Adler, Friedrich
Mittelalterliche Backsteinbauwerke des Preußischen Staates (Band 2) — Berlin, 1898

Seite: 82
DOI Seite: Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/adler1898bd2/0096
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen Nutzung / Bestellung
0.5
1 cm
facsimile
82

Von besonderer Wichtigkeit ist der Rest des alten impo-
santen Westgiebels dadurch, dafs seine Verstärkungspfeiler —
vergl. Fig. 2 auf Blatt LXXXXII — zweitheilige Blenden be-
sitzen, welche nicht als Belief behandelt sind, sondern völlig
abgelöst frei vor der Wand stehen. Hieraus, wie aus der
ganzen kühnen Frontgestaltung, dem grofsen Mafsstabe und
vielen anderen Zügen ersieht man deuthch, dafs dieser Theil
der Klosterkirche unter dem Einflusse des benachbarten Riesen-
baues der Marienkirche von Prenzlau gestanden hat und des-
halb mit Sicherheit bald nach 1350 zu setzen ist, wo das
Kloster wieder unter die Herrschaft Pommerns und damit seines
alten fürstlichen Gönnergeschlechtes kam. Auf der anderen
Seite erkennt man, dafs die Osttheile der Marienkirche von
Gransee, insbesondere der grofse und reich gegliederte Ostgiebel
wieder von Gramzow her beeinflufst worden sind. Als ein
weiterer, sehr ähnlicher, aber in künstlerischem Sinne docli
schwächerer Ableger kann auch die Marienkirche von Neu-
Brandenburg genannt werden.

Steinformat: 1. am Inneren des Chörchens 11, 5 und
4 Zoll; 2. an einer anderen Stelle daselbst 10 9U, ö Vs und
4 Zoll; 3. im Nordwestächsel 10 7/s, 5Vs und 4 Zoll.

III. Klosterkirche zu Himmelpfort.')

In dem südwestlichsten Theile der Ukermark und in der
Nähe des Städtchens Lychen gründete Markgraf Albrecht III.
1299 ein Cistercienser-Mönchskloster und stattete es mit einem
genügenden Güterbesitze aus. Der Konvent kam aus Lehnin,
wo damals des Stifters Bruder Ottoko bereits als Mönch lebte
und dort vier Jahre später starb. Obschon des Stifters Nach-
kommenschaft und Verwandtschaft dem Kloster fortdauernd
ihre Gunst bewahrte, wobei auch die Fürsten von Mecklenburg
mehrfach als Wohlthäter sich betheiligten und das Mutter-
kloster Lehnin kraft seiner Erfahrung die Entwickelung stets
zu fördern gesucht hat, so hat dennoch das Kloster, dessen
Bau erst nach 1310 vollendet wurde, 1 2 3) trotz eines grofsen
Landbesitzes nicht eine solche einflufsreiche Stellung gewonnen,
wie sie Chorin früli erlangt und über zwei Jahrhunderte lang
behauptet hat. Man sieht das auch an der Baukunst, obschon
wenig genug davon vorhanden ist. 8)

Die backsteinerne Kirche war wahrscheinlich eine drei-
schiffige, gewölbte Hallenkirche mit dem erhaltenen einschifflgen
und einjochigen Langchore, welclier in einem Polygone von
fünf Seiten des Zehneckes schliefst. Schlichte, absatzlos auf-
steigende Strebepfeiler und sclunale Spitzbogenfenster einst
zweitheilig — sind vorhanden, doch fehlt das ganze Langhaus
oder ist vielmehr durch einen mit Strohdach verselienen und
aus alten Ziegeln hergestellten Speicheranbau ersetzt. Das
Brauhaus ist ein grofses oblonges Gebäude — gleichfalls in
Ziegeln errichtet — mit hochragenden, aber pfeilerlosen Giebeln,
welche nur durch sieben schlanke, zweitheilige Spitzblenden
belebt sind. Jetzt dient es als Kornspeicher.

IV. Klosterkirche zu Zelidenick. 1)

Der Ort Zehdenick wird urkundlich als Dorf mit Kirche
1211 genannt; Stadtrecht soll er etwa 1240 erhalten haben,
doch tritt die Bezeichnung als Stadt erst 1281 ein. Im Jahre
1250 wird, wie Angelus überliefert hat, s) das heilige Blut in

1) Urkunden bei Eiedel XIII, S. 8 — 128. — Sorgfältige Monographie des
Klosters von Kirchner in den Märk. Forschungen, Bd. VI, S. 1 —102.

2) Sello, Lohnin S. 134.

3) Abbildungen der Kirche und des Brauhauses bei Kirchner 8. 1 ff.

4) Urkunden bei Riedel XIII, S. 128—165. — Monographie des Klosters
von Kirchner in den Märk. Forschungen V, S. 109 —183.

5) Angelus Ann. March. S. 102.

einer vergrabenen Hostie entdeckt und dadurch erwächst Zeh-
denick zum vielbesuchten Wallfahrtsorte. Auf den Rath des
Lektors der Franziskaner zu Berlin, Hermann de Langele,
wird dann nocli in demselben Jahre von den Markgrafen ein
Jungfrauen-Kloster des Cistercienser-Ordens errichtet, welches
sehr lange bestand und erst 1542 aufgehoben wurde. 1) Bei
dem grofsen Stadtbrande 1801 ging aucli die Klosterkirche in
Flammen auf und wurcle später, mit Ausnahme eines Stückes
der Nordmauer, abgetragen. Der zweigeschossige Ostflügel des
Klosters, ganz aus Granitquadern erbaut und sicher dem
XIII. Jahrhundert entstammend, ist noch wohlerhalten und
trotz seiner Dachlosigkeit eine Ruine von grofser Wirkung. 2)
Gleichfalls erhalten, aber zu Wolmzwecken ausgebaut, ist der
backsteinerne Nordflügel, welcher das zweiscliiffige überwölbte
Refektorium mit Ziegelpfeilern und plastisch dekorirten Sehlufs-
steinen mit Konsolen bewahrt. Er besitzt alle Merkmale eines
Baues vom Schlusse des XV. Jahrhunderts.

V. Klosterkirche zu Seehausen.

Wann und von wem dieses Cistercienser-Nonnenkloster
unter dem Titel Marienwerder des Ober-Ukersees gestiftet
wurde, ist unbekannt. Jedenfalls war es 1263 schon vor-
handen 8) und hat 1277 einen Bufserlafs für diejenigen erhalten,
welche seinem Mangel an Gütern abhelfen würden. 4) Mit dem
Kloster Zehdenick trat es 1330 in geistliclie Schwesterschaft.
Nach der Reformation wurde das Kloster aufgelioben und
1607 erhielt das Gymnasium zu Joachimsthal einige seiner
Güter, darunter Seehausen selbst zur Dotation. Jetzt sind —
1865 — nur noch wenige Pfeilerreste und Fundamente er-
halten, die nichts sicheres mehr erkennen lassen.

Die Städte und Dörfer der Ukermarlt.

A. Die Stadt Prenzlau.

Historisches.

In der Bestätigungs-Bulle des Papstes Clemeus III. für
das Bisthum Camin von 1186 5 6 7 8) heifst Prenzlaw eine Burg mit
Markt und Krug ('castri Prenzlaw cum foro et laberna et omnibus
suis appendiciis), wobei auffallend bleibt, dafs keine Kirche er-
vähnt wird. Im Jahre 1235 erklärt der Slavenherzog Barnim
urkundlich, dafs er sich entschlossen habe, in „Prencelaw“ eine
freie Stadt zu erbauen und zwar zu beiden Seiten der „Uckera
Indem er zu diesem Zwecke eine grofse Hufenzahl aussetzt
und das zur Errichtung der Mülilen erforderhche Wasser be-
willigt, verleiht er der durch acht erfahrene Männer aus Stendal
einzurichtenden Stadt das Magdeburger Reclit und gewährt den
Kaufleuten in seinen Landen volle Zollfreiheit. °) Alles dies
bestätigte Markgraf Johann 1., nachdem er 1250 Landesherr
geworden war, indem er die Hufenzalil fast verdoppelte und
aufser dem Geschenke von einem ganzen und einem halben
See weitere Einkünfte aus dem Kaufhause überwies. In Folge
dieser seltenen Ausnahme-Verhältnisse ist Prenzlau unter allen
märkischen Städten mit der gröfsten Feldmark, 550 Hufen,
ausgestattet worden, denn Frankfurt a. O. hatte 184 Hufen 7)
und Berlin nebst, Cöln nur 166 Hufen 8) erhalten. Auf der

1) Abbildung bei Merian a. a. O. S. 114.

2) Abbildung bei Kirchner S. 174.

3) Dreger, Cod. Pom. I, S. 469.

4) Kiedel XIII, S. 484.

5) Dreger, Cod. Pom. diplom. I, S. 44. Daa Datum 1183 bei Dreger kann
nicht richtig sein, weil Clemens erst 1187 auf den Thron geiangte.

6) Kiedel XXI, S. 87.

7) Wohlbrück, Geschichte des Bisthums Lebus I, 394.

8) Fidicin, Diplomatische Beiträge V, XXII u. XXIII.
loading ...