Adler, Friedrich
Mittelalterliche Backsteinbauwerke des Preußischen Staates (Band 2) — Berlin, 1898

Seite: 70
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Südmauer ist durch viele Flach- und Kreishlenden belebt
worden, auch fehlt es nicht an Rautenmustern von schwarz
glasirten Steinen. Die Nordmauer hat keine Fenster, sondern
hohe Wandnischen und ist aufsen völlig sclimucklos. Der
Kunstcharakter entspricht der überlieferten und oben erwähnten
Bauzeit von 1480 —1510. 1) Ein Lettner war einst vorhanden.
Steinformat: 10 8A, 5 3/s und 3 3h Zoll.

Das Rathhaus. 2)

Ein stattlicher Oblongbau — 51 Fufs breit und 127 Fufs
lang — von zwei Geschossen mit einem zweigeschossigen An-
bau auf der Nordseite und einem Thurmunterbau auf der Süd-
ostseite. Er besteht aus drei Theilen: 1) im Osten das eigent-
liche, in beiden Geschossen iiberwölbte Rathhaus, von 2 6 72 Fufs
Tiefe, 2) dem iiber 100 Fufs tiefen Kaufhause und 3) dem
quadratischen zweigeschossigen Yorbau an der Nordseite. Das
Rathhaus selbst besteht wieder aus zwei Bautheilen. Erstlich
aus dem südlichen Thurme von 25 V2 Fufs Quadratseite, welclier
in drei Geschossen überwölbte Räume enthält, — im obersten
befindet sich das Archiv — und zweitens aus zwei übereinander-
liegenden gewölbten Zimmern — unten der Accise und oben
der Rathsstube — deren Ziegeldecken von Mittelpfeilern getragen
werden. Die untere Decke bilden vier Kreuzgewölbe, die obere
rippenlose Zellengewölbe.

Im Keller- sowie im Erdgeschosse sind alte Bautheile er-
halten worden, als man gegen den Schlufs des XV. Jahrhun-
derts einen langsam geförderten Xeubau begonnen hat. Der
älteste Tlieil ist der Untertheil des nördliclien Anbaues, welcher
1380 als offene Gerichtslaube dem alten Kaufhause angebaut,
seinen wesentlichen, sehr schlichten Kunstcharakter mit einem
derben Achteck - Mittelpfeiler bewahrt hat. Der Oberstock
darüber mit Flachbogenfenstern und Ivreishlenden nebst dem
reich gegliederten Stufengiebel — der beste unter dreien —
gehört bereits zu dem spätgothischen Umbau, von welchem
uns zahlreiche urkundliche Daten — von 1450 bis 1506
reichend 3) — höchst lehrreiche Aufschlüsse geben. Das grofse
Kaufhaus war im Keller für Fleischerscharren eingerichtet, zu
ebener Erde enthielt es einen grofsen gepflasterten zweischiffigen
Saal, dessen Längs-Unterzüge von vier Steinpfeilern getragen
wurden. Er diente dem Verkehre der einheimischen Tuch-
macher; der zweite darüber liegende Saal war dem Jahrmarkts-
verkehre der fremden Tuchmacher bestimmt und wurde auch
für Festlichkeiten, besonders für Hochzeiten, benutzt. Jetzt
ist das Erdgeschofs des Kaufhauses zum Gerichtsgebäude um-
gestaltet worden, während der erste Stock den städtischen Ver-
waltungszwecken dient. Die Fenster des ersten Stockes sind
gepaart und in der bekannten säclisischen Weise des spät-
gothischen Stiles durch Gardinenbogen geschlossen. Doch hat
man sie nicht aus Sandstein hergestellt, sondern aus Form-
steinen, die fein überputzt wurden. Der jetzt vorhandene Putz
ist daher als ursprünglich anzusehen, so dafs nur die Backstein-
giebel putzfrei blieben. Beide Plauptgiebel im Osten wie im
Westen waren gestaffelt und an den Giebelkanten mit einhüf-
tigen, frei durchbrochenen Spitzbogen und Pfeilern versehen.
Indem man dieses wirkungsvolle Motiv beseitigt hat, ist die
Wirkung der Umrifslinie schwer geschädigt worden. 4) Das
Innere ist so verändert und verbaut, dafs eine genauere Unter-
suchung unmöglich erscheint. Von den gewölbten Räumen des
Rathhauses ist derjenige der werthvollste, welcher jetzt die
Kämmereikasse enthält, weil er die aus Zellengewölben lier-

1) Abbildung des Portals bei Bergau Taf. III.

2) Schaubild des Aeufseren vom Nordosten gesehen bei Puttrieh, Bl. 9,
desgl. eines Oberzimmers Bl. 10, desgl. einiger Details Bl. 10 und zvveier Grund-
risse Bl. 13.

3) Yergl. den trefflichen Text von Otte bei Puttrich a. a. O. fe. 16 ff.

4) Das Schaubild bei Puttrich Bl. 9 zeigt den Ostgiebel restaurirt.

gestellte Steindecke, die ein schraubenförmig gefurchtei' Rund-
jifeiler trägt, wohlerhalten bewahrt hat. 1)

Steinformat: 1) an der Gerichtslaube 10V2, 5 u. 3 3A Zoll;
2) an der Westfront 10 3/4—11, 5V4 und 3 3/4 Zoll.

Ringmauer und Thore. 2)

Jüterbock war durch seine Lage mitten in Sümpfen leicht
vertheidigungsfäliig, wenn man fiir holie Wälle, tiefe Gräben
und feuerfeste Tliore sorgte. Im Mittelalter hat man die Wehr-
haftigkeit durch den Bau einer Ringmauer mit Thoren, Thiir-
men und Weichhäusern, alles von Feldsteinen, gesteigei't und
schliefslich jeden Angriff durch die Ziehung von Doppelgräben
mit Zwischenwall, durch Erhöhung aller Mauern und Thürme
in Backsteinbau und Anlage von festen Voi'höfen in liohem
Mafse erschwert. Die Stadt des reiclien Erzstiftes war zuletzt
ein kleines Mantua geworden. Der Bau der Feldsteinmauer wird
mit Rücksichtnahme auf das benachbarte Treuenbrietzen, welclies
sicli von 1296 ab wehrhaft maclite, in clie gleiche Zeit um
1300 zu setzen sein. Die Teclmik für den Feldstein- wie den
Backsteinbau ist die gleiche wie in Müncheberg, Prenzlau,
Templin usw. An den wichtigsten Punkten erhob man Rund-
oder Quadratthürme, die ersteren von ca. 22 Fufs Durchmesser,
die letzteren etwas kleiner; auch Weichhäuser fehlten nicht.
Drei Thore sind — wenn auch niclit vollständig — noch jetzt
erhalten: 1) das Neumärkter Thor im Osten, 2) das Frauen-
thor im Westen und 3) das Zinnaer Thor im Norden.

1) Das Zinnaer Tlior 3) besteht aus einem spit-zen Thor-
bogen, welcher sicli an einen liohen älteren Rundthurm lehnt
und auf der anderen Seite durch einen viereckigen, mit Blen-
den und Sägefriesen gegliederten Backsteinthurm flankirt wird.
Der Rundthurm ist unten aus kubischen Granitquadern in
sorgfältiger Technik erbaut worden; in späterer Zeit hat man
ilm in kleinem Bruchsteinmauerwerk erhöht und den Vierecks-
tliurm hinzugefügt, was wahrsclieinlich am Schlusse des XIV.
Jahrhunderts geschah. Endlicli wurde um 1481 der Rund-
thurm durch Ziegelmauerwerk nochmals erhöht, 4) mit einem
offenen Wehrgange umgeben und durch eine sechsseitige mas-
sive Pyramide abgeschlossen.

2) Das Neumärktei' Thor 6) — dargestellt auf Blatt
LXXXVII Fig. 6 —10 — ist nur als ein weit vorgeschobenes
vertheidigungsfähiges Aufsenwerk zu dem eigentlichen Mauer-
thore anzusehen, welches in einer Entfernung von ca. 300 Fufs
dahinter lag. Der schmale Damm, welcher beide Thore ver-
band, mufs noch zwei Zugbrücken besessen und den Zwischen-
wall durchschnitten haben, weil die Lokalverhältnisse eine solche
Annahme bedingen. Das Innenthor deckt auch hier wieder
ein hoher Rundthurm, der wie der Zinnaer drei Bauzeiten ver-
räth und die gleiche Technik und dieselben Materialien besitzt.
Er besteht zu fünf Sechstel seiner Höhe aus Granitquadern
bezw. Feldsteinmauerwerk und zu einem Sechstel aus Ziegeln.
Oben folgt eine Reihe schlanker flachbogiger Scliarten, dann
das schwach vortretende Hauptgesims iincl ein offener, mit
Zinnen besetzter Wehrgang. Eine achteckige Ziegelspitze krönt
ihn. Auf der anderen Seite steht ein viereckiges Weichhaus
fluchtrecht und hinten (Stacltseite) offen. Das Aufsenthor ist
ein im ganzen wohlerlialtener rechteckiger Hof, Fig. 6 und 7,
der aber seine Zinnenwand eingebiifst liat. Feldseitig von acht-
eckigen Thürmchen flankirt, stadtseitig durch Strebepfeiler ab-
gestiitzt, zeigt er in seinen beiden Geschossen hi flachbogigen
Nischen die Stanclplätze für clie Schiitzen und ist in beiden

1) Abbildung bci Puttrich a. a. O. Bl. 10.

2) Gesammtansicht und Westseite der Stadt bei Bergau Taf. III, 140
und 141a.

3) Eine nicht befriedigende Skizze — die Feldseite darstellend — bei Bergau
S. 423. Der Thorbogen ist seitdem leider erneuert worden.

4) Otte bei Puttrich S. 19. 5) Puttrich Bl. 4.
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