Adler, Friedrich
Mittelalterliche Backsteinbauwerke des Preußischen Staates (Band 2) — Berlin, 1898

Seite: 67
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Skizze, eine Vorstellung des Aeufseren, wälirend auf Blatt
LXXXVI die Fig. 7 u. 13 den Quersclmitt und den Grund-

rifs erkennen lassen. Der Bau entspricht durchaus dem über-
lieferten Stiftungsdatum. Das Steinformat beträgt: 12, 5 3/s
und 3 3A Zoll.

M. Die Stadt Jüterbock. 1)

Historisclies.

Jüterbock ist ein altslavischer Platz, welcher schon früli
erwähnt wird. Thietmar von Merseburg überliefert als Augen-
zeuge die Nachrieht, dafs 1007 Erzbischof Tagino von Magde-
burg den Herzog Boleslaw von Polen, welcher bei einern
Raubzuge Zerbst genommen und die Besatzung fortgeführt
hatte, verfolgt habe bis zu einem Orte, welcher Jutriboc hiefs
und im Gaue Ploni lag. 2) Polnische Oberherrschaft und
wendisches Heidenthum haben sich hier bis zur Mitte des
XII. Jahrhunderts behauptet. Dann erst trat Wandel ein.
Nacli der Vertreibung Jaczos aus Brandenburg 1157 durch
die verbündeten Herrscher Albrecht der Bär und Erzbischof
Wichmann von Magdeburg gelang es beiden Fürsten durch
fortgesetzte Kriegszüge ihre Gebiete nach Nordosten und Osten
zu erweitern. Albrecht gewann die hohe Zauche und Wich-
mann Jüterbock um 1161. Dieser berief bald zur Wieder-
besiedelung der wüstgewordenen Dörfer deutsche Ansiedler,
besonders Flamländer, und überwies ihnen zunächst Krakau
bei Magdeburg. Dann entstand in der nächsten Nähe von
Leitzkau ein Fläming mit neun Dörfern und bald darauf ein
sehr viel gröfserer Fläming, der nördlich von Wittenberg bis
Dahme reichte. Auch nach Jüterbock kam eine solche Kolo-
nie und zwar unter dem Schutze einer erzbischöflichen Burg,
welche mehrfach erneuert, sehr lange bestanden hat. Die
Niederländer haben, weil guter Thon in nächster Nähe sich
vorfand, ihre Ivirche zu Damme zwischen 1160 — 65 aus
Ziegeln erbaut und damit diese wichtige Technik auch südlich
von der Havel und der Spree eingebürgert. Diese Thatsache
ist um so hemerkenswerther, als man sowohl gleichzeitig als
auch noch später in der Nähe von Jiiterbock — 1 wie viele
Kirchen des Fläming und besonders die Klosterkirche von
Zinna bezeugen — an dem Feldsteinbau zähe festgehalten hat.
1161 wird Jüterbock Burgward und zum Archidiakonate des
Dompropstes von Brandenburg gelegt. Nachdem die inzwischen
fertig gewordene Kirche zu Damme um 1173 vom Bischofe
Siegfried von Brandenburg eingeweilit worden war, 3) verlieh
Erzbischof Wichmann schon 1174 den Bürgern von Jüterbock

1) Obgleich Jüterbock im Mittelalter nie zur Mark Brandenburg gehört hat
— es kam erst 1815 an Preufsen —, so durfte es doch aus baugeschichtliclien
Griinden in dieser Sammlung ebenso wenig fehlen wie Dobrilugk und Giildenstern.

2) Thietmar lib. VI. c. 24.

3) Heffter, Clironik von Jüterbock, S. 67, setzt 1174 an.

das Magdeburger Stadtrecht und innerhalb eines bestimmten
Bezirkes Zollfreiheit. Ausdrücklich spricht er dabei aus, dafs
er aus Liebe zur Christenheit Schutz und Wohlfahrt denen,
welche „in diese Provinz eingewandert sind und noch
einwandern werden ebenso sehr zu befördern suchen werde,
als seinen eigenen Nutzen.“ Er nennt die Stadt (eivitas) An-
fang und Haupt (exordium et capuf) der Provinz und bestimmt
die Grenzen ihres Gebietes, wobei einer schon bestehenden
Fläminger Brücke gedaclit wird. Die Kirche von Damme,
welche von Wichmann dem Prämonstratenserkloster Gottes-
gnade in Kalbe übereignet worden war, erhielt das Patronat
aller noch zu gründenden Kirchen von Jüterbock und Um-
gegend. Auch vereignet Biscliof Siegfried ihr 1174 die Zehnten
und das Archidiakonat. i)

Leider wurde dieser energische Anlauf zur Germanisation
des Landes schwer beeinträchtigt durch die treulose Politik
Heinrichs des Löwen. Bei seinem Kampfe gegen den Kaiser
und die deutschen Beichsfürsten rief er die heidnischen Luitizen
zur Hilfe herbei und diese verwüsteten im Jahre 1179 die
jungen christlichen Pflanznngen auf das Schwerste. Jiiterbock
wurde niedergebrannt und das junge Kloster Zinna nach
Tödtung seines Abtes zerstört. Beides geschah an dem gleichen
Tage, an welcliem Heinrich der Löwe Kalbe an der Saale
vernichtete und bis Frohse vordrang. Aber Wichmann blieb
standhaft und betrieb wenige Jahre später die Wiederbesiede-
lung mit erneutem Eifer und grofsem Erfolge. Indem er den
überelbischen Klöstern neue Besitzungen einräumte, förderte er
die Einwanderung und den Wiederaufbau, so dafs bald nach
dem Sturze Heinrichs des Löwen — 1181 — ein neues Auf-
hliihen beginnen konnte, wie sich aus der Urkunde des
Bischofs Balderam von Brandenburg 1183 ergiebt 2) und durch
die Anlage der Yorstadt Neumarkt nebst Kirche St. Jacob bei
Jüterbock bestätigt wird. 3 4) Nachdem die kleine alte Kapelle
in der Stadt als St. Katharina neu geweiht worden war und
die Dammer Marienkirche 1227 und 1229 neue Altäre em-
pfangen hatte, tritt die letztere am Schlusse des XIII. Jahr-
hunderts dadurch wieder hervor, dafs um 1289 ein Konvent
von Cistercienser - Nonnen, welcher aus dem Mutterkloster
St. Lorenz in Magdeburg stammte, bei ihr niedergesetzt wurde.
Der Konvent schritt sofort zum Aufbau seines Klosters, wel-
ches seit 1317*) den Titel „Heilig Kreuz“ führte und his zur
Reformation hier verblieben ist. Wann die Pfarrkirche St. Niko-
laus gestiftet worden ist, steht nicht fest, aber am Schlusse
des XIII. Jahrhunderts wird sie entweder gegründet oder er-
neuert worden sein, wie aus chronistischen und urkundlichen
Nachrichten geschlossen werden kann 5) und gegen 1320 war
sie als stattliche dreischiffige Hallenkirche mit zwei Thürmen
vollendet. Daran schlofs sich der Bau eines Hospitals St. Spiri-
tus und eines Spitals St. Gertrud um 1350. 6) Das Rathhaus
wurde nach einer Urkunde von 1285 7) an der Stelle des unter-
gegangenen alten Kaufhauses wieder als ein solches derartig
aufgebaut, dafs unten die Verkaufsstände für die Handelsleute
eingerichtet wurden und der geräumige Dachboden zum Auf-
speichern des erzbischöflichen Getreides vorbehalten blieb. Es
ist möglich, dafs einige Fundamente und Mauerstücke von
jenem Bau noch erhalten sind, doch läfst es sich nicht er-
weisen. Fast hundert Jahre später — 1380 — wurde an
dieses Kaufhaus eine otfene Gerichtslaube angebaut, 8) nachdem
auch die St. Nikolaus-Kirche 1342 an ihrer Nordseite und
1453 an ihrer Südseite zwei Kapellen-Anbauten erhalten hatte.

1) Biedel VIII, 110. Aucli in dieser Urkuude isfc von der Einwänderung
die Kede: „pro novitate populi“.

2) Biedel VIII, 113.

3) Heffter &. 74. Halle erhält seinen Neumarkt 1176 und Merseburg den
seinen 1188.

4) Heffter S. 126. 5) Heffter S. 143.

6) Heffter S. 164 und 170. 7) Heffter S. 181

8) Heffter S. 11.
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