Adler, Friedrich
Mittelalterliche Backsteinbauwerke des Preußischen Staates (Band 2) — Berlin, 1898

Seite: 81
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üSTordostansicht des Klosters, von welcliem aufser den heiden
Kirchen — der Ivloster- und Pfarrkirche — noch mehrere
einzeln stehende Gebäude, darunter eine gewölbte Kapelle
nördlich von der Klosterkirche, wohlerhalten waren. Aus der
Zeichnung sieht man, dafs die Klosterkirche entweder eine
Kreuzkirche war oder auf ihrer Nordseite, diclit am Chore,
eine hochgieblige, gewölbte Kapelle hesafs. Wahrscheinlicher
ist das Erstere, weil in der Q.uerachse nacli Süden liin ein
zweiter, noch höherer Kreuzgiehel sichtbar wird. Ferner war
ihr Ostchor polygonal beendigt und ilire Westfront mit
einem hohen, fialengeschmückten Giebel ausgestattet. End-
lich war sie sicher eine dreischiffige Hallenkirche mit einem
Langhause von drei Jochen. Befremden erregen wfirde das
Fehlen des noch lieut erhaltenen und die ganze Umgegend be-
herrschenden Oblongthurmes an der Westfront, wenn die oben
mitgetheilte Beschreibung des Pfarrers Hoppe nicht ausdrück-
lich sagte: „Der Thurm mag nie sein ausgebaut gewesen“,
d. h. er lag unter dem sehr hohen Dache, dessen Höhenmafs
wir aus den Besten noch ableiten können, so verborgen, dafs
man ihn von aufsen nicht. sah.

Unter Benutzung dieser litterarischen und zeichnerischen
Plilfsmittel hat sich auf der Grundlage der 1865 gemachten
Aufnahme der im Plolzschnitte mitgetheilte Grundrifs gewinnen

lassen, der als ein angenähert richtiges Bild des untergegan-
genen Werkes so lange dienen mag, bis eine Ausgrabung der
Fundamente den genauen Plan der alten Kirche geliefert liaben
wird. Sie war eine zweichörige, kreuzförmige Hallenkirche mit
dreischiffigem Polygonchore in fünf Seiten des Achteckes im
Osten und einem halbsechseckigen Polygonchörchen im Westen.
Das Langhaus hatte nur drei Joche und von ihnen war das
westliche des Mittelseliiffes durch das sechsecldge Kreuzgewölbe
des Westchores verdrängt worden. Hohe und schlanke Spitz-
bogenfenster mit Mafswerk waren vorhanden, ebenso absatzlose
— theils oblonge, theils sechseckige — Strebepfeiler und drei
reich gegliederte Giebel, von denen der im Westen stehende,
dessen imposanten Untertheil Blatt LXXXXII Fig. 2 darstellt,
etwa 81 Fufs breit und gegen 110 Fuls hoch war. 1)

Leider steht von dieser grofsärtigen Bauanlage nichts
weiter, als der bescheidene Baurest, welchen die Abbildungen
auf den Blättern LXXXXI und LXXXXII darstellen. Der
Grundrifs, Fig. 3 auf dem Ersteren, zeigt eine secliseckige, in
der Westmauer derartig angeordnete Kapelle, dafs die eine
Hälfte nach aufsen vorspringt und die andere in das Mittel-
schiff liineintritt. Ihre beiden Innenpfeiler sind einerseits mit
den letzten Schiffspfeilern so verschmolzen, andererseits durch
die über Eck gestellten sechseckigen Strebepfeiler so verstärkt
worden, dafs man auf die Absicht schliefsen mufs, dafs iiber
ihnen und den entsprechenden Gurt- und Tragebogen ein ob-
longer, mit dem Giebel verbundener Glockentliurm erbaut

1) Diese Mafse werden unter den Denkmiilern der Ukermark nur von denen
der Marienkirehe zu Prenzlau mit 92 Fufs Breite und 136 Fufs Höhe übertroffen.

werden sollte. Das noch stehende Mittelgeschofs dieses Thurmes
sieht man in den Fig. 2 und 4 von der Ost- bezw. der West-
seite. Zu ihm geliört ferner auf Blatt LXXXXII die Siid-
seite, Fig. 1, und die Westseite, Fig. 2, mit ihrem reich deko-
rirten, von einem grofsen Gurtbogen getragenen Giebel, der
einzige Theil des Thurmes, der einst sichtbar war. Der grofse
Mafsstab, die geniale Thurmanordnung und die Güte der
Technik sowie die ehenso mafsvoll wie glücklich gewählten
Yerhältnisse sicheru diesen wenigen Besten einen Ehrenplatz
in der Gescliichte der märkischen Baukunst und lassen den
Yerlust der ganzen grofsartigen Klosterkirche tief bedauern.

Für das Einzelne verdienen der Sockel der Westseite,
Holzschnitt oben links, und die Strebepfeiler des sechseckigen
Westchörchens eine Hervorhebung, weil die beiden äufseren
sechseckig gestaltet und diagonal gestellt sind. Die hier be-
findlichen Aufsenfenster sind, wie der Holzschnitt oben rechts

zeigt, selir streng und einfach behandelt worden und eine
gleiche Herbheit zeigen sowohl der östliche Aufsensockel (Holz-
schnitt links), als auch der innere liohe, aus einem Stück ge-
schnittene Innensockel (Holzschnitt rechts). Das Gleiclie gilt
fiir die Biindelpfeiler im Inneren, welche auf Blatt LAXXXI
Fig. 1 im Grund- wie Aufrisse veranschauhÄ; insbesondere
verdient die naive tellerartige Gestaltung der Kämpfer Beach-
tung. An dem nördlichen Fenster des Chörchens haben sich
wenige Beste des Mafswerkes noch erhalten, welche aufser der
guten Eintheilung mit Dreinasen die Zweitheiligkeit der Fenster
erkennen lassen. Der grofse Bogen unter dem Giebel ist
ebenso wie der untere östliche Bogen nach der Tiefe hin ohne
Verband gemauert — er besteht also aus zwei nebeneinander
gestellten Tragebogen •—, während die oberen Bogen des
Thurmes in dem Laibung-Verbande stehen. Die Bippenreste
sowie die Fragmente der Arkaden des Langhauses zeigen eine
schlichte, rechtwinkhge Profilirung, nur die Quergurtrippe —
leider aucli Fragment — der Xordseite über dem Schiffspfeiler
ist gebündelt profilirt. Auffallender Weise war das Chörchen,
wie aus den Aussparungen fiir die Kappen hervorgeht, zwar
auf Ueberwölbung angelegt worden, indessen scheint sie nicht
zur Ausführung gelangt zu sein.

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