Adler, Friedrich
Mittelalterliche Backsteinbauwerke des Preußischen Staates (Band 2) — Berlin, 1898

Seite: 71
DOI Seite: Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/adler1898bd2/0085
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen Nutzung / Bestellung
0.5
1 cm
facsimile
71

Fronten clurch Blenden aller Art, auch Gitterfriesen, lothrecht
wie wagerecht, einfach aher würdig belebt.

Steinformat: 10 3A —11, 5 und 3V2 — 3 3A Zoll.

Das Frauenthor, 1) Fig. 1 — 5, ist, wie das vorige Thor,
nur das vorgeschobene Aufsenwerk für das alte Innenthor ge-
wesen. Es stammt aus gleiclier Zeit und vermuthlich von dem-
selben Baumeister, auch ist das fortifikatorische Princip da,s
gleiche, doclx haben sicli hier auf bedeutende Längen die ge-
zinnten Langmauern erhalten, welche den Yorhof mit einem
auf dem Mittelwalle stehenden Thorhause schirmend verbanden.
Yergl. Fig. 3 (Längsschnitt) mit Fig. 4 (Grundrifs). T)io Feld-
seite Fig. 2 ist durch die ISaivetät in der Gestaltung und
Durchbildung anziehend. Wahrsclieinlich wird Erzbischof Ernst
von Magdeburg 1488 beide Vorthore erbaut haben.

Steinformat: 11, 5 und B SU Zoll. Das Innenthor zeigt
wieder die flankirende Yerbindung von Thorbogen und Rund-
thurm, ganz ähnlich wie bei dem Neumärkter Thor, nur dafs
der ca. 23 Fufs dicke Rundthurm hinter der Zinnenwand eine
schlanke Kegelspitze besitzt und in einer Entfernung von circa
02 Fufs einen zweiten Rundthurm zur Seite hat, um die Wehr-
fähigkeit zu , steigern. 2)

U. Die Stadt Freienwalde.

Historisches.

Die erste Erwähnung des Ortes findet sich in einer Ur-
kunde von 1316, in welcher Markgraf Waldemar dem Kloster
Chorin das Dorf Ludersdorp überläfst, 3) denn „Yrienwolde“ ist
der Ausstellungsort des Schenkungsbriefes. Wahrscheinlich be-
safs der Ort damals schon städtische Rechte und jedenfalls ge-
hört er nach seiner Entstehungszeit als Dorf in die Mitte des
XIII. Jahrhunderts. Die weitere Entwickelung der Stadt und
ihre sonstigen Schicksale sind für die Baugeschichte ohne Be-
deutung. Zwei Gotteshäuser sind vorhanden, die Pfarrkirche
St. Nikolaus und die Kapelle St. Georg. Die letztere, ursprüng-
lich vor dem Tliore belegen, ist im XVII. Jahrhundert in die
Stadt verlegt worden.

Pfarrkirche St. Nikolaus.

Die geschichtlichen Nachrichten beschränken sich auf zwei
Ueberlieferungen, die nicht mehr sicher zu prüfen sind, aber
dem Thatbestande völlig entsprechen. Erstlich sollen laut einer
Inschrift „das Gewölbe und die Bilder des Chores 1453 her-
gestellt sein 4) und zweitens sei der Thurm 1518 bis 1522
erbaut worden.“ 5) Die im Jahre 1584 durcli Blitzschlag abge-
brannte Thurmspitze wurde 1637 zum zweiten Male zerstört
und später in schlichter Weise erneuert.

Die mittelgrofse und wohlerhaltene Kirche liegt etwas hoch
und besitzt wegen der seitlichen Thurmstellung eine höchst
malerische Gruppirung. Trotz der bescheidenen Mafse und der
einfachen Ausbildung ist der Bau auch in baugeschichtlicher
Beziehung sehr anziehend. Er setzt sich, wie der Holzschnitt
lehrt, 6) zusammen aus einem einschiffigen Langhause von vier
Jochen, dem sicli ein zweijochiger Langchor und ein Polygon

1) Zwei Abbildungen, von innen und aufsen gesehen, bei Puttrich a. a. O.
Blatt 2 und 3.

2) Puttrich a. a. O. Bl. 3b. Stadtseite. Die dort links stehende, von 1221
stammende, aus Granit erbaute St. Katharina-Kirche ist vor wenigen Jahren
bedauerlicher Weise zerstört worden.

3) Riedel XIII, 237.

4) Fischbach, Städte-Beschreibungen der Mark Brandenburg 1, 594. Anno
domini MCGGGLIIl quinta feria ante Bartholomei facta est testudo et imagines
hujus Ghori.

5) Fischbach S. 593. An der Thür befand sich die Jahreszahl 1522
eingeschnitten.

6) Die Abbildung bei Bergau S. 355 giebt wegen der sehr derben Schraffi-
rung keine gute Vorstellung von dem besonderen Beize, der in Formen und
Farben die Kirche vor sehr vielen anderen auszeiehnet.

von fiinf Seiten des Zehnecks anscliliefsen. Der Thurm liegt
beinahe fluchtrecht mit der Westfront und südlich von ilir.
Seine Nordmauer läuft niclit parallel mit der Südmauer, so dafs
mögliclierweise an cheser Stelle ein älterer Thurmrest wieder

benutzt worden ist. Neben dem Thurme nach Osten folgt
dann ein später liinzugefügtes Seitenschiff von zwei Gescliossen
und noch mehr nach Osten zwei einstöckige kapellenartige Vor-
bauten, welche erst in neuerer Zeit erhöht wurden.

Alle Bautheile sind iiberwölbt, die mittleren trennt ein
niedriger spitzbogiger Triumphbogen in zwei Theile. Im west-
lichen ist das vierjochige Langhaus mit einem gedrückten
Tonnengewölbe mit Seitenstichkappen bedeckt, welches aber in
iibler Technik und roher Weise durch wulstige Rippen stern-
gewölbeartig durchgeführt worden ist und sich als ein lüder-
liches Machwerk aus der Mitte des XVI. Jahrliunderts kenn-
zeichnet. Ungleich besser gestaltet, wenn auch tecli-
f|j!|iEj|§ nisch nicht sehr vollendet, sind die klar getheilten
Sterngewölbe über dem Langchore und dem Poly-
gone, Ilire Rippe veranschaulicht der Holzschnitt.

. Wenn von den Anbauten der Südseite abgesehen wird,
verbleiben nur der einfach aber gut durchgeführte Polygon-
und Langclior sow rie die Strebepfeiler und Obermauern der
Nordseite aus einer älteren und zwar der besten Bauepoche
stammend zurück. Dieser in Backsteinen durchgeführte Umbau
ist es gewesen, welcher dem ersten aus Feldsteinen liergestellten
Gründungsbaue des XIII. Jahrhunderts ein höheres künst-
lerisches Gepräge gegeben liat. Das beweisen nicht nur die

Systeme der Ost-
front und der Nord-
mauer, sondern
auch die Profilirun-
gen der zweithei-
Hgen Fenster und
der starken Eck-
dienste. Vergl. die
Plolzschnitte a u. b.

Alle Einzelheiten

erinnern mehr oder weniger an Chorin. Und weil sicli dieser
Charakter auch an der ganzen Nordmauer fortgesetzt findet, so-
wohl in den Strebepfeilern, wie in der Plintlie, den
I enstern (ein Fenster macht eine Ausnahme) und in
dem Gurtgesimse (s. nebenst. Holzschnitt), welches
vom Chore stammend und mit den Solilbänken
der Fenster auf- und absteigend die Nordmauer
gliedernd tlieilt, so darf man mit einigei Sicheiheit
vermuthen, dafs die jetzt im Mittelschiffe vorhan-
dene schwerfällig rolie Tonnenwölbung mit ihren
Seitenstichkappen eine schadhaft gewordene ältere
und bessere Ueberdeckung mit edlen, schlichten
Kreuzgewölben ersetzt hat. Es ist auch nicht un-
möglich, dafs der einfache Westgiebel mit jener älteren Ueber-
wölbung gleichzeitig zur Ausführung gekommen ist. Etwas
jiinger als der in die Mitte des XIY. Jahrhunderts zu setzende







Wi


11111


iiii
loading ...