Adler, Friedrich
Mittelalterliche Backsteinbauwerke des Preußischen Staates (Band 2) — Berlin, 1898

Seite: 88
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die alte Kapelle ist seit längerer Zeit zu einem Spitale für
alte Frauen umgebaut worden. Es ist ein einfacher, ein-
schiffiger Oblonghau, der — wie es scheint — im XIV. Jahr-
liundert einer durcligreifenden Umgestaltung unterzogen sein
mufs, weil der alte, aus kubischen Granitquadern mit zwei
abgestuften Ziegelportalen und ebensolchen Fenstern errichtete
Bau, nach Abtragung seiner Obertheile, vollständig in Back-
steinen neu vollendet worden ist. An der Westfront — Blatt
LXXXXVII Fig. 3 — hat sich noch das alte Granitportal
erhalten, aber darüber erhebt sich über der einst mit zwei
Fenstern ausgestattet gewesenen Unterwand der einfach, doch
geschickt mit einem oblongen massiven Glockentliürmchen
geschmückte Giebel, in dessen Gestaltung und Durclibildung
eine besondere künstlerische Kraft, wie sie bei so kleinen Auf-
gaben selten hervortritt, sicli offenbart. Auch die treffliche
Erhaltung des Ganzen, denn es fehlt nur das hier in der
Zeichnung . hinzugefügte Obergescliofs mit den Giebeln des
Thürmchens, bezeugt die liebevolle teclmische Sorgfalt, welche
liier obgewaltet hat. Massive, cfiagonal gestellte Fialen be-
grenzen die Ecken, zwischen ilinen stehen fensterartig durch-
gebildete und besonclers umrahmte Blendgruppen, welclie von
der Hinterfront frei abgelöst worden sind, um tiefe
Schatten zu erzeugen. In gleiclier Weise sind clie beiclen
Bundfenster angelegt worden, cloch fehlen leider jetzt die Mafs-
werke. Die Ecken des Thürmchens wurden mit Bundstäben
besetzt und seine Vorderwand mit einem zweitheiligen Fenster
und ebensolcher Blende darüber ausgestattet. Zuletzt erhielten
die Giebelschrägen den seltenen Schmuck von flach geschnit-
tenen Krabben, so dafs ein merkwürdiger Beichtlium an be-
vorzugter Stelle sich entfaltet.

Sehr viel einfacher gestaltet ist clie von cler Heerstrafse
nicht sichtbare Ostseite, clenn hier besitzt der Unterbau nur
clrei kleine, dreifach abgestufte, gotliische Fenster, gruppirt ge-
orclnet und ohne Profile und cler Giebel zwei Beihen spitz-
bogiger Blenden übereinander. An jeder Langseite ist noch in
Folge eines mittelalterlichen Umbaues eine zweifach gestufte
Ziegelpforte vorhanden. Der Kern entstammt dem Encle des
XIII. Jahrhunderts; der Westgiebel ist in die zweite ITälfte
des XIV. Jahrhimderts zu setzen.

clie Fenster naehträglich eingebrochen sind, was an der restau-
rirten Südmauer weniger deutlich ist, so darf man mit Sicher-
lieit schliefsen, clafs aufser den beiden Granitpforten im Norclen
ursprünglich nur scldichte, gesclimiegte Granitfenster überliaupt
vorhanden waren. Trifft dies zu — uncl die Entsclieidung
haftet an der Untersucliung der clrei Fenster in der Ost-
mauer —, so gehört der Bau sicherlich noch in Jie zweite
Hälfte oder gar in clie Mitte des XIII. Jahrhunderts und bildet

dann ein wichtiges Seitenstück zur Franziskaner-Kircke.

Die Westfront ist ähnlich verbaut wie die Ostseite, doch
erkennt man auch hier mit Sicherheit die Thatsaclie, dafs der
Giebel gleichzeitig und sehr älmlicli mit dem Ostgiebel erbaut
worden ist. Auch er besafs sieben doppelt gestufte Spitz-
bogenblenden — mit Nasen an den inneren Spitzbogen —
und wurde von doppelten Sägeschichten eingerahmt. Vergl.
Blatt LXXXXVIII Fig. 2. Sein Obertheil ist leider in
späterer Zeit halbroh dadurch umgestaltet woi'den, dafs man
die drei mittleren Spitzblenden mit hellrotlien Steinen zu-
gemauert hat, um dann ein achteckiges, zweigescliossiges und
reich gegliedertes, aus rothen und grünglasirten Steinen er-
bautes Giebelthürmchen darauf zu stellen. Der jetzige back-
steinerne Helm ist schwerlich der alte; seine Nüchternheit
steht in allzugrofsem Gegensatze zu dem von Talent und Er-
fahrung zeugenden Unterbau. Vergl. den Grundrifs Fig. 3.
In späterer Zeit — etwa in der zweiten Hälfte des XV. Jahr-
hunderts — hat man auch in

der längs der Strafse liegenden
Südmauer aufser einem grofsen
Fenster und zwei Flachbogen-
blenden ein stattliches Haupt-
portal nachträglich angelegt,
dessen reiches, aber sehr nüch-

h) Kapelle St. Spiritus.

Dieses Gotteshaus, für den Armenhof der Stadt und des-
halb innerhalb der Manern gröfstentheils aus Granit erbaut,
bildet ein schlichtes Oblong ohne Clior und ohne Gewölbe,
aber hat auffallende Mafse, insbesondere in der Breite. Leider
ist die Wirkung des Aeufseren durch angebaute Häuser, welche
westlicli wie östlicli dicht lierantreten, schwei' beschädigt und
jede eingeliende Prüfung behindert worden. Die alten Ein-
gänge lagen auch hier wie bei der Franziskaner-Kirche in den
Langseiten -— zwei Granitpforten im Norden — und die noch
offen gehaltene Hauptpforte befindet sich im Süden. Das Innere
ist überreichlich beleuchtet durch acht hochsitzende, zweitheilige,
init Mafswerk ausgestattete Fenster —- vier in jeder Lang-
seite —, deren Zahl aber wahrscheinlich auf elf zu schätzen
ist, weil die platte Ostmauer gewifs drei ebensolche Fenster
noch heute vermauert bewahrt. x) Der zum Theil noch sichtbar
gebliebene Ostgiebel besitzt fiinf spitzbogige, zweifach abgestufte
Blendnischen innerhalb eines hohen Dreiecks, welches in der
Grundlinie wie in den Seiten mit einer Sägeschicht wirkungs-
voll dekorirt war. Zu diesem alterthümlichen Motive gesellt
sich noch das Zweite, dafs die inneren Blenden Nasen besitzen
und die ganze Anlage der Strebepfeiler entbehrt. Und weil
an der Nordseite die Thatsache deutlich erkennbar ist, dafs

1) Die ganze Anlage erinnort an die Heilige Geist-Kapelle zu Berlin —
vergl. Blatt LXXII Fig. 1 — 4 — und ist sicher gleichzeitig erbaut worden, doch
lassen sich die Analogien im Einzelnen nicht mehr verfolgen.

tern gezeichnetes Profil der Holzschnitt links veranschaulicht.
Ob die daneben angelegte Zwerg-Blendgallerie von Ziegeln —
Holzschnitt rechts — damals auch liinzugefügt wurde, ist
zweifelhaft.

i) Ringmauer und Thore.

Wie so viele andere Städte ist auch Prenzlau bald nach
seiner Umwandiung in eine deutsche Stadt befestigt worden,
und zwar in vorläufiger Weise durch Wälle, Gräben und
Plankenzäune. Aber nachdem der Stadt von den Markgrafen
Otto und Conrad 1287 das Befestigungsrecht verliehen worden
war, ist man zum Feldsteinbau übergegangen, doch erhielt nur
die Altstadt diese starke Büstung, die Neustadt hat bis 1719
die alte Umwehrung mit Wällen und Gräben besessen.

Die Altstadt erhielt vier Thore und ihre fast 30 Fufs
hohe Bingmauer gegen 60 Thürme und Weichhäuser. Ab-
bildungen der Befestigung finden sicli bei Merian S. 83 und
im Manuskripte des Petzold. 1) Einen besonders interessanten
Mauerabschnitt, welcher nicht nur mit starken Weichhäusern,
sondern aucli mit Pechnasen-Erkern besetzt war, hat Stiiler
im Mai 1831 gezeichnet und es ist mir eine besondere Freude,
denselben nach einer von mir 1860 angefertigten Kopie im
nächsten Holzschnitt hier mittheilen zn können. Das Stein-
tlior und das Blindower Thor besafsen Vortliore und Vorhöfe,
das Neustädter Tlior nur ein Vorthor, welehes schon 1627

1) Gute Darstellungeu aus dem jetzigen Bestande hat Bergau geliefert auf
Tafel VIII Fig. 221, 223 und 224 sowie auf S. 603 Fig. 222.
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