Adler, Friedrich
Mittelalterliche Backsteinbauwerke des Preußischen Staates (Band 2) — Berlin, 1898

Seite: 72
DOI Seite: Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/adler1898bd2/0086
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
72

Chor- und Langhausbau ist die mittlere quadratische Kapelle
der Südseite, welche, einst nach Osten freistehend, in dieser

Ostwand ein zweitheiliges — jetzt vermauertes — Fenster

besafs. Den guten Kunstcharakter, der
hier auftritt, veranschauhcht der Holz-
schnitt, welcher die Einfassung dieses
Fensters darstellt. Auch diese Kapelle
gehört noch der zweiten Hälfte des XIV.
Jahrhunderts an, während die oben ge-
schilderten Sterngewölbe im Chore auf
Grund der hier vorhanden gewesenen Inschrift sicher dem
Jahre 1453 zuzuweisen sind.

Der an der Südseite stehende Glockenthurm ist unter

Benutzung von Granitquadern und gespaltenen Findlingen aus
Ziegeln erbaut worden. Vergl. Blatt LXXXIX Fig. 1 nebst
Detail Fig. 2. Es ist ein tüchtiges Werk, welches seinem
Meister alle Ehre rnacht und wegen seiner auffallenden schlich-
ten Gliederung, mit Mafswerk gefüllten spitzbogigen wie ein-
fachen Kreisblenden scheinbar älter aussieht, wie das überlie-
ferte Datum 1518 — 22 angiebt. Indessen ist daran nicht zu

zweifeln, sobald man die Südseite prüft,
denn hier findet sich dicht an der West-
ecke ein tief gelaibtes Hauptportal mit
einem niichternen, auf Ziegelkämpfern

ruhenden Bogenprofil — Holzschnitt —
und darunter zwei tief ausgerundete Sitz-
nischen mit rechts und links geglätteten Sitzsteinen, wie sie
gerade im Anfange des XVI. Jahrhunderts sowohl in Xieder-
wie Obersachsen in der kirchlichen wie Profanbaukunst beliebt
waren. Dieses Portal steht aber mit seiner Spindeltreppe der
Ecke so nahe, dafs es nicht nachträglich eingebrochen worden
sein kann, sondern es bildet nebst einer zweiten nahe dabei
belegenen Pforte einen integrirenden Theil des Thurmes.

Erst nach Eintritt der Reformation, etwa 1540 — 50, hat
man, alte Kapellen erhöhend, die beiden Obergeschosse dicht
neben dem Thurme aufgeführt, um mehr Sitzplätze zu schaffen,
denn dieser Zeit entspricht der gleichzeitig erbaute, aus Fialen
und gebogenen Stäben hergestellte Ostgiebel, sowie die wahr-
scheinlich mit grofser Hast uud Eile liergestellte Ueberwölbung
des Langhauses.

Der Thurmhelm ist mehrfach zerstört und mehrfach er-
neuert worden. r) Die auf Blatt LXXXIX Fig. 1 dargestellte
Spitze, welche von 1653 stammte, wurde neuerdings — 1875
— durch eine neue reicher gestaltete und günstig wirkende
nach dem Entwurfe vom Baurathe Düsterhaupt ersetzt.

0. Die Stadt Wriezen.

Historisches.

Der urkundlich im Jahre 1300 zuerst genannte Ort scheint
bald darauf — 1303 — Stadtreclite erhalten zu haben, 1320
heifst er „oppidum“ und seinem Bathe wird der landesherrliclie
Zoll verpachtet. Im Jalire 1337 erhält die Stadt das Recht,
sich zu umwehren und zwar „tu vestende mit muren oder mit
Holte“ d. h. mit Plankenzäunen. 1 2) 1366 wird eine Kapelle des
Heiligen Laurentius erwähnt und Kaiser Karl IV. behält sich,
als er 1375 der Stadt ihre Gerechtsame bestätigt, das Recht
vor, eine feste Burg in ihren Mauern erbauen zn dürfen. Im
Jahre 1432 wurde die Stadt von den Hussiten verbrannt. 3)
Sie erholte sich langsam, denn erst 1453 wird ein heiliger

Kreuzaltar in die Pfarrkirche St. Maria gestiftet, dann erfolgen
nach der Bestätigung des Thomas-Altares 1458, 1473, 1487
und 1495 neue Altarstiftungen in demselben Gotteshause. x)
Ein schwerer Brand hat 1664 den gröfsten Theil der Stadt
verzehrt. 2) Die weiteren Nachricliten beziehen sich auf die
Zerstörung des Thurmlielmes durch Blitzschlag und Wieder-
aufbau, sowie auf eine Restauration der Kirche. 3)

Pfarrkirche St. Maria.

Baubeschreibung.

Die mittelgrofse Kirche besteht aus vier Bautheilen: dem
quadratischen Westthurme, dem dreiscliiffigen gewölbten Lang-
hause, dem ebenso gedeckten dreischiffigen Langchore und dem
seitlich verlängerten, in fünf Seiten des Zehnecks schliefsenden
Chore. Das Aeufsere wirkt höchst unharmonisch, weil ein
kolossaler, völlig nackter Giebel — die Armuth der Stadt nach
dem furchtbaren Brande von 1664 bezeichnend — Polygon
und Langchor scheidet und das Erstere fast ei'drückt. Vom
alten Thurme steht nur noch der Untertheil, die Obertheile,
mit gebrochenen Ecken mehrfach absetzend und mit welschen
Haubendächern verselien, schliefsen mit einer laternenartig offe-
nen, in gleichen Stilformen des X\ III. Jahrhunderts herge-
stellten Spitze. Der unten aus Findlingen hergestellte Thurm
ist geputzt, alle anderen Theile zeigen Naturfarbe.

Der Kernbau ist auch liier wahrscheinlich von Feldsteinen
hergestellt gewesen als eine Kirche, die wie viele andere der
Mark nur aus einem einschiffigen Langhause und einem eben-
solchen Chore bestand, und daher ist es selir möglich, dafs
die jetzt überputzten Oblongpfeiler des Langchores alte Bau-
reste enthalten. Wenigstens findet sich ein trefflich gemeifseltes
spitzbogiges Nebenportal aus Granit an der Südseite in einer
mit diagonalen Strebepfeilern besetzten Kapelle wieder ein-
gemauert vor.

Der dreischiffige Langchor — durch seitliclie Erweiterung
entstanden — hat Sterngewölbe erhalten. Das Gleiclie gilt
fiir den auffallend niedrigen und sehr sclilicht behandelten
Polygonchor, welcher nur eintheilige geschmiegte Fenster und
aufsen einmal abgesetzte Strebepfeiler besitzt. Beträchtlich
liöher und deshalb sehr gute Verhältnisse zeigend, ist das drei-
jochige Langhaus mit seinen vortrefflich hergestellten Stern-
gewölben ausgeführt worden. Die achteckigen Pfeiler darin
besitzen gurtartige Gesimskämpfer, auf welchen die Rippen
sich entfalten. Das Aufsensystem ist auf Blatt LXXXIX
Fig. 3, einige Details desselben in Fig. 4 mid 5 dargestellt.
Die sehr gedrückt spitzbogigen Fenster sind auffallend breit
und waren — jetzt ist das Stabwerk aus Holz gefertigt —
sicher dreitheilig. Die etwas plumpen Strebepfeiler setzen zwei
Mal ab, zwischen ihnen liegt oben ein gesimster Fries und
darüber folgt das Hauptgesims. Zierliche Rosetten schmücken
die Oberwand, unten befindet sich ein siebenfach abgestuftes
Hauptportal, welches sowohl in seinen Einfassungen wie in
seinen Kämpfern aus Formziegeln, die gedrehten Tauen
gleichen, hergestellt ist. Dieselbe Dekorationsweise zeigen
auch als Einfassungen die Fenstei' und die Rosetten. Kraft
dieser Bauformen darf das Langhaus ganz sicher auf den
Schlufs des XV. Jahrhunderts, die Ueberwölbung des Lang-
chores und der Aufbau des Polygones in die Mitte dessel-
ben Jahrhunderts gesetzt werden, während der Feldsteinbau
noch dem XIII. Jahrhundert — Mitte bis Schlufs — an-
gehören wird.

1) Fischbach a. a. O. 593 ff.

2) Eine interessante Ueberlieferung wegen der lange geiibten Technik des
Holzbaues in der Befestigungsbaukunst.

3) Angelus, Annales Marchiae p. 210.

1) Riedel XII, 413, 414, 416, 421, 448, 452, 457, 461 und 463.

2) Ulrich, Beschreibung der Stadt Wriezen, S. 105.

3) desgl. S. 223 ff. und Bergau S. 790.
loading ...