Adler, Friedrich
Mittelalterliche Backsteinbauwerke des Preußischen Staates (Band 2) — Berlin, 1898

Seite: 93
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facli abgestufte Hauptportal, welclies ebenfalls aus sauber ge-
stockten Granitblöcken liergestellt ist.

Tn späterer Zeit, doch noch im XIY. Jahrhundert, ist die
alte Kirche durch einen umfassenden backsteinernen Umbau
erweitert worden, welcher zunächst den Chor betraf, aber dann
auch auf die Nordhälfte des Schitfes ausgedehnt wurde und
nach Errichtung der südlichen Arkaden mit der Ueberwölbung
abschlofs. Alles was damals zur Ausführung kam, zeugt von
dem vollen Kunstverständnifs und der Erfahrung des Bau-
meisters. Aehnlich wie der Meister der Klosterkirclie zu Berlin,
hat auch er es verstanden, trotz der Bescliränktheit der Mittel,
den Haupteinzelheiten wie den Diensten, den Mafswerken, dem
Portale u. s. w. eine besonders liebevolle Pflege angedeihen zu
lassen, die uns noch lieute trotz der traurigen und unwürdigen
Behandlung des schlicliten Uenkmales anzielit und fesselt. Die
wiclitigsten Einzelheiten sind zur Darstellung gelangt, nämlich
die Chorfenster mit ihrem zweitheiligen Mafswerke 'in Fig. 1,
die schlanken, absatzlosen Chorstrebepfeiler mit ihren aus den
Abdeckungen herauswachsenden Hörnclien und dem schönen
Weinlaubfriese in Fig. 3, ferner die prächtigen Wanddienste mit
ihren originellen lcegelförmigen, blatt- und rankengesclimückten
Basen und hlattbelegten Kämpfern sowie die musterhaften
Rippen in Fig. 4 und 6. 1 *) Alle diese J)etails mit Ausnahme
der Chorfenster — Fig. 1 — sind, um sie besser cliaräkteri-
siren zu können, im Mafsstabe 1:2 gezeichnet worden. Deut-
lich spiegelt sich in ihnen der Einflufs von Chorin, und zwar
der der jüngeren Bauphase daselbst, also des Querscliiffes,
Chores und Pfortenliauses.

An der Nordseite hat sich dann allmälich ein kleiner,
aber wahrnehmbarer Wechsel vollzogen, indem nach dem Ab-
schlusse des Langchores breite dreitlieilige, jetzt vermauerte
Spitzbogenfenster mit gutem, leider fast ganz zerstörtem Mafs-
werke auftreten, während sowohl die Strebepfeiler identisch
bleiben, als auch das friesgeschmückte Kranzgesims sich fort-
setzt. IPier befindet sicli auch zwischen zwei Strehepfeilern
nischenartig eingehettet das eigentliche sehr breite, weil früher
zweipfortige Hauptportal. Es besitzt als Seiteneinfassung reich
gebündelte Pfosten mit abgekehlten Basen und blattlosen Kelch-
kapitellen; die Pfosten selbst sind aus rothen und grün-
glasirten Ziegeln aufgebaut. Ueber dem Portalbogen ist bis
zum Kaffsimse des hochsitzenden Fensters teppichartig ein
trefflich modellirter Gitterfries von Vierpässen ausgebreitet,
welcher an die ähnlichen Anordnungen in Brandenburg, Frank-

furt a. O., Tangermünde und Ziesar erinnert. Auch im Inneren
hat das Portal eine edle Durchbildung erfahren, wie der mit

1) Wegen Mangel an Baum mufste eine schön gegliederte Wandnische in

der Südmauer des Chores, welche mit dreitheiligem Beiief, Stab- und Mafswerlc

geschmiickt ist, fortgelassen werden. Diese Nisclie ist umrahmt mit einem Piatten-

friese von Laubsträngen, den wieder eine besondere Beliefarchivolte umgiebt.

Ranken geschmiickte Plattenfries am Thürhogen — Holzschnitt
links unten — beweist. Die Nordmauer schliefst an der West-
ecke, ähnlich wie in Ruppin, mit einem thurmartigen, acht-
eckigen Strebepfeiler, der mit vortretenden Rundstäben besetzt ist.

Wie so viele Westfronten der Bettelmöncliskirchen ist
auch diese von der äufsersten Schlichtheit, ja Naivetät, insofern
man den für die innere südliche Arkadenstellnng als Wider-
lager nothwendigen westlichen Strebepfeiler frei vor das alte
Hauptportal gestellt, aber dessen Zugänglichkeit durch einen
Strebebogen ermöglicht hat. Aufser diesem jüngeren Strebe-
pfeiler steht fast in der Achse ein zweiter, welcher zum Theil
dem alten Baue angehört. Ferner sind nocli erhalten zwei
breite vermauerte Fenster, welche wie die Nordfenster drei-
theilig waren. Den oberen Abschlufs bildet dann ein mit
neun flachprofilirten Spitzblenden gezierter Giebel.

An der Südseite, an welcher die Klostergebäude und zu-
näclist wolil der Kreuzgang lagen, ist die alte Granitmauer
kurz vor dem Beginne der Gewölbe in Backsteinen erhöht und
mit fiinf dreitheiligen Stabwerksfenstern ausgestattet worden,
welche eine ganz andere Achsentlieilung besitzen, als wie die
alten Granitfenster. Die für die Wölbung erforderlichen Strelje-
pfeiler wurden wie in Chorin — am Lichtgaden — vorgekragt;
auch das Kranzgesims erlitt einen Wechsel durcli die Ein-
führung eines deutschen Bandes unter dem Kranzgesimse.
Yergl. Fig. 2 auf Blatt CII. Die inneren Achteckspfeiler he-
sitzen stark vortretende Rundstäbe, die auf einem gemeinschaft-
lichen Basisringe emporwachsen, aber oben mit Yerkröpfungen,
durch Abakussteine erzeugt, schliefsen, so dafs eine Spätzeit
des XV. Jahrhunderts schon sichtbar wird. Zwischen Lang-
haus und Langchor steht nocli wohlerhalten, und als ein selir
seltenes Beispiel seiner Gattung, der dreijochige Lettner,
dreijochig, weil er durch zwei tiefe Pfeiler, welche sehr
sclimale Eh’euzgewölbe tragen, eine hinreichende Tiefe erhalten
liat, um zwei Seitenaltäre aufzunehmen, während das Mittel-
jocli als Durchgang dient. Dieser kleine, einst fein bemalte
Innenbau ist bei aller Einfachheit nett und zierlich durch-
gebildet und verdient die sorgfältigste Erhaltung. Das Gleiclie
gilt l'iir die südliche dreijochige Chorkapelle, deren auf Birnen-
rippen ruhenden Gewölbe noch ihre alte Bemalung bewahrt haben.

Steinformat: 1. an der Siidseite 11, 5Vi — 5V2 und
3 3 *A Zoll; 2. in dem südliclien Anbau IOV4—IOV4, 5Vt und
4 Zoll; 3. am Chore 11 —UV4, 0Vt — 5V2 und 3 8/4—4 Zoll.

c) Die Kapelle St. Spiritus.

Diese in der Stadt belegene Kapelle, wohlerhalten und
gut gepflegt, ist ein einschiffiger, dreijochiger und plattgesclilos-
sener Bau, welcher mit drei zwölfkappigen Sterngewölben über-
deckt ist. Die Gewölbe rulien auf von einfaehen Konsolen
getragenen Birnenrippen und haben scheibenförmige Schlufs-
steine. Drei zweitheilige Spitzhogenfenster mit einem Dreipasse
und Nasen an den Seiten befinden sich auf der Nordseite und
ein kleines ebensolches in der Ostmauer. Das Aeufsere ist ein-
fach aber würdig restaurirt. Die Ostfront hat einen schlichten
Ostgiebel erhalten, der mit kleinen Pfeilern und geputzten
Blendnischen besetzt ist, während die Westfront ein Giebel-
thürmchen trägt. Der Bau besitzt alle Kennzeichen der Bau-
kunst aus dem ersten Drittel des XIV. Jahrhunderts.

d) Ringmauer.

Die Thore sind nicht mehr erhalten und angenähert nur
aus den Prospekten bei Merian und Petzold bekannt. Der
Letztere bildet das Reckahn’sche und das Yinauer Thor ab;
letzteres besafs einen liolien Thorthurm und einen weit hinaus-
gescliobenen Yorhof. Die unten aus Feldsteinen, oben aus
Ziegeln erbaute Ringmauer ist im Ganzen wohlerhalten. Die

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