestigt — nach Rathenow verlegt werden 1), in-
clessen lehnte der Konvent dies ab und clas Kloster verblieb,
die Pfarrkirche zum Gottesdienste benutzend, am Platze, bis
die Reformation seine Auflösnng herbeiführte.

Zwei grofse Bräncle 1647 und 1673 haben der Stadt
schweren Schaden zugefiigt und sie mehrerer Bauten des Mittel-
alters beraubt.

Die Schlofs-Kapelle.

Die deutsche Burg, welehe als wichtige Grenzfeste die
ältere slavische Befestigung ersetzt hat, war ursprünglich ganz
aus Feldsteinen erbaut worclen, erst mit clem XIV. Jahrhundert
ist an ihr der Backsteinbau aufgetreten. Diese Thatsache ist
sclion von Beckmann in seinem noch ungedruckten Theile
der Mark Brandenburg hervorgehoben 2) worden und die ört-
liche Prüfung hat seine Angabe bestätigt. Jener Autor er-
wähnt auch den noch heut vorhandenen gewaltigen Bergfried
von fast 100 Fufs Hölie, der etwas verjüngt ganz aus Feld-
steinen nnd Granitquadern errichtet ist und meldet zusätzlich,
dafs man das Schlofs früher „zu clen sieben Thürmen“ ge-
nannt habe, cloch wären zu seiner Zeit 1713 — nur fünf
derselben nocli vorhanden. Diese Zahl ist jetzt auf zwei zu-
sammengeschmolzen und die in der allerneuesten Zeit, — 1896
— im Gange befindliche, theilweise mit Abbrüchen ver-
bundene Umformung wird den alten Kunstcharakter dieses
geschichtlich wie künstlerisch hochinteressanten Baues nocli
mehr verwischen.

Der besterhaltene Baurest ist die Kapelle, welche in
dem nördlichen Eingangsfliigel des inneren Schlofshofes dicht
neben der Durchfahrt zur ebenen Erde liegt und an ihrer Nord-
seite durch sehr starke Strebepfeiler gestützt wird. Wie der
Grundrifs Blatt LXXIX Fig. 12 erkennen läfst, ist der kleine
vierjochige Bau von 3072 Fufs und 46 Fufs — beides im
Lichten gemessen — eine gewölbte zweischiffige plattgeschlos-
sene Anlage besonderer Art, insofern er längs der Nord- und
Westseite gewölbte Emporen besitzt, welclie unten von quer-
gelegten Tonnen getragen werden und oben mit oblongen Rip-
penltreuzgewölben bedeckt sind. Vergl. den Q.uerschnitt FU. 8
und die Systeme des Innern Fig. 9. Die Hauptverhältnisse
des Innern sind vortrefflich gewählt und die Detailbildung der
Innenpf'eiler und Fenster steht, wie die Fig. 3, 10 und 11 er-
kennen lassen, auf gleicher Höhe. Der spätgothische Charakter
ist unverkennbar, aber er befriedigt in hohem Mafse, weil ein
seltener Schönheitssinn ihn läutert und verklärt. Dazu kommt
nicht nur eine bemerkenswerthe Freiheit in der Wahl der Bau-
glieder Rund-, Spitz- und Flachbogen sind nebeneinander
verwerthet , sondern auch die günstige einheitliche Licht-
wirkung von einer Seite, der Siidseite, lier. Drei Fenster sind
hier vorhanden, zwei viertheilige und ein dreitheiliges, alle ohne
Mafswerk, aber gut in den Verhältnissen und trefflich profilirt
(lig. 10). Auch die oblongen spitzbogigen Gewölbe bezeugen
durch ihre Durchbildung mit Rippen- und Schlufssteinen, durch
ihie mafsvolle Krümmung und solide Technik das Talent, und
die Sinnesweise des Künstlers, der sie geschaffen.

Der aus Ziegeln erbaute Altartisch steht frei vor der platt-
geschlossenen Ostmauer, an welcher einst ein grofses lateinisches
Kreuz aus Holz ocler Metall befestigt. war. Dicht unterhalb

1) Riedel VII, 420. Diese Nachricht ist bei der Stadt ßathenow S. 47
bereits erwähnt worden.

2) Fidicin, Territorien III, 70.
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