Adler, Friedrich
Mittelalterliche Backsteinbauwerke des Preußischen Staates (Band 2) — Berlin, 1898

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desselben ist noch ein flachbogig geschlossenes und mit dem
Bau entstandenes Sandsteinrelief erhalten, welches fünf Figuren
darstellt und wie die Unterschrift meldet, von einem Bischofe
Theodorich von Brandenburg gestiftet wurde. Yon den vier
Biscliöfen des Namens Dietrich, welche auf dem Brandenburger
Stuhle gesessen haben, kann dies wegen des einheitlichen spät-
gotliischen Charakters der Kapelle nur Bischof Dietrich von
Stechow sein, welcher 1459 vom Kurfürsten Friedrich II. er-
nannt wurde und im Frühjahre 1472 starb. Trotz der liebe-
vollen und sorgsamen Behandlung im Einzelnen entbehrt das
Kelief wegen der sehr mangelhaften Proportionirung seiner Fi-
guren doch im Ganzen des höheren Kunstwerthes.

Zu den geschilderten Yorzügen des Innern gesellt sich noch
die werthvolle Thatsache, dafs die alte Dekorations-Malerei an
den Decken — wenn auch hier und da beschädigt — in den
Haupttheilen so gut erhalten ist, dafs ein geschulter und pietät-
voller Maler sie ohne Schwierigkeit wiederherstellen könnte.
Die Gewölbe zeigen mannigfach gegliedertes spätgotliisches
Mafswerk, das grau in grau gemalt Beliefbildung nachahmt,
während die durchbrochen gedacliten Oeffnungen tiefer gefärbt
sind. Die Wände haben ungleich mehr gelitten als die Decken,
was um so bedauerlicher ist, als sie mit figürlichen Darstel-
lungen — darunter den Stammbaum Christi, eine heilige Jung-
frau in der strahlenbesetzten Mandorla u. A. m. geschmückt
waren.

Das Aeufsere, welches sich auf die künstlerische Durch-
bildung der Südwand beschränkt — denn die vor einigen Jahr-
zehnten wiederhergestellte Westfront mit einern neuen Giebel
ist uninteressant — läfst eine besondere dekorative Richtung
der Spätgotliik in der Mark an einem glänzenden Beispiele
erkennen. Die vorhandenen vier Strebepfeiler sind in nicht
achsialer Stellung zu den Quergurten als flache Wandpfciler auf
dem hohen durchgehenden Sockel so angeordnet worden, dafs
sie nur eine mäfsige Ilöhe erreichen, aber an ihrem langen
Obertheile durch ein eingesenktes zickzackartig aufsteigendes
Gitterwerk mit Dreipässen, reich gegliedert sind.

Oberhalb dieser Flachpfeiler und der Fenster ist die Ober-
wand mit zwei Friesstreifen von ähnlichem spätgothischen
Charakter ausgestattet und mit einem gut profilirten Haupt-
gesimse abgeschlossen worden. Den Hauptschmuck der ganzen
Fa§ade bildet endlicli das Hauptportal. Es zeigt die auch an
anderen Orten der Mark vorkommende sehr aufwändige Anord-
nung, dafs eine flachbogig gedeckte Innenpforte von einem spitz-
bogigen reich gegliederten Portale umrahmt und überstiegen
wird. Dieses Letztere schliefst dann ein doppelt kurvirter
krabbenbesetzter und mit einer Kreuzblume gekrönter Zier-
giebel wirkungsvoll ab. Etwas unterlialb der friesartig mit
Blattstäben geschmückten Kämpfer erhebt sich endlich noch
die Sockelwand als vorspringende, oben abgewalmte Wand-
fläche, die rahmenartig einen vertieften mit Gitterstäben an-
gefüllten Grund umschliefst. Vergl., das System der Facade
auf Blatt LXXIX Fig. 7 mit den ■ Fig. 1, 2, 4, 5 und 6,
welche che Einzelheiten näher veranschaulichen. Trotz ihrer
bescheidenen Gröfse macht diese Siidfacade sowohl wegen
der vortrefflichen Erhaltung mid Färbung des Ziegelmaterials
als auch wegen der wirkungsvollen, von Talent und Er-
fahrung zeugenden Profilirung einen so selten befriedigenden
Eindruck, dafs sich der Wunsch regt, weitere Beispiele dieser
eigenartigen Kunstriclitung kennen zu lernen.

Die engste Yerwandtschaft besitzt die Schlofskapelle zu
Wolmirstedt, welche von Herrn von Quast zuerst eine ein-
gehende Würdigung erfahren hat, 1) aber im Vergleiche zu ihrer
Schwester in Ziesar doch nicht das hohe Lob verdient, welches
der verdienstvolle Kunstforscher und sorgsame Erhalter so vieler

1) von Quast und Otte, Zeitschr. f. Archäologie und christliche Kunst,
Band I S. 261 ff.

Denkmäler unseres Vaterlandes ihr spendet. Ziesar ist das
Original und die Grundfunktion und Wolmirstedt eine erste
Ableitung. Diese Behauptung wird schon durch die Zeitstel-
lung begründet, denn in Wolmirstedt überliefert eine Denk-
tafel Iiinter dem Altare den Xamen des Stifters und das Datum.
Erzbischof Ernst von Magdeburg hat in seiner Residenz die
Kapelle 1480 erbaut, während Ziesar mindestens zehn Jahre
ciltei ist. Plan, Behandlung und Ausstattung sind bei beiden
so ähnlich wie möglich, docli hat Wolmirstedt leider seine Ge-
wölbe verloren und dafür entschädigen weder die Planbereiche-
rung, noch die rings umlaufenden Steinemporen.

Ein zweites Beispiel ist der Cliorbau einschliefslich der
Kreuzflügel an der St. Stephankirche zu Tangermünde, welcher
aufser den lesinenartigen aber glatten Flachpfeilern auch zwei
reiche gitterförmig umkränzte Portale besitzt, deren direkter
Zusammenhang mit dem Portale von Ziesar ohne Weiteres ein-
leuchtet. Dem widerspricht auch nicht die Thatsache, dafs jene
beiden Poitale abgesehen von ihrer nothwendig gesteigerten
Cnölse durch einen oben umgelegten Mafswerksfries eine
noch reichere Behandlung erfahren haben, als das Urbild zu
Ziesar. Wenn aber in Tangermünde der Baubeginn des Chores
laut Inschrift auf 1470 feststeht, so darf man den Bau der
Schlofskapelle einige Jahre früher — etwa auf 1405 — an-
setzen. Weitere Beispiele derselben spätgothischen Richtung,
ie sich mit grolsei Wahrscheinliclikeit auf clie Wirksamkeit
eines Meisters — Paul Rothstock von Magdeburg — zurück-
füliren lassen, bietet noch die Kirche St. Godehard und das
Altstädter Rathhaus zu Brandenburg. i)

Pfarrkirche Heiligkreuz zu Ziesar.

Dieser ebenso stattliche wie wohlerhaltene und in neuester
Zeit wieder hergestellte Bau ist eine breite einschiffige Kreuz-
kirche mit Langchor, drei Apsiden und einem sehr hohen ob-
longen Westthurme nebst erneuertem Dachreiter. Eine Vierung
ist nicht angedeutet, weil Xord- und Südbogen fehlen. Alles
ist von Gramt erbaut, zum Theil im Polygonverbande, zum
Theil in geschichtetem Quaderwerke. Xur die durclischlungenen
Bogenfriese an den Apsiden und dem Langchore, ferner die in
der Hauptapsis vorhandenen drei zweitheiligen Spitzbogenfenster
und das spätgothisch profilirte Xordportal sind aus Ziegeln her-
gestellt. Alle I enstei, sowie die beiden Bogen zwischen Lang-
haus, Queischiff und Chor sind rundbogig geschlossen, docli
das treffhch gehauene Südportal ist spitzbogig und mögliclier
Weise ein moderner Zusatz. Der Westthunn ist — abgesehen
von emigen I ’feilscharten — völlig glatt und schmucklos, in-
c esscn besitzt das letzte Geschofs eine Kette von vier
romamschen Fenstern mit eingelegten Doppelarkaden roma-
nischer Bildung. ö ° ■

Ueberwölbt sind im Innern nur der Langchor und die
Kreuzflugel, ersterer mit zwei scharfgratigen Ivreuzgewölben,
letztere mit busigen Kreuzgewölben, welche auf Rippen ruhen.

Bafs cheser echte Monumentalbau in der Hauptsache sicher
n°ch dem Ende des XII. oder dem Anfange des XIII. Jahr-
hunderts angehort, geht aus seiner alterthümlich lierben Fassung
hervor und wird durch die Xachricht, dafs 1214 schon ein
1 ’farrer Nikolaus hier im Amte war, 2) bestätigt.

Die Dorfkirche zu Grofs-Wusterwitz.

Dieselbe besitzt denselben Grundrifs wie die Pfarrkirclie
zu Ziesar — als einschiffige Kreuzkirche mit Langchor, clrei
Apsiden uncl oblongem Westthurme — und ist gleichfalls aus
Granit, clocli in minderwerthiger Technik erbaut. Auch hier

1) Auf diesen Zusammenhang zwischen Wolmirstedt und Brandenburg mit
Ziesar habe ich bcreits im Bande I S. 70 Note 2 hingeiviesen.

2) Eiedel VIII, 129.

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