Adler, Friedrich
Mittelalterliche Backsteinbauwerke des Preußischen Staates (Band 2) — Berlin, 1898

Seite: 91
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Vergl. den Längenschnitt Fig. 2 und die Grundrisse Fig. 6 u. 7.
Die Stadtfront — Fig. 1 — ist durch langgestreckte Blenden
und gruppirte Fenster reicli gegliedert, es felilt sogar nicht an
hescheidener Verwendung von Formsteinen aus Rundstäben und
Krahhen bestehend, wie dies Fig. 5 — Detail der Fialen — ■
erkennen läfst. Zum Unterbau sind his fast zur Höhe des
ersten Stockes kubische Granitquadern verwendet worden, wäh-
rend der ganze Oberbau aus Ziegeln besteht. Dahei ist die in
allen Geschossen konsequent durchgeführte Ausnischung der
längeren Seitenmauern mit flachhogig überdeckten Blenden be-
merkenswerth. Mit dem Tliore unmittelbar verhunden ist ein
Stück der Ringmauer erhalten, welche noch als seltenen Fall
ihre Zinnenkrönung bewahrt hat. Der nebenstehende Holzschnitt
stellt sie im Aufrisse und Durchschnitte dar. 1) Die aus Feld-
steinen in abgeglichenen Schichten erbaute Mauer hat eine
Höhe von 21 Fufs bei einer Grundstärke von 4 Fufs 77-2 Zoll.
Die oberste Breite beträgt 2 Fufs 3 Zoll, dann beginnen zwei
Backsteinschicliten und auf ihnen erliehen sich die 3 Fufs
8 Zoll breiten Zinnen, deren Scharten 2 Fufs 4 Zoll breit sind.
Fin Wehrgang war an dieser Streclce nicht vorhanden. Das
Steinformat am Thore beträgt: 107a —11, 5'U und 37-4 bis
37-2 Zoll. Von dem früher vorhanden gewesenen Aufsenthore
sind keine siclitbaren Reste mehr vorhanden.

d) Das Mühlenthor.

Das im Norden liegende Miihlenthor — Blatt CI Fig. 3,
10, 11 und 12 — ist, abgeselien von den Hauptmassen in
der Grundrifsbildung und in dem Aufbau, dem Berliner Tliore
so eng verwandt, dafs nicht nur auf eine gleiche Bauepoche,
sondern auf einen und denselben Meister mit Sicherheit ge-
schlossen werden kann. Die vollste Uebereinstimmung herrscht
in den Grundrissen, besonders durch die Ausgestaltung der
Feldseite mit den Fallgatterschlitzen, dem hoch belegenen
ofFenen Wehrgange mit gezinnter Brustwehr und Gufskanal.
Etwas verschieden sind sowohl die Höhen bis zum Firste —
71 Fufs am Berliner Thore und 657s Fufs am Mühlenthore —
und daraus entspringen sowohl die Umrifslinien, als auch clie
Aufrisse der Stadtseiten, wie dies die Fig. 1 und 3 erkennen
lassen. Das Mühlenthor hat aufser dem Giebelstocke nur drei
Geschosse gegen vier des Berliner Tliores, doch sind die Ge-
schosse höher und statt der durchgehenden, die Vertikale be-
tonenden schlanken Blenden am Berliner Thore, ist hier am
Mühlenthore als hesonderer Kunstschmuck der aus der Mittel-
mark (Chorin und Eberswalde) stammende Thonplattenfries von
dreitheiligen, senkreclit stehenden und spitzbogig umrahmten
Blättern gürtelartig drei Male verwendet worden. Vergl. Fig. 3
Stadtseite mit Fig. 10 Detail. Die Fensterbildung ist bei
beiden wieder eng venvandt, aber die Paarung der bis zum
Giebelabsatze herabsteigenden viereckigen Fialen stellt ein neues
Motiv dar. Der sclilichte, fast rohe Abschlufs, den Fig. 4
veranschaulicht, ist sicherlich modern.

Steinformat: 10 74 —11, 577 — 577 und 37* ZolL

Oestlich neben dem Thorthurme befand sich früher eine
breite Spitzbogenpforte, wie solche noch am Prenzlauer Thore
vorhanden ist — vergl. Blatt CII Fig. 10 — und daran schlofs
sich liier wie dort ein langer von Mauern eingefafster Hof,
welchen Merian’s Prospekt von 1052 deutlicli erkennen läfst,
nur ein kleiner aber uninteressanter Theil seiner Nordmauer
steht noch am Platze.

e) Das Prenzlauer Thor.

Dieses im Osten belegene Thor, das werthvollste von allen,
ist auf Blatt CII Fig. 1 —10 dargestellt. Wie der Grundrifs
Fig. 10 lehrt, bestand dasselbe: 1. aus dem inneren quadra-
tischen, vor die Ringmauer vortretenden liohen Thorthurme —

1) Die treflfliche Aufnahme verdanke ich Herrn Bauinspektor Prentzel.

Innenthor — nebst der breiten, spitzbogigen Nebenpforte,
2. dem sehr langen, schräg geführten und dann geknickten
ersten Vorhofe, der den nassen Graben überschritt, 3. dem
niedrigen, zweipfortigen, oblongen Vortliore — Aufsenthor —
und 4. dem Aufsenhofe, welcher, rings von Mauern um-
schlossen, mittels einer breiten, rundbogigen Pforte nach dem
Felde hin sich öffnete. 1) Der innere grofse Thorthurm ist in
den Mafsen und Grundrissen sowie in der Durchbildung dem
am Berliner Thore stehenden so eng verwandt, dafs man ge-
neigt sein könnte, an eine Gleichzeitigkeit zu denken. Dennocli
scheint der Prenzlauer Thurm um deswillen etwas älter zu sein,
weil er die struktive Anlage für ein Fallgatter nach der Feld-
seite schon besitzt, freilich noch unentwickelt, da der obere
Wehrgang fehlt. Daher ist dieser Thorthurm sicher der älteste,
was auch daraus hervorgeht, dafs seine Seitenmauern bis auf
eine Höhe von 36 Fufs noch aus Granitquadern erbaut sind.
Die Stadtseite und den Querschnitt geben Fig. 5 und 6 zu
erkennen. An dem Giebel der Stadtseite ist die Anordnung
von Krabben und die Verwendung von Rundstäben an den
Fialendecken bemerkenswerth. Die Krönungen und Fialen sind
modern.

Für das Vorthor sind die Grundrisse Fig. 3 und 4 mafs-
gebend. Aus ihnen ersieht man, dafs es sich hier um eine
zweigeschossige Anlage handelt, welche im Erdgeschosse mit
rundbogigen Doppelpforten von grofser Breite, über 10 Fufs,
im Obergeschosse mit einem saalartigen Raum ausgestattet war,
der nach aufsen nur zwei schmale, nach innen aber vier breitere
Scharten besafs. Vergl. Fig. 7 den Querschnitt mit Fig. 8 der
Seitenansicht und Fig. 9 der Feldseite. Der Querschnitt läfst
auch gleichzeitig die rundbogige Nischenstruktur der Südmauer
cles inneren Vorhofes erkennen.

Steinformat: 1. am Thorthurme 107s —10 72 , 5 und
372 Zoll, 2. am Vorthore 11, 5 und 3'L — S 3U Zoll.

Bedauerlicher Weise ist cliese nicht blofs für die Mark,
Sondern für Norddeutschland hochbedeutsame Bauanlage vor
wenigen Jahren in banausischer Weise derartig umgebaut wor-
den, dafs man den ganzen Vorhof überdacht und zur Erfüllung
stadtwirthschaftlicher Zwecke (Spritzenhaus u. A.) eingerichtet
hat. Damit ist selbstverständlich der alterthümliche und bau-
geschichtlich so wichtige Kunstcharakter verniclitet worden. 2)

Wie völlig anders noch vor kurzer Zeit der Anblick von
der Stadt aus gesehen war, lelirt der Holzschnitt, welcher nacli

1) Die Frage, ob nicht noch eine Nebenpforte früher existirt habe, liefs
sich 1865 nicht sicher entscheiden, weil damals ein kleines, nun verschwundenes
Häuschen hindernd dort stand. Da mit dein Letzteren auch die alten Mauerreste
beseitigt worden sind, so ist jetzt eine Fntscheidung ganz unmöglich.

2) Ein Schaubild des Aeufseren nach dem Umbau bei Bergau S. 754.
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