Adler, Friedrich
Mittelalterliche Backsteinbauwerke des Preußischen Staates (Band 2) — Berlin, 1898

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bestimmend eingewirkt. Mit dem Beginne des XIII. Jahr-
hunderts erneuern sieli die Versuche henachbarter ehrgeiziger
Fürsten ilire Gehiete nach Pommern hin auszudehnen oder die
Unterwerfung des ganzen Landes durch Waffengewalt zu er-
zAvingen. Dies gilt ehensosehr für die Könige von Dänemark
wie für die Markgrafen von Brandenburg. Auch geistliche
Ritterorden, wie der der Tempelherren oder entfernter liegende
Klöster, insbesondere solche des Cistercienser-Ordens, strehten
nach Landbesitz, wie wir dies sowohl für Walkenried 1) als
auch für Lehnin nachweisen können.

Langsam aher planmäfsig hewegte sich das Vordringen
der Xachfolger Albrechts des Bären. War es seinem Sohne
und Xachfolger Otto I. schon vor seinem Tode 1184 geglückt,
das Land Löwenberg zu erobern, so setzten dessen Söhne
Otto II. und Albreeht II. diese Eroberungen nacli Norden und
Nordosten fort. Auf der Nordseite gewannen sie das Land
Turne und auf der Ostseite drangen sie über Spandow auf
dem rechten Havelufer bis Bötzow vor. Vielleicht haben sie
schon die Havel überschritten, jedeufalls sind unter der that-
kräftigen Regierung Albrechts II. die Schlösser Liebenwalde,
Zehdenick (1210) und sogar Oderberg (1215 2) erbaut und
trotz mehrfaclxer Wechselfälle des Ivrieges dauernd behauptet
worden. Ungleich gröfser waren noch die Erfolge des Brüder-
paares Johann I. und Otto III. Sie vervollständigten den
Besitz des Teltow dnrcli Eroberung und brachten den Barnim
zwischen 1225 — 32 durch Kauf an sich. Auch die Ober-
Lausitz und das Land Stargard kam in ihren Besitz, die
Erstere durcli Heirath, das Letztere durch Krieg. Mit ganzer
Kraft liaben beide Markgrafen trotz der Eifersuclit habgieriger
Nachbaren, wie der Erzbischöfe von Magdeburg und schle-
sisclier Fürsten, die rasche Germanisation der so mühevoll ge-
wonnenen slavischen Gebiete durch Anlage von Städten, Burgen
und Dörfern zu fördern gesucht, wie solches bei der Bau-
geschichte der Mittelmark, II S. 21, bereits näher nachgewiesen
wurde.

Auf Pommerscher Seite wetteiferte mit ihnen in gleicliem
Streben der in Stettin residirende Fiirst Barnim, der als dux
Slavärum urkundlich oft genannt wird. Er war es, welclier
in dem waldreichen, aber schwach bevölkerten Ukerlande 1235
neben der alten Burg Prenzlau eine Stadt nach deutschem
Rechte anlegen liefs und ihre Einrichtung acht erfahrenen
Männern aus Stendal übertrug. Dafs diese Deutschen ihren
Auftrag glänzend erfüllt haben müssen, geht: aus der über-
raschenden Thatsache hervor, dafs fünfzehn Jahre später in
der Stadt bereits eine Klosterkirclie und vier Pfarrkirchen vor-
handen waren. Es ist dies um so bemerkenswerther, als die
Markgrafen Johann und Otto fast zwei Jahrzehnte lan'g mit
Herzog Barnim im Kampfe gelegen hatten, um ihre vom
Kaiser Friedrich II. 1231 gewonnene Lehnsholieit über Pom-
mern zur Anerkennung zu bringen. Erst im Jahre 1250 wurden
diese Kriege durch die Vermählung Johanns I. mit Hedwig,
der Tochter Barnims, beendigt, wobei der Markgraf von seinem
Schwiegervater als Brautschatz die Ukermark erhielt. Seitdem
wuchs die Einwanderung — alle Stände umfassend — irn
gröfsten Mafsstabe nach dieser Gegend, ja sie fluthete auf ver-
schiedenen Wegen bald darüber binaus, um jenseits der Oder
auch die Neumark zu besiedeln. An Cistercienser-Nonnen-
klöstern kamen drei zu Stande: Zehdenick 1250, Marienthür
bei Boyzenburg 1252, Marienwerder bei Seelrausen 1260, ferner
ein Mönchskloster desselben Ordens 1299 Himmelpfort, wäh-
rend von den Bettelmönchen, welche nur in volkreiclien Städten
leben und gedeilien konnten, die Franziskaner vor 1250 in
Prenzlau, bald nach 1250 in Angermünde sich niederliefsen
und die Dominikaner bald nach 1266 in Prenzlau ilir Kloster

1) Riedel XIII, 315.

2) v. llaumer, Landbuch der Neumark, S. 2.

begründeten. Um die Mitte des XIII. Jahrhunderts — hier
etwas früher, dort etwas später — fällt auch die Gründung
einiger Städte Avie Templin, Lychen 1248, Angermünde 1254,
Strafsburg, Gerswalde u. A.

Die gröfseren und volkreicheren Städte gewannen dann
mit Unterstützung der Landesherren das zu ihrer gedeihlichen
Entwickelung unentbehrliche Recht der Umwehrung und stellten
mit niclrt geringen Kosten ihre Ringmauern und Thore Her.
Unter ilmen Prenzlau sclion 1287, etwas später Templin und
Angermünde, zuletzt Strafsburg, im Anfange des XIV. Jahr-
hunderts. Im Zusammenhange clamit werden auch die Armen-
liöfe mit ihren St. Spiritus-Kapellen und die aufserhalb der
Städte angelegten Leprosenhäuser St. Georg oder Kranken-
häuser und Herbergen St. Gertrud erbaut. Ja, im Vollgefülile
der gewachsenen Kraft erheben sich einzelne Städte schon vor
Ablauf cles XIII. Jahrhunderts zu monumentalen Werken in
dem bis daliin ausscliliefslich bevorzugten Granitbau, welche
nie Avieder erreicht, geschweige denn übertroffen worden sind.
Die kostbare Westfront cler Marienkirche von Prenzlau, die an
siclr viel einfachere, aber clurch ihre Gröfse sehr hervorragende
Marienkirche zu Angermünde u. A. sincl für diese Richtung
von entscheidender Bedeutung. Man darf auch aus mehrfachen
Gründen vermuthen, dafs die Kirche des Prämonstratenser-
stiftes Gramzow, des reichsten aller Klöster der Ukermark,
rvelches um 1235 schon beendigt war, als eine Granitkirclie
in grofsem Mafsstabe uncl bester Technik ausgeführt gewesen
sein wird.

Bald aber vollzog sicli nach clem Vorgange einzelner
Stäclte wie Berlin und Frankfurt a. O., insbesondere cler so
nahe belegenen lierrlichen Klosterkirche von Chorin, auch hier
cler Epoche machende Umschwung von clem starren Granitbau
zu dem bilclungsfähigeren Backsteinbau, zumal es an gutem
Materiale fast nirgends fehlte. Die praktischen Bettelmönche
haben diesen Umschwung erheblich gefördert und der Wunsch,
in den kriegerischen Zeiten feuersichere Decken zu gewinnen,
hat sehr balcl auch die Städte veranlafst, ihre Pfarrkirchen zu
überAvölben. In clem letzten Jahrzehnt cler an den glänzendsten
Erfolgen so reichen Herrschaft des Anhaltinischen Fürsten-
hauses stellte sich die Staclt Prenzlau an die Spitze clieser Bau-
bewegung, inclem sie ihre erst vor Kurzem fertig gewordene
Pfarrkirche St. Maria gröfstentheils abtragen und clurch einen
wesentlich gröfseren und kimstlerisch hochvollendeten Neubau in
Ziegeln von 1310 — 40 ersetzen liefs. Hiermit war nicht nur
der Sieg in clem Kampfe zwischen Granit- und Backsteinbau
entschieden, sondern das Werk wirkte vorbildlich nacli innen
AAde nach aufsen weiter. In Prenzlau selbst wurden — zum
Tlieil schon gleichzeitig, zum Tlieil später — clie beiden Bettel-
mönchsklöster neu begonnen und vollendet, ferner die Mauern
verstärkt, die Thorthürme und Weichhäuser erhöht oder ganz
erneuert. In nächster Nähe erhob sich die grofse und eigen-
artige Klosterkirche Gramzow (1355 — 65) in neuer Gestalt,
aber in enger Anlehnung an St. Maria uncl clieser Einflufs
zeigt sich auch bei cler Marienkirche zu Strafsburg durch die
Erbauung des schönen dreischiffigen Langhauses mit liohem
Giebel in Backsteinen, während man den plattgeschlossenen
Chor und die zweithürmige Westfront, beide aus Granitquadern
erbaut, unverändert stelien liess. Ungleich stärker mächt sicli
aber jener Einflufs von St. Maria in Prenzlau fiir clie Chor-
bilclung der gleichnamigen Pfarrkirchen von Gransee und
Neu - Brandenburg geltencl, die beide cler zweiten Hälfte des
XIV. Jahrhunderts angehören, ja man kann ihn ohne Schwierig-
keit Aveit in clie Mittelmark und Neumark bis nach Pommern
hinein, hier nach Branclenburg und Frankfurt a. O., clort nach
Königsberg i. N. und scliliefslich nacli Stargard sicher verfolgen.

Dieser grofsartige, von einer Stadt ausgegangene Auf-
schwung verdient um so höhere Anerkennung, als er in clie
schweren Zeiten nach dem Aussterben der Anhaltiner, dem

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