Adler, Friedrich
Mittelalterliche Backsteinbauwerke des Preußischen Staates (Band 2) — Berlin, 1898

Seite: 65
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Das beträclitlieh böhere Langhaus ist eine dreischiffige
Hallenkirche, deren überans reich getheilte Stern- und Netz-
gewölbe, Fig. 5, auf holien, doppelt abgekehlten Itippen, Fig. 7,
aufruhen und von platten, achsial gestellten Achteckspfeilern
getragen werden. Dicht vor dem Chore erheben sich vier
plumpe Oblongpfeiler, welche — im NVIII. Jahrhundert ein-
gebaut — einen massiven Glockenthurm tragen sollten und den
würdigen Eindruck des Innern schwer beeinträclitigen. Die
Strebepfeiler der Südseite sind nach Innen gelegt und bilden

oben verbunden flaclie
Wandnischen. Die
Freipfeiler haben ma-
gere Kämpfergesimse
und abgekehlte Basen
— in zwei Sorten —
erhalten, wie derHolz-
schnitt zeigt. Die ab-
geschmiegten Fenster
sind dreitheilig und
ohne Mafswerk gestal-
tet. Die Gewölbestruktur zeigt eine bewundernswürdig sichere,
von vieler Erfahrung zeugende Technik, welche sich auch in
der nachträglich erhöhten und mit Strebepfeilern verstärkten
Nordmauer dadurch kundgiebt, dafs die Strebepfeiler mit Flach-
bogen brückenartig verbunden sind, um mehr Auflager zu ge-
winnen. Die unteren Fenster in der Südmauer hat man nach-
träglich eingebrochen. Die Westfront entbehrt, wie die Süd-
seite des Langhauses der Strebepfeiler ünd besitzt in der Ober-
wand drei hohe geschmiegte, dreitheilige Spitzbogenfenster und
einen spätgothischen, reich aber geistlos mit vertikalem und
gebogenem Stabwerk besetzten Giebel, dessen Systembildung
Fig. 3 wiedergiebt.

Steinformat: 1. am Chore: IOV2 —11, 5 und 3V.t Zoll;
2. am Scliiffe (Südseite): 10, 5 und 3 3/s — 3V2 Zoll. Hier sind
auffallend grofse Fugen, 3/4 — 1 Zoll stark, vorhanden.

Die übrigen kirchlichen Gebäude, ein Kloster und mehrere
Hospitalkirchen, St. Gertrud, St. Spiritus, St. Jakob, sind ent-
weder so vollständig zerstört worden, wie das grofse Karthäuser-
Kloster in der Gubener Vorstadt, oder haben in älterer wie
jüngerer Zeit so durchgreifende Veränderungen erlitten, dafs
auf eine nähere Würdigung verzichtet werden mufste.

Das Eathhaus.

Das älteste Stadthaus soll im Norden nahe der Pfarrkirche
St. Nikolaus gestanden liaben und später, vermuthlich gegen
den Schlufs des XIII. oder Anfang des XIV. Jahrhunderts,
auf seine jetzige Stelle verlegt worden sein. In den Urkunden
wird seiner selten gedacht, doch erfahren wir, dafs 1452 darin
ein Altar gestiftet wurde. Im Anfange des XVI. Jahrhunderts,
1507, berührt es Auxingia in seiner Beschreibung Frankfurts,
indem er meldet, dafs es ein liohes und ansehnlich.es Haus
mitten auf dem Markte gewesen sei, dessen gewölbte Keller
kostbare Weine umschlossen hätten. Leider berichtet er nichts
iiber die Form und die Planbildung. Wie dieser Bau nun so
zu Schaden gekommen ist, daf's man einen grofsen Tlieil neu
erbauen mufste, entzieht sich gleichfalls unserer Kenntnifs.
Thatsächlich ist aber 100 Jahre später, nämlich 1607, ein
durchgreifender Umbau von dem Maurermeister Thaddäus Vo-
glioni 1) zu Lieberose begounen worden, welclier 1610 zu Ende
kam. Eine durch Sturm entstandene Beschädigung — am
1. Januar 1648 Sturz der Thurmspitze am Nordgiebel mit
Knopf und Adler — wurde sehr bald wieder ausgeglichen.

1) So schreibt Spieker a. a. O. S.179, der den Vertrag eingesehen hat
und alter schöner Zeichnungen gedenkt. — Bergau nennt S. 349 den Meister
Taddeo Puglione.

Viel sclilimmer ist der dauernde Schaden, den die äufsere Er-
scheinung durch den gestatteten Anbau von Privathäusern
erlitten liat. Ihre Beseitigung ist dringend zu wünschen.

Baubesclireibung.

Nur der wichtigste Bautheil, der Kern des Ganzen, ist auf
Blatt LXXXIV und LXXXV dargestellt worden und zwar
wegen des besonderen Interesses, den der Versuch eines Italie-
ners, im XVII. Jahrhundert die märkische Gotliik nachzu-
machen, verdient. Eine eingehende bauliche Analyse ist leider
ausgeschlossen, weil der Bau innen und aufsen theils völlig
geputzt, theils mit Kalkschlämme so überzogen ist, dafs ohne
deren Beseitigung entsclieidende Prüfungen nicht voi'genommen
werden können. Indessen wird durch die Hauptform des Gan-
zen und die unversehrte Erhaltung der Kellergewölbe die An-
nahme begründet, dafs der Umbau des Voglioni sich auf die
gründliche Ausweidung und Erneuerung des Innern sowie auf
eine durchgreifende Umformung der beiden kurzen Fronten an
der Süd- und Nordseite beschränkt hat.

Das llathhaus — Blatt LXXXIV Fig. 6 und 7 — bildet
ein langes Rechteck von 55 Fufs Breite zu 200 Fufs Länge;
der nördliche Theil, beinahe ein Viertel des Ganzen, ist sowohl
im Keller wie in den beiden oberen Stockwerken dreischiffig
und zweijochig gestaltet und in allen Tlieilen überwölbt. Der
bei weitem gröfsere südliclie Theil war, wie die noch gut erhal-
tenen alten Kellergewölbe beweisen, zweischiffig geordnet und
liat sicher als Bathskeller sowie als Speicherraum gedient.
Vergl. den Querschnitt Fig. 5. Wie viel von den alten Lang-
mauern bei dem Umbaue stehen geblieben ist, läfst sich oline
Beseitigung des Putzes nicht entsclieiden. Das Gleiche gilt von
den beiden Fagaden, doch ist es sehr wahrscheinlich, dafs so-
wohl an diesen wie an jenen erhebliche Theile des alten Kernes
einschliefslich der alten dreitheiligen Hauptgliederung festge-
halten worden sind.

Dem Vertrage entsprechend hat Voglioni den grofsen Süd-
theil in zwei Geschossen als zweischiffigen, auf Säulen ruhen-
den Hallenbau in einer Länge von 40 Fufs und Breite von
46 Fufs überwölbt. Die untere Halle erhielt sieben starke
glatte Rundpfeiler von Backsteinen und keine Wandpfeiler, die
obere ebensoviele gefurchte Säulen von Sandstein und doppelt
soviel Halbsäulen an den Wänden. Die Gewölbe wurden in
gedrückten Bogen als römische Kreuzgewölbe unten mit zarten
Quer-, Längs- und Diagonalrippen, oben glatt durchgeführt.
Vergl. den Querschnitt Fig. 5 und das Detail der unteren
Rundpfeiler Fig. 1. Grofse Strenge und Einfachheit herrscht
überall; die Pfeiler bezw. Säulen besitzen römisch-dorische
Kapitelle und attische Basen. Die lichten Höhen in beiden
Stockwerken sind nahezu gleich und die räumliche Wirkung
ist eine gute. Im Erdgeschosse ist an der Ostmauer im fünften
Joche von Siiden her die grolse Holztreppe dreiarmig angelegt.

Nach dem Umbaue befanden sich „unten die Hallen der
Gewandschneider und Schuster, die Wache, die Rathsstube, die
Kämmerei und Buchhalterei, oben die Gerichts- und Kommis-
sionsstube, die Accise, die neue Registratur, das Bürgergefäng-
nifs und ein grofser Raum, der zu Bällen, Ixomödien und
Gemeinde-Versammlungen bestimmt war. Unteim Dache waren
die alte Registratur, die Folterkammer, die gemeinen Gefäng-
nisse und die Gemächer für allerlei Geräthschaften und Uten-
silien.“')

Derselbe Autor, dem dieses Citat entlehnt ist, sagt aus-
drücklich, ,dafs der in einem edlen architektonischen Stile
kunstvoll aufgeführte Giebel auf der Südseite neu und ein
Werk des Voglioni sei.“ Diesen Giebel stellt Blatt LXXXV
dar, wobei unter sorgfältiger Festhaltung der erhaltenen Archi-
tekturreste eine Restauration versucht wurde, welche die ur-

1) Wörtlich nach Spieker a. a. O. S. 179 ff.

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