Adler, Friedrich
Mittelalterliche Backsteinbauwerke des Preußischen Staates (Band 2) — Berlin, 1898

Seite: 64
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sind älter als der Chor, welcher alle Kennzeichen des XY. Jahr-
hunderts besitzt, während jene sicher dem XIY. Jahrhundert
angehören. Etwas schwieriger ist die Vermuthung zu hegründen,
dafs die Kirche einen plattgesehlossenen Langchor besessen
hahen mufs, aber man darf dies aus der seltsamen Stellung
und Bildung der Chorpfeiler wohl rechtfertigen. Denn dafs sie
einen einschiffigen Langchor hesafs, geht aus den werthvollen
Bauresten des mit spitzhogigen Blenden und figürlichen Malereien
geschmückten Giebels zwischen Chor und Schiff liervor, die
man im Dacliboden sieht. Sie deuten darauf hin, dafs man
für ihren Aufbau die alten Fundamente wieder benutzt hat.
Die älteren Bautheile erfreuen trotz der grofsen Sparsamkeit,
die sich überall auch in den Höhenmafsen kundgiebt, durch
gute Verhältnisse und gute Details. Leider sind alle Fenster
verändert und die rippenförmigen Kreuzgewölbe erneuert. Daher
ist das Nordportal, dessen Profil Fig. 4 wiedergiebt, besonders
wichtig, weil es ebenso wie die Schiffspfeiler Fig. 1 die Friih-
gothik der Mark deutlich spiegelt. Das in seinen Flachkehlen
mit knopfartigen Kugeln besetzte Nordportal — eine Ableitung
einer im Kreuzgange des Brandenburger Domes vorhandenen
Rundbogenpforte — besafs einst auf jeder Seite vier figurirte
Kapitelle wie die Pfarrkirche zu Eberswalde, nur minderwerthig,
soweit die beschädigten Figuren ein Urtlieil gestatten. Im Lang-
hause wirken die Biindelpfeiler trotz ihrer etwas derben Ivämpfer
— Fig. 1 — günstig und sind bemerkenswerth, weil sie an die
Vierungspfeiler von Chorin erinnern. Auf die gleiche Quelle
weisen die über Eck gestellten östlichen Achteckstrebepfeiler
deutlich zurück. Die schlichte Fassung der Strebepfeiler —

ohne Absatz — und die abgestufte rund-
bogige Ausnischung der Langmauern im
Inneren unten sind fernere Kennzeichen
des XIV. Jahrhunderts, während
||t|||P die auf langgezogenen Birnen-
tPf rippen — Holzschnitt — ruhen-
den Kreuzgewölbe viel jünger
sind. Der Chor wirkt trotz der mälsigen
Höhe günstig, weil er durchsichtig ist und
sowohl in den Pfeilern, wie in den Stern-
gewölben seines Mittelraumes und den
Kreuzgewölben seines Umganges befriedigt.
Seine Schiefheit fällt allerdings auf, stört
aber nicht. Die vier Frei- und zwei
Wandpfeiler sind offenbar Ableitungen der
Chorpfeiler von St. Maria — nämlich acht-
eckig, doch mit, dreifacli gehündelten
Birnen- und Rundstähen besetzt und wie vorstehender Holz-
schnitt zeigt, etwas reicher im Fufse behandelt. Die Oberwände
besitzen entsprechend denen im südlichen Seitenscliiffe von
St. Maria ein breites Mittelfenster und zwei langgezogene Blend-
nischen, während es dort sehr schmale Lanzettfenstei
sind. Den Wanddiensten fehlen die Kapitelle und

an den Pfeilern setzen die etwas plumpen Rippen
— Holzschnitt — auf einfachen Kragsteinen auf.

Steinformat: 1. am Scliiffe: 11 — llVs, b‘/-t u- 3 SA ^oll;
2. am Nordthurme: IIV2, 5V2 und 3Va Zoll; 3. am Choie.
11 Vt—HV2, 5 5/s und 3V2 Zoll.

Die Klosterkirche zum heiligen Kreuz. 1)

Historisches.

Wann die Franziskaner Bettelmönche nach Frankfurt
gekommen sind, steht nicht fest, doch darf man aus der Ueber-
lieferung, dafs sie vor dem Baue ihrer Kirche an einer anderen
Stelle der Stadt — am Brückenthore — ihre Niederlassung

gehabt hätten, 1) sicher schliefsen, dafs ihre Einwanderung bald
nach 1253 stattgefunden haben wiid. Seit 1270 safsen sie in
dem nordöstlichen Winkel der ersten Fleckenanlage und zwar
in nächster Nähe der alten Pfarrkirche St. Nikolaus. Nur einer
der Markgrafen kann ilinen diesen Bauplatz verschafft haben,
aber welcher es war imd wann es geschehen, ist unbekannt.
Dafs die Kirche und das Kloster in der Hauptsache schon
1312 2) vollendet waren, läfst eine Urkunde jenes Jahres erken-
nen, in welcher sich der Rath mit dem Convente tiber einige
streitige Punkte vergleicht. Dazu stimmt dann die chronistische
Nachricht, 3) dafs noch 1706 in der Sakristei — nördlich vom
Chore — eine alte Inschrift zu lesen war, welche angab, dafs
diese Kapelle 1301 geweilit worden sei. Selir viel später erfahren
wir aus den Memorabilien des Stadtschreibers Stajus, 4) dafs
1516 „sei das Mönchen-Kloster und Barfüfser-Kirche an-
gefangen zu bauen und Bruder Andreas Lange der oberste
Baumeister“ gewesen. Die Vollendmig meldet endhch Peter
Hafftitz in seinem Microcronicon Marchicum, 5) im Jahre 1525
sei „die Kirche zum BarfüfSern zu Frankfurt an der Oder
gentzlich verfertigt, nachdem man bis ins 10. Jahr daran
gebawet hatte.“ Die weiteren Schicksale sind unerheblich, sie
finden sich bei Jobst, Wohlbrück, Spieker u. A.

Baubeschreibung.

Unter den Bettelmönchkirchen der Mark ragt die Frank-
furter durch ihre Gröfse, fast 200 Fufs lang, bedeutsam hervor,
denn sie verkündet die einflufsreiche Stellung des Ordens in
einer wohlhabenden Handelsstadt, welche zuletzt Universitäts-
stadt geworden war. c) Die gewölbte Kirclie besteht nur aus
drei Bautheilen — vergl. den Grundrifs auf Blatt LXXXIII
Fig. 5 — dem grofsen dreischiffigen und sechsjochigen Lang-
hause, dem einschiffigen plattgeschlossenen Chore und der
dreijochigen Kapelle nördlich vom Chore, welche frühzeitig mit
demselben unter ein Dach gebraclit worden ist. Ebenso sind
im wesentliclien drei Bauzeiten erkennbar, von denen die beiden
älteren zeitlich wenig getrennt sind. Vom ersten Bau um 1270
ist der ganze Chor nebst einem kurzen Südstücke der Ostmauer
des früheren Langhauses und die ganze Nordmauer dieses
letzteren erhalten. Die zweite Bauepoclie (1301) wird durch
die dreijochige zweigeschossige Kapelle nördlicli vom Chore
vertreten, während alles übrige, also das ganze Langhaus, dem
letzten Baue des XVI. Jahrhunderts angehört.

Der wohlerhaltene Chor — vergl. Fig. 2 Ostfront — be-
sitzt alle Kennzeichen des frühgothischen Stiles in der Mark:
starke Mauern und verhältnifsmäfsig scliwache Strebepfeiler die
absatzlos in die Höhe steigen, ferner zweifaeh gestufte oder
abgeschmiegte dreitheilige Fenster mit drei Schlufsrino-en und
drei Ivreuzgewölbe, welche auf alten, einfach abgeschrägten
Rippen ruhen und tellerförmige Schlufssteine besitzen, vergl.
Fig. 6. Diesen alterthümlichen Charakter hat aucli der Ost-
giebel in seinen reihenförmig geordneten oder schlank aufsteigen-
den geputzten Blenden bewahrt, welche uuten ein sclilichter
feägefries abschliefst vergl. Fig. 2 u. 4 Detail des Giebels. —
Wichtig sind die deutlich sichtbaren Spuren der alten drei-
theiligen Fenster in der Nordmauer des Chores, weil sie den
nachträglichen Anbau der Nordmauer beweisen. Die gleiche
I hatsache erkennt man an der Ostfront, Fig. 2, sowohl im
Unterbau wie im Giebel; dafs man aber damals schon etwas
reiclier zu gliedern versuchte, lehren die wohlerhaltenen zwei-
theiligen, mit Stab- und Mafswerk (wie an den Chorkapellen-
fenstern der Kathedralen von Amiens und Cöln) ausgestatteten
Fenster der Nordseite, deren Form Fig. 1 veranschaulicht.

1) Jobst u. Beckmann, S.4u. 65. — Spieker Gesch. der Marienkirche S. 2.

2) ßiedel XXIII, 12. 3) Jobst u. Beckmann S. 67.

4) Riedel D. S. 351. 5) Riedel D. S. 91.

6) Es darf dabei erinnert vvorden, dafs 1517 hier ein Generalkapitel des
Ordens stattgefunden hat, in welchem Tetzel eine Rolle spielte.

1) Waddingi, Annales Minorum. edit. 2. T. IV, p. 302.
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