Adler, Friedrich
Mittelalterliche Backsteinbauwerke des Preußischen Staates (Band 2) — Berlin, 1898

Seite: 74
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gelb, schwarz und grau. Alle Figuren sind handwerksmäfsig
gezeichnet, aber doch charakteristisch wiedergegeben. Auch
wegen dieses Bildercyklus verdient die Marienkirche eine be-
sondere Beachtung.

Leider ist die Westfront durch einen quadratischen, ein-
mal gestuften und geputzten Glockenthurm aus Fachwerk des
vorigen Jahrhunderts geschmacklos entstellt. Nach Merians
und Petzolds Prospekten bildete ein vierseitiges Walmdach mit
kleinen Mittelgiebeln und einem schlanken Dachreiter den alten
Abschlufs; auch befand sich ein zweiter Dachreiter mehr öst-
lich über dem Triumphbogen des Innern.

Kapelle St. Georg.

Dieses kleine, vor dem Landsberger Thore belegene Gottes-
haus ist ein einschiffiger, plattgeschlossener Granitbau von
nachlässiger Technik mit Balkendecke versehen. Die Ostseite
hat ihre beiden kleinen, spitzbogigen Fenster ebenso bewahrt
wie die Nordseite ein gut gearbeitetes Spitzbogenportal. Der
Südseite liat eine moderne Bestauration eine neue Pforte mit
Tudorbogen hinzugefügt. Der Bau entstammt, wie viele Georgs-
Kapellen der Mark, dem Anfange des XIV. Jahrhunderts.

Ringmauer.

Die mit ihren Weichhäusern im Ganzen noch wohlerhal-
tene 16 — 22 Fufs hohe, überwiegend aus Feldsteinen erbaute
Ringmauer gehört zu den ältesten in der Mark, weil sie schon
1254 errichtet worden ist. Von den beiden Thoren ist nur
noch eins erhalten, nämlich das Landsberger Thor, in der Form
eines hohen, fast quadratischen Thurmes, dessen untere gröfsere
Flälfte treffliches kubisclies Granitmauerwerk zeigt, während
der stark gekürzte Obertheil aus Ziegeln besteht und mit fiacli-
bogigen Blenden gegliedert ist. Die alten grofsen, spitzbogigen
Durchgangsbogen sind vermauert. Das Wriezener Thor war
nach Merian’s Prospekte dem Landsberger Thore sehr ähnlich,
besafs aber noch ein zweigeschossiges, quergestelltes Vorthor,
doch waren beide, das Vorthor und der Thorthurm 1652
schon Ruine. Der mir vorliegende, von derselben Seite ge-
zeichnete Prospekt von Petzold 1712 bestätigt dies.

Q. Die Stadt Fürstenwalde.

Historisclies.

Das Bisthum Lebus, neben Brandenburg und Havelberg
das dritte in der Mark Brandenburg, soll ursprünglich für
Galizien gestiftet 1) und sein Bischofsitz erst viel später an den
mittleren Lauf der Oder, nach Lebus, 10 Kilometer nördlich
von Frankfurt a. O., verpflanzt worden sein. Aber wann das
Eine und das Andere geschehen, ist unbekannt. Des Schlosses
Lebus als eines besonders festen Platzes wird 1109 in dem
Feldzuge des Königs Heinricli V. gegen den Herzog Boleslav
von Polen gedacht. Da die Belagerung sich in die Länge zog,
so übertrug der König dem Erzbischofe Adelgot von Magde-
burg den weiteren Angriff, indem er versprach, Schlofs und
Land nach erfolgtem Falle dem Erzstifte zu schenken. Das
Schlofs fiel, aber ob der Erzbischof die Früchte seines Sieges
genossen hat, ist völlig unsicher. 2) Im Jahre 1137 bestand
aber das Bisthum, weil an der in diesem Jahre stattfindenden
Einweiliung der Prämonstratenser - Klosterkirche zu Strzellno
(Bisthum Posen) der Bischof Bernhard von Lebus Theil ge-
nommen hat. Da er bis 1147 regierte, so mufs sowohl die
kirehliche Organisation vollendet, als eine Domkirche vorhanden

1) Dafür sprechen die Besitzungen des Stiftes bei Lublin, Sandomir und
Cracow, welche erst im Anfange des XVI. Jahrhunderts verkauft wurden. Voigt,
Eriäuter. z. d. historischen Atlas der Mark Brandenburg. S. 59 u. 61.

2) Eine Zeit lang hat Lebus unter Magdeburg allerdings gestanden, dann
kam es unter Gnesen.

gewesen sein. Bald unter schlesischer, bald unter polnischer
Flerrschaft waren die Schicksale des Schlosses und der an
seinem Fufse entstandenen Stadt wechselvoll. Ein Theil des
Landes kam durch Kauf schon 1213 in den Besitz des Mark-
grafen Albrecht II. von Brandenburg, wälirend 1226 Stadt und
Schlofs wieder in die Hände des Erzbiscliofes Albert von
Magdeburg fielen, nachdem Landgraf Ludwig IV. von Thüringen
ein Jahr vorher beide belagert und gewonnen hatte, um sich
die Entschädigung für beraubte Kaufleute seines Landes zu
sichern. Im Jahre 1249 soll dann Herzog Boleslav von
Schlesien dem Erzbischofe Wilbrand von Magdeburg und dem
Brüderpaare Johann I. und Otto III. von Brandenburg seine
Rechte an Schlofs und Land abgetreten haben. Die Tlieilung
des gemeinsamen Besitzes erfolgte erst 1252 und seit dieser
Zeit nahm die schon unter sclilesischer und polnischer IFoheit
begonnene Germanisation dieser slavischen Gegenden an beiden
Seiten der mittleren Oder einen Umfang an, der uns noch
iieute in Erstaunen setzt. Alte Städte und Dörfer wurden er-
weitert, neue rastlos gegründet und dem raschen Vordringen
der Sieger entsprechend durch Burgen gesichert, darunter einige
wie Zielenzig, 1269 vom Markgrafen Otto V. dem Langen
ganz aus Holz erbaut. Grofse kulturelle Thätigkeit haben
dabei der Ritterorden der Templer wie der Mönchsorden der
Cistercienser entfaltet.

Auch die Bischöfe von Lebus scheinen diesem Zuge nach
dem Osten Rechnung getragen zu haben, denn sie pflegten
später in Göritz im Sternberger Kreise zu residiren, welcher Ort
wegen eines wunderthätigen Marienbildes ein vielbesucliter Wall-
fahrtsort geworden war. Ob man die Kirche zur Domkirche
eingerichtet hatte, wissen wir niclit, ebensowenig, wo das Kapitel
sich befand. Nachdem aber diese Kirche 1325 durch die
Bürger von Frankfurt a. O. zerstört worden war, machte
Bischof Stephan wenige Jahre später den Versuch, die Marien-
Kirclie zu Frankfurt a. 0. zur Kathedrale zu erheben, allein
seine Absicht scheiterte an dem nachdrücklichen Widerspruche
Kaiser Ludwigs von Bayern 1330.') Naclidem vierundzwanzig
Jahre später das Bisthum mit dem Landesherren sicli ver-
glichen hatte, gelang es Biscliof Heinricli II. nach Lebus zu-
rückzukehren und dort auf einem Hügel neben dem alten
Schlosse eine neue Kathedrale in besclieidenen Mafsen und
schlichten Formen zu erbauen. Kaum fertig geworden, erfolgte
1363 die Invasion Kaiser Karl IV, welche Stadt und Schlofs
Lebus noch ein Mal in Asche legte, die Domherrenhäuser
niederbrannte und alle Besitzungen des Stiftes, einschliefslich
der Weinberge in nächster Nähe, furclitbar verwiistete. Auch
die Domkirche wurde dabei in einen Pferdestall verwandelt.

In Folge dieses schweren Schlages und bei der fortdauernd
friedlosen Zeit, entschlofs sich Biscliof Petrus 1373 eine gröfsere
volkreiche und wohlbefestigte Stadt seines Sprengels zum Sitze
des Bisthums zu machen und wählte die Städt Fürstenwalde.
Nachdem nach längeren Verhandlungen die päpstliche Erlaub-
nifs glücklich erlangt war, erfolgte 1335 die Uebersiedelung,
indem die vorhandene Pfarrkirche zur Kathedralkirche vor-
läufig erhoben und demgemäfs eingerichtet wurde. Indessen
war auch hier dem Bischofe und dem Kapitel noch keine dau-
ernde Ruhe gewährt. Denn 1413 überrumpelten und brand-
schatzten die Quitzows die Stadt und noch schlimmere Folgen
hatte der Einfall der Hussiten 1432, weil die geistlichen Stifts-
giiter ein besonderes Ziel ihres Hasses waren. Stadt und
Schlofs wurden verbrannt und die Domkirche so schwer be-
schädigt, dafs ein Neubau unvermeidlich wurde. Er begann
erst 1446 mit einer feierlichen Grundsteinlegung durch Biscliof
Johann VII. von Deher, aber wann er zum Abschlusse kam,
ist unbekannt, wahrscheinlich gegen 1460. Denn der Nach-
folger, der berühmte Bischof Friedrich Sesselmann (1455— 83),

1) Vergl. hierzu S. 61 Stadt Frankfurt a. O., Pfarr-Kirche St. Maria.
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