Adler, Friedrich
Mittelalterliche Backsteinbauwerke des Preußischen Staates (Band 2) — Berlin, 1898

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cliensten gestaltet worden. Fig. 2 desselben Blattes stellt sie
im Yereine mit den Wanddiensten an den Stirnseiten der
Strebepfeiler dar. Die Sockel sind polygonal geformt und
tragen kräftige, aus Platte und Welle besteliende Basen. Auf-
fallend klein und wirkungslos ersclieinen die Kämpfer; selbst
an den Diensten, die nach. dem Mittelschiffe gerichtet sind und
aufrecht stehende Blätter als Halsschmuck zeigen. Ob hier
nicht eine irrthümliche Wiederherstellung auftritt, ist fraglicli,
aber unwahrscheinlich, weil auch breitere Quergurte, die man
erwarten sollte, schon fehlen. Die durchweg von Birnenrippen
getragenen Kreuzgewölbe sind sicher nocli die alten, denn
wären sie nach dem grofsen Brande von 1483 erneuert, so
hätten sie eine hochbusigere Form erhalten. Für Ableitung
des Wassers in den Gewölbekesseln nach innen zu ist durch
Thonröhren gesorgt.

Leider wird die Wirkung des Inneren dadurch empfindlich
geschädigt, dal's man den ehrwürdigen Ziegelrolibau mit einer
blassen Kalkmilchsclilemme nebst erbsfarbenen Fugen über-
zogen hat, welche wahrscheinlich alte, durch den Einbau von
Emporen im XVI. Jahrhundert erfolgte Beschädigungen ver-
decken und die Farbenverschiedenheit der Ziegel ausgleichen
sollte. 1) Denn dafs das ganze Innere einst in Rolibau her-
gestellt war, erkennt man sowohl an der seltenen Güte der
Steine, als auch an der musterhaften Mauertechnik mit ab-
gestrichenen Fugen.

Den Gipfelpunkt der äufseren Erscheinung bildet die Chor-
facade, welche — auf Blatt LXXXXV dargestellt — durch
die Ivühnheit der Grundiclee sowie durch clie technische Sicher-
Iieit, mit welcher sie gelöst wurcle, clie Genialität ihres Meisters
seit fünf Jahrhunderten bezeugt. Er ist es gewesen, der den
Versuch machte, den Hauptgedanlcen der Strafsburger Münster-
front, eine gedoppelte Facacle zu schaffen, im Backsteinbau zu
wiederholen. Xirgends sieht man solche Gegensätze Avie hier
zwischen clem schlichten Unterbau uncl clem reichen, von unten
bis oben keck clurchbrochenen Giebel. Langsam, aber wohl
überlegt treten unten die glasirten Ziegel auf, um oben in
meisterhaft geschickter Vertheilung den Reichthum cler Formen
durch den Glanz der gesättigten Farben zielbewufst zu steigern-

Einer näheren Beschreibung bedarf es nicht, weil diese
herrliche Front durch clie beiden Blätter LXXXXV und
<j$XXXXVI vollständig zur Anschauung gebracht wird. Sie
bildet den würdigsten Abschlufs für die sehr einfach, aber
harmonisch durchgebildeten Facadensysteme des Aeufseren,
welche Blatt LXXXXIV Fig. 3 mit der Südseite veransdb.au-
licht. Der aus quadratischen Fialen und dreitheiligen Zier-
giebeln in trefflichen Verhältnissen zusammengesetzte durch-
brochene Laufgang iiber dem Hauptgesimse wurde auf Blatt
LXXXXVII Fig. 5 in seinen Einzellieiten wiedergegeben und
bedarf ebenfalls keiner Beschreibung. Die grofsen und schönen
glasirten Plattenfriese an der Nordseite und an der südlichen
Eingangshalle zeigen die Fig. 1 und 3 auf Blatt LXXXXIII
wie die Fig. G, 10 und 11 auf demselben Blatte verschiedene
Sockel und Gesimse darstellen. Zu den hervorragenden Einzel-
heiten gehören auch noch einige Xebenportale sowohl an der
Xord- wie an der Siidseite. Von ihnen ist das Letztere,
welclies in der Vorhalle zur St. Margareten-Ivapelle sich be-
findet und früher direkt in das stidliche Seitenschiff fiihrte,
wegen seiner ebenso strengen wie schönen plastischen Durch-
bildung zur Darstellung gelangt. Blatt LXXXXIII Fig. 4
zeigt den Grundrifs und Blatt LXXXXIV Fig. 3 den Aufrifs
nebst der wiederholten Andeutung des Profiles der Gewände.
Das innere Portal der nördhchen Vorhalle steht dem Süd-
portale, welches leider sehr verwahrlost ist, würdig zur Seite
und ist besser erhalten. Von den angebauten Kapellen wurden

1) Es mufs als eine Ehrenpflicht der kirchlichen Organe bezeichnet werden,
diese gedankenblasse Färbung so bald als möglich zu beseitigen und den alten
Kunstcharakter im Rohbau wieder herzustellen.

zwei berücksichtigt: die Nordkapelle und die Kapelle St. Chri-
stoph, welclie jetzt als Sakristei dient. Die in iliren Ver-
hältnissen wohl abgewogene und reich gegliederte Facade der
Ersteren zeigt Fig. 2 auf' Blatt LXXXXVII.
Dafs die Kapelle ein späterer Zusatz ist, be-
weist ihre Technik wie ihre Durchbildung.
Vergl. das Eingangsprofil Blatt LXXXXIH
Fig. 5. Statt der mächtigen Granitplinthe der
Kirche — vergl. den Holzschnitt — tritt hier
eine Ziegelplinthe auf und die Strebepfeiler,
sowold die unteren viereckigen an den Ecken,
als auch die oberen achteckigen an dem aus
dreitheiligen Ziergiebeln und Fialen hergestell-
ten Giebel sind durch Rundstäbe, Ivonsolen
und kleine Spitzgiebel fast überreich dekorirt.
Die liier auftretende Stilfassung ist von der an der Kirche
festgehaltenen so verscliieden, dafs man die Kapelle in den
Anfang des XV. Jahrhunderts, etwa 1410—-20 setzen darf. 1)
Die Südfront der St. Christophs-Kapelle veranschaulicht Fig. 1
des Blattes LXXXXVII, um die Talentlosigkeit ihres Urhebers

in der unharmonischen Komposition des Ganzen und den
raschen kiinstlerischen Verfall in den Einzelheiten der spät-
gothischen Baukunst zu zeigen. Das Innere besitzt die gleichen
Schwächen wie das Aeufsere, wie die beiden selir dicken Wand-
dienste beweisen, auf denen die Birnenrippen der bochbusigen
Kreuzgewölbe ohne Quergurte aufsetzen. Auch sind die zwei-
theiligen Spitzbogenfenster schon im Inneren fiachbogig über-
deckt; alles Kennzeichen vom Schlusse des XV. Jahrhunderts.
Unmittelbar daneben liegt eine dreijochige Kapelle mit über-
wölbten Wandnischen, welche jedenfalls beträchtlich älter sein
mufs, die aber bald nach ihrem Entstehen mit der südlich
angeschlossenen Margareten - Kapelle zu einer Einheit ver-
schmolzen worden ist. Die Erstere kann, wie ihre kräftLen

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und sicheren Formen lehren, noch dem Schlusse des XIV. Jahr-
hunderts entstannnen, wo Altarstiftungen für St. Maria bezeugt
sind. Die Letztere ist — wie besonders die Westseite er-
kennen läfst — in sehr viel derberen Forinen später angebaut
worden.

Dafs während des Betriebes an den östlichen Theilen ein
Mal eine Stockung eingetreten ist, sieht. man an der Nordseite,
wo am dritten Strebepfeiler der Granitsockel plötzlich aufhört
und ein Wandstück mit Ziegelplinthe beginnt. Erst in dem
nächsten Joche, mit dem eingehauenen achteckigen Treppen-
thurme fängt der Granitsockel wieder an, aber in viel tieferer
Gleiche und reicht bis zu dem diagonalen Eckstrebepfeiler.

Die zweithürmige Westfront ist ein überaus stolzes Werk
des Granitbaues und hat zweifellos als würdiger Abschlufs der
dahinter belegenen grofsen Basilika des gothischen Uebergangs-
stiles ganz in demselben spröden Materiale, aber in gesteigerten
Bauformen durchgeführt werden sollen. Die mit lesinenartig
flachen Strebepfeilern besetzten Tliürme sind vier Geschosse
Iioch, der Mittelbau drei Geschosse hocli in der besten Technik
und mit ausgesuclltem Materiale zur Ausführung gelangt, wo-
bei man einzelne Geschosse sowohl an der Front als an den
Langseiten (die Thürme sind oblong) mit grofsen spitzbogigen
Wandblenden in zartestem Relief schmückte. Es geschah dies
in offenbarer Anlelmung an niederrheinische Vorbilder, die
schon lange vorher in Cöln — Ostthürme von St. Gereon —
und in anderen Plätzen entstanden waren. Ein wahres Pracht-
stück der Granitbaukunst ist das fünffach abgestufte Haupt-
portal, welches nicht. nur Kämpferkapitelle und Basen, sondern
sogar schmale Rundstäbe an den Arkaden erhalten hat. Ebenso
vollendet sind die Absatzecken an den in jedem Geschosse
sich verjüngenden Strebepfeilern sowie das grofse Kreisfenster
über dem Hauptportale durchgeführt. Man darf die Front

1) Die Stilfassung der Frohnleichnams-Kapelle an der Katbarinen-Kirclie
zu Brandenburg hat möglicher Weise auf diesen Kapellenbau eingewirkt.
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