Adler, Friedrich
Mittelalterliche Backsteinbauwerke des Preußischen Staates (Band 2) — Berlin, 1898

Seite: 60
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Sein oberstes, durch vier Achsialgiebel belebtes Achtecksgeschofs
nebst dem massiven Helme gehört dem jüngsten Restaurations-
bau an, der auch die Obermauern der beiden Seitenschiffe mit
ihren Fenstern grofsentheils erneuert hat, denn ursprünglich
hatten die alten Seitenschiffsdächer eine sehr viel steilere Neigung
als die jetzigen, welche der neuen Emporen halber sehr fiacli
abgedeckt werden mufsten. Die Halbgiebel der Seitenschiffe
waren, wie namhafte Reste der Untertheile beweisen, ähnlich
wie die Westfront von Chorin mit blendenverzierten Ober-
mauern abgeschlossen worden, welche wahrscheinlich wie dort
mit drei hochragenden Ziergiebeln sclilossen.

Den Langchor begleiten auf beiden Seiten zwei dreijochige
zweigeschossige Kapellen, welche sich zum Tfheile im Oberge-
schosse nach dem Chore hin öffneten. Es waren vermuthlich
Gilden- oder Brüderschaftskapellen und zwar sincl die an der
Nordseite älter als die der Südseite. Unter den Ersteren
liegt die Sakristei, welche am frühesten und zwar gleichzeitig
mit dem Schiffe und Langehore erbaut worden ist, wie drei
schlanke Blendscharten beweisen, deren strenge Abdeckung
der Holzschnitt a darstellt. Der Einflufs von Chorin, der
sich liierin und in dem darüber liegenden Sägefriese kund-

a b

giebt, tritt noch mehr hervor in dem Anthemien-Friese von
Ziegelplatten, welcher gleichfalls liier (Holzsclmitt h) veran-
schauhcht wird. 1)

Steinformat: a) am Chore 11, öVi und 3 3/a Zoll, b) am
Schiffe IUAj 5V2 und 3 3/-i Zoll.

Kapelle St. Georg.

Der vor dem Mühlenthore jenseits der Finow belegene
kleine Bau wird urkundlich 1359 und 1360, aber nur streifend
erwälmt, so dafs ein sicheres Baudatum nicht gegeben werden
kann. Indessen lassen die einfachen und strengen Bauformen,
das gute Material und die vorzügliche lechnik, denen der Bau
seine seltene Erhaltung verdankt, mit Sicherheit auf ein Datum
vor der Mitte des XIV. Jahrhunderts scldiefsen; er kann
sogar noch der Anhaltinischen Epoche angehöfen.

Wegen seiner seltenen Vorzüge wurde er auf Blatt LXXX
Fig. 1 —-7 und 9 und 12 fast vollständig mitgetheilt. 2) Es
ist ein überwölbter einschiffiger Backsteinbau von dem üblichen
Typus derartiger Hospitalkapellen mit zwei Jochen im Lang-
hause und einem Polygonchore, der in clrei Seiten des Sechs-
ecks schhefst. An cler Westfront — Fig. 4 — erhebt sich
ein rechteckiges mit scheitrechten Blenden und einem Gitter-
friese geschmücktes Glockenthürmchen, das unten eine flachbogig
überdeckte Vorhalle hat und oben mit einern vierseitigen Stein-
helme schliefst. Das Innere wirkt trotz cler geringen Höhe bei
beträchtlicher Spannung sehr giinstig, weil in allen Theilen em
seltenes Ebenmafs herrscht. Die Gewölbe werden von kräftigen
Birnenrippen getragen, clie auf halbachteckigen kelchförmigen
Tragsteinen aufsetzen und gegen blattgeschmückte Sclilufssteine

1) Dieser an griechische Details — plastische wie malerische — erinnernde
Fries ist in verschiedener Fassung mehrfach in der Mark wiederholt worden, z. B.
in Templin am Mühlenthore.

2) Gutes Schaubild der Kapelle bei Bergau, S. 333.

greifen — vergl. Fig. 1 und 5 . Ein roth gefärbter scha-

blonirter Gitterfries scheidet kämpferartig in einfacher aber
wirkungsvoller Weise Ober- und Unterwand —- vergl. den Quer-
schnitt Fig. 9 —Jeder Abschmtt der Letzteren ist durch zwei
flachbogige Nischen belebt. Die Fenster sincl eintheilig und die
Strebepfeiler dreifach abgestuft. Am Anfange cles Chorpolygones
sind die Reste zweier Wandpfeiler erhalten, welche auf eine
monumentale Abtrennung des Chores vom Langhause —
Schranke oder Lettner — deuten.

Die Basen und Hauptgesimse an der Kapelle sowie an
dem Westgiebel sind wohl erhalten und werden durch Fig. 2,
3, 6 und 7 veranschaulicht. Das steile Dach war früher mit
Mönchs- und Nonnenziegeln gedeckt, wie einige Beste auf der
Siidseite beweisen. Das flachbogige Nischensystem als Schmuck
der Unterwände im Innern scheint in der ersten Hälfte des
XIV. Jahrhunderts beliebt gewesen zu sein, weil es auch die
Dorfkirche von Buckow — Blatt LXXX Fig. 8 — und der
Choi' der Pfarrkirche von Bathenow besitzen.

Steinformat: 10 8/4, 5 und 4 Zoll.

K. Die Stadt Frankfurt a. 0.

Historisch.es.

Der Ursprung der Stadt ist unbekannt, doch war — wie
der Name lehrt -— ein von deutschen Kaufleuten angelegter
Flecken an einei' günstigen Uebergangsstelle der Oder bereits
vorhanden, als es dem Markgi'afen Johann I. in Verbindung
mit dem Erzbischofe von Magdeburg 12ol gelang, das Land
Lebus in Besitz zu nehmen. 1) Zwei Jahre später erhielt dieser
Flecken von dem Markgrafen eine Urkunde iiber seine Ver-
gröfserung und seine zukünftigen Verliältnisse. Darin übertrug
der Fürst einem Bürger Gottfried von Herzberg die geplante
grofsartige Erweiterung, indem er der neuen Stadt ihre Aus-
stattung an Aeckern, Wiesen u. s. w. überwies. Weil in dieser
Urkunde schon eines Marktes bei der St. Nikolauskirche ge-
dacht wird, so war dieses Gotteshaus schon vorlianden. Auf
Grund der für ein Handels-Emporium an der Grenze nach
Schlesien, Pommern und Polen hin trefflich gewählten Lage,
hat sicli die Einwohnerzahl, der Wohlstand mid der politische
Einflufs der Stadt so rasch und so mächtig entwickelt, dafs nur
wenige Städte der Mark ihr an die Seite zu setzen sind. Der
fast lcolossal zu nennende Bau der Pfarrkirche St. Maria bezeugt
jenen gewaltigen Aufschwung besser als alle Urkunden. In den
schweren Zeitläuften, welche durch Waldemar’s Tod eintraten
und durch sein Wiedererscheinen auf das Höchste gesteigert
wurden, hat die Stadt ihre Jreue und Anhänglichkeit an das
bayrische Fürstenhaus glänzend bewährt und mit zäher Tapfer-
keit zwei Belagerungen — 1348 und 1373 — ausgehalten. 2)
Mit dem Eintxitte des Luxemburgischen Fürstenhauses kam
aber trotz dex ihr häufig bewiesenen Gunst des Kaisers Karl IV.
und seiner Söhne die begonnene Entwickelung zum Stillstande.
Langsam aber deutlich erkennbar gerieth die Stadt sclion um
die Wende des XV. Jahrhunderts inVerfall und Schulden, aus
welcher sie auch unter der Hohenzollern-Herrschaft sich nicht
mehr befreien konnte. Selbst die von dem Kurfürsten Joachim I.
unter manchen Schwierigkeiten bewirkte Gründung der Univer-
sxtät 1504 3) hat nicht mehr genügt, die alte hocliangesehene
Stellung wieder zu gewinnen. Der dreifsigjährige Krieg,
namentlich die lange Besetzung der Stadt durch die Scliweden
1631 -44 hat besonders verderblich gewirkt und jeden neuen

Aufschwung behindert.

1) Wohlbriick, Geschichte des Bisthums Lebus I. 393 ff.

2) Wegen ihrer Standhaftigkeit und Treue befreite Ludwig der Bömer schon
1349 die Stadt von der Urbede. Riedel, XXIII. 42.

3) Riedel a. a. O. 318.
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