Adler, Friedrich
Mittelalterliche Backsteinbauwerke des Preußischen Staates (Band 2) — Berlin, 1898

Seite: 69
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und die aus Runddiensten ohne Kämpfer entspringenden
Kippen haben das Birnenprofil (untenstehender Holzsehnitt e)

und flache Schlufssteine. An der
Südseite des Chores befindet sich
ein gothisches aus grün- und
braunglasirten Ziegeln hergestell-
tes Portal. Wegen seiner yerhält-
nifsmäisig strengen Fassung darf
der Chor noch in das XIV. Jahr-
hundert gestellt und der Bau
selbst mit den wohlberechtigten
Wünschen des Xonnen - Konvents
auf Erweiterung des Chorraumes in
enge Beziehung gebracht werden.
Als Keste der letzten spätgothi-
sclien Zeit sind der oblonge
Anbau, welcher die südliche Apsis verdrängt hat und
Zellengewölbe birgt und die kleine quadratische Sakristei
im Nordäclisel erwähnenswerth. Der Westtliurm über der aus
Granitquadern und Ziegeln gemischt erbauten Westmauer ist



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in Fachwerk hergestellt und scliliefst mit einer zwiefach abge-

fsetzten, oben geschlossenen welschen Haube. Wegen der
guten Technik und grofsen Frische in der Behandlung
des sparsam verwendeten Detail mufs auch diese Fagade
dem XIV. Jahrhundert zugeschrieben werden, so dafs
sie als mit dem Chore gleichzeitig erbaut anzusehen ist.

Einige im Chore gerettete Gri-
saille-Glasmalereien — vergl. den
Holzsclmitt f — verdienen wegen
ihrer edlen Stilisirung volle Be-
achtung. v)

Steinformat: 1) der alten
Xordarkaden: IOV4, 4 3V u. 3 Zoll;
2) am Chore: 10 8/s — IOV2, 4 3A
und 3 3/4 Zoll.

Yon den Klostergebäuden,
welche mit dem Kreuzgange nördlich von der Kirche lagen,
ist nur noch der zweigeschossige Nordflügel erhalten, welclier,
bei Puttrich a. a. O. Bl. 6 abgebildet, jetzt profanen Zwecken
dient. Es ist ein ernster mit Strebepfeilern besetzter Ziegel-
bau, der unten flachbogig umrahmte Fenstergruppen und oben
Spitzbogenfenster nebst mannigfach gruppirten Wandblenden
erhalten liat. Seine Architekturformen deuten auf den Schlufs
des XY. Jahrhunderts.

1) Den gröfsten Theil der Zeichnungen verdanke ich der Giite des Herrn
Prof Schleyer in Hannover. Yergl. zu dem historischen Theile meinen Aufsatz:
Der Ursprung des Backsteinbaues in den baltischen Ländern in der
Festschrift d. K. Technischen Hochschule zu Berlin. 1884. S. 103 ff.

an

Pfarrkirche St. Nikolaus.

Es ist dies ein mittelgrofser, einfach behandelter drei-
schiffiger Hallenbau mit Polygonchor nebst Umgang und einer
zweithürmigen Westfront. 1 2) Das Langhaus ist in der unteren
Hälfte aus Granitquadern, in der oberen aus Ziegeln erbaut,
während die Thürme iiberwiegend aus Feldsteinen mit Sandstein-
ecken und Sandsteingesimsen bestehen. Das letztere Material
ist auch zu den Plinthen und den Strebepfeilerabdeckungen
verwendet. Die Pfeiler im Innern sind schwerfällig achtecldg,
die Fenster dreitheilig und mehrfach gestuft, über ilmen be-
findet sich im Aeufseren ein Kreuzstabfries von Vierpässen aus
Ziegeln. Auffallend sind die alterthümlichen Profile der Quer-
gurte und Rippen, aber sie beweisen, dafs alle Gewölbe des
Langhauses noch dem XIV. Jahrhunderte entstammen.

An beiden Langseiten sind zweigeschossige Kapellen mit
hohen Staffelgiebeln herausgebaut. Davon wurde der Südbau
. die alte Sakristei 1447 errichtet. Seinen sechs-
theiligen Backsteingiebel hat leider eine Kestauration entstellt,
abei ei hat in seinem gewölbten Untergeschosse die malerische
Ausstattung an den Wänden und den auf gekehlten Sand-
steinrippen ruhenden Kreuzkappen noch bewahrt. Es sind
Figuren an den Wänden und Rankenwerk mit Medaillons
den Kappen erhalten. ) Dei nördliche zweijochige Anbau
die neue Sakristei — besitzt flache Strebepfeiler und einen vor-
trefflich gegliederten Stufengiebel, dessen tauartig gewundene
Dienste auf interessanten Ziegelmasken ruhen; auch das Innere
imten zeigt dieselbe sorgfältige Behandlung in Kippen und
Schlufssteinen. Neben der Kapelle liegt eine Aechseltreppe
nut gleich geformtem Halbgiebel, wie der Hauptgiebel.

Die westlichen Joche des Langhauses erscheinen als eine
nachträgliche Verlängerung, gehören aber auch noch ebenso
wie der mehrgeschossige Unterbau der Thürme und das
fialenbesetzte, leich und kräftig gegliederte Hauptportal
iu das XIV. Jaluhundert. Die ganze Westfront verräth
trotz ihrer fast übergrofsen Einfächheit den Einflufs der
Bauhütte von Magdeburg, wobei nur der zwischen den
ihürmen stehende backsteinerne Staffelgiebel die har-
monische Erscheinung etwas beeinträchtigt. Der Polygon-
chor nebst Umgang ist erst spät an die Stelle eines älteren
Cliores getreten, was weniger an den Achteckspfeilern als an
den mageren Gewölberippen zu sehen ist und was durch die
lateinische Inschrift über der südlichen Chorpforte: Anno do-
mini MCCGGLAAVII est hoc opus inceptum entscheidend be-
stätigt wird. Eine im Innern auf dem Rathschore etwas ver-
baute und unvollständige Inschrift Anno M- CGGC■ LXXXVIII■
altera ■ die ■ bartolom ■ scheint die Vollendungszeit zu überliefern.

Steinformat: 1) am Chore. 10i/2; 5 unJ 3V. Zoll;

2) an der Nordkapelle: 10%, 5 und 3 SA Zoll.

Franziskaner- Klosterkirche.

Der Bau besteht aus einem dreischiffigen hallenartigen
Langhause und einem niedrigeren einschiffigen Langchore,
welcher in drei Seiten des Achtecks schliefst. Das erstere be-
sitzt fünf Joche, der letztere vier. Die hochbusigen Kreuz-
gewölbe werden im Langhause von schlicliten Achteckspfeilern
uiit einfachen Gesimskämpfern getragen und liaben zart ver-
zierte Schlufssteine erhalten. Die spitzbogigen Arkaden sind
einfach abgestuft. Im Chore sind die gut profilirten Fenster
zwei- und dreitheilig, im Langhause an der Südseite — denn
die Nordseite, an die das Kloster stiefs, ist geschlossen -
drei- und viertheilig. Ihr Profil erinnert etwas an das der
Chorfenster in der Dammer Vorstadtkirche, ist aber doch flauer
gezeichnet. Die mit einmal abgestuften Strebepfeilern besetzte

1) Schaubild von Nordwesten gesehcn bei Puttrich a. a. O. Bl. 7.

2) Die Figuren bei Puttrich Bl. 12, die Medaillons uud das Rankenwerk

farbig bei Bergau Taf. IV.

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