Adler, Friedrich
Mittelalterliche Backsteinbauwerke des Preußischen Staates (Band 2) — Berlin, 1898

Seite: 100
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Die Kirche — Blatt CYI Fig. 4 — ist ein schlichter
einschiffiger Rechteckbau ohne Chor, aber mit einem Ohlong-
thurme im Westen, der vor den Längsmauern nicht vorspringt.
Ein an die Chorwand gelehntes Erbhegräbnifs und eine Vor-
halle an der Südseite sind späte, aus Ziegeln erbaute Zusätze,
während die alte Kirche aus Granitquadern hesteht, die leider
grofsentheils roh herappt worden sind. Weil aber das zwei-
fach gestufte, spitzbogige Hauptportal sowie ein ebensolches
schlankes, geschmiegtes Fenster an der Südseite noch erhalten
sind, so ist der Schlufs gestattet, dafs der Kern noch der

Dorfanlage angehört und mit Rücksicht auf die seltene Mauer-
stärke von 4% Fuis zu den ältesten Bauten der Neumark zu
stellen ist. Sehr viel später — ungewifs wann — ist der

Obertheil des Westthurmes abgetragen und durch einen schma-
leren Oblongthurm aus Backsteinen ersetzt worden. Derselbe
erhebt sich, wie der Querschnitt Fig. 1 und der Grundrifs

Fig. 4 lehren, auf zwei mächtigen Gurtbogen, welche in die
alten Mauern eingebunden und nur nach der Ostseite hin, im
Inneren des Schiffes durch zwei starke Strehepfeiler, welche

sicli nacii oben liin verjüngen, verstärkt wurclen. Der zwei-
geschossige Obertheil des Thurmes ist nach aufsen sehr einfach
aber verständig mit Lesinen und Kleinbogenfriesen sowie
Blendenflächen und Schallöffnungen gegliedert. Eckfialen und
Zinnenwände ersetzen clie Kranzgesimse und hinter ihnen er-
hebt sicli der schlanke acliteckige, einen Stein starke Back-
steinhelm, den flachbogig überkragte Eckzwickel tragen. Form
und Gröfse cler Zinnenwand und der Helmsohle läfst Fig. 2,
das Detail der Eckfialen Fig. 3 erkennen. Der im Helm vor-
hanclene Holzverband — ein abgestrebter Kaiserstiel — ist ein
jüngerer Zusatz. Der durch seine Gröfse, scldichte Fassung
und vortreffliche Verhältnisse ausgezeichnete Thurm ist eine
Zierde der Lamlschaft.') Der hohe Ostgiebel ist durch schlanke
geputzte Spitzbogenblenden und kleine Fialen, deren Detail
Fig. 7 wiedergiebt, einfach aber wirkungsvoll geglieclert.

Steinformat: 11, 3 uncl 3V2 Zoll.

Eine Zeitbestimmung für den Um- und Aufbau des West-
thurmes ist schwierig zu treffen; am wahrscheinlichsten ist es,
die zweite Hälfte des XV. Jahrhunderts — nach dem Hussiten-
sturme — anzunehmen.

Dorfkirche zu Alt-Küstrinchen.

Das Dorf liegt in der Nähe von Zehden am Fufse der
clie Oder begrenzenden Höhen und hat in seiner Mitte clie
Kirche. Historische Nachrichten fehlen fast ganz, denn die
wichtigste, dafs das slavische Dorf Kustriniken 1345 vom
Markgrafen Ludwig dem Nonnenkloster Zehden übereignet wird,
ist nicht von Bedeutung. 1 2) Indessen gehört der Bau zu clen
ältesten Werken in der Neumark. Es ist, wie cler Grundrifs
Fig. 6 zeigt, ein schlichter Oblongbau von nahezu gleichen
Mafsen wie Vietnitz, cloch ist der oblonge, dem Quadrate sich
nähernde Westthurm jünger als clas Schiff, welches sein altes
Hauptportal noch bewahrt hat. Vortrefflicher Granitquaderbau
findet sich bei beiden Bautheilen. 3) Die Fenster sincl ein-
theilig spitzbogig und wurden erst neuerdings mit gelben Ziegeln
eingefafst. Das Glockenhaus cles Thurmes stammt von einem
späteren Umbaue her, welcher in Backsteinen ausgeführt wurcle,
aber nicht den hochragenden Ostgiebel umfafste. Jenes mit
einem Satteldach becleckte Obergeschofs des Thurmes trug bis
1820 einen hölzernen Dachreiter, welcher wegen Baufälligkeit

1) Leider hat ein thörichter Verschönerungstrieb in neuerer Zeit die
Zinnenwand und die Fialen, welche 1858, wo die Aufnahme gemacht wurde,
noch wohl erhalten waren, beseitigt und durch eine nüchterne Ziegelbalustrade
in Buchbindergothik ersetzt.

2) Eiedel XIX, S. 74.

3) In jüngerer Zeit sind — durch die jetzt immer weiter sich verbreitende
Verschönerungsseuche veranlafst — die Thurm- und Schiffsecken mit Ziegeln ein-
gefafst und die letzteren an den Thurmecken als geputzte Benaissancc-Quadern
behandelt worden.

abgetragen werden mufste und jetzt ungern entbehrt wird. Die
Gestaltung des' Obergeschosses, welche auch an der Front sich
wiederholt, ist aus tlem westlichen Theile der Südseite zu er-
kennen, welchen Fig. 5 veranschaulicht.

Die etwas kleinliche Gliederung der Giebel mit schwäch-
lichen Fialen und ebensolchen, halb rund-, halb spitzbogigen
Blenden, vor allem die Verwendung tief gedrückter Spitzbogen
mit gepaarten Schallöffnungen darunter lassen auf eine Spät-

zeit, Ende des XV. Jährhunderts,
vielleicht sogar auf den Anfang
des XVI. Jahrhunderts schliefsen.
Das Profil der Schallöffnungen
zeigt der Holzsclmitt.

Bei weitem frischer ist der
Ostgiebel mit drei schlanken,
spitzbogigen, zweitheiligen Mittelblenden und zwei kleineren,
einhüftigen Seitenblenden unter mehrfacher Verwendung von
Findlingsteinen behandelt, obschon aucli ihm durch drei winzige
verkümmerte Fialen die kräftige und wirkungsvolle Gestaltung
geraubt worden ist. 1)

Steinformat: 10—IOV2, 4Va — 4 3A und 3Vi — BV2 Zoll. 2)

B. Die Stadt Königsberg.

Historisches.

Der Name Königsberg kommt 1244 zuerst in der wich-
tigeu Urkunde vor, durch welclie cler Herzog Barnim von
Pommern den von ihm sehr begünstigten Tempellierren das
Dorf Naliusen mit allem Zubehör iiberweist. 3) Einige Jahr-
zehnte später 1270 erwarben die Markgrafen Johann, Otto
und Conrad die Stadt und das Land Königsberg nebst mehreren
Dörfern durch Tausch von dem Biscliofe Heinricli von Bran-
denburg, indem sie dafür ihm das Land Löwenberg abtraten. 4)
Sodann schenkten die beiden letzteren Landesfürsten im Jahre
1282 dem Templer-Orden das Patronat der Pfarrkirche, 5) was
1304 der Bischof von Camin bestätigte. 6) Bald darauf er-
folgte eine Klosteranlage in der rasch anwachsenden Stadt —
1310 heifst ein Stadttheil schon die Neustadt -—-, indem die
Augustiner-Eremiten 1290 mit Genehmigung des Biscliofs von
Camin sich ansässig macliten und von diesem, wie von anderen
geistlichen Fürsten für ihren Klosterbau durch Ablässe warm
unterstützt wurden. 7) Auch erhält die Stadt 1298 das Recht,

Mühlen anzulegen 8) und gründet wenig später — vor 1310 _

fiir ihre Armen ein Spital St. Spiritus. 9) Die zu diesem Spitale
gehörige Kapelle wird darauf 1312 nebst einer inzwischen ent-
standenen Pfarrkirche St. Nikolaus genannt. 10) Die weitere
gesunde Entwickelung der Stadt wurde dann durch das Aus-
sterben des ruhmreichen Anhaltiner Fürstengeschlechtes und
die daran sich schliefsenden Wirren und Kriege auf Jahrzehnte
behindert, obschon ihr weder die Gunst des bayrischen, nocli
die des luxemburgischen Fürstenhauses fehlte. Noch bevor der
deutsche Ritterorden im Jahre 1402 vom Kaiser Sigismund
unter dem Vorbehalte des Wiederkaufes die Neumark erwarb,
mufs in der Stadt der Wunsch erwacht sein, ihre Hauptpfarr-
kirche St. Maria, welche für die gestiegene Einwohnerzahl zu
klein geworden und mit Altären überfüllt war — es ist eine
ganze Anzahl neu gestifteter oder neu dotirter Altäre aus der
Mitte des XIV. Jahrhunderts bekannt —, in grofsem Mafs-

1) Möglicher Weise hat auch hier dieselbe vesschönernde Hand gewaltet,
welehe die Kirche sonst so schwer beschädigt hat.

2) Herrn Bauinspektor Richter verdanke ich die nochmalige Priifung und
Berichtigung der Baubeschreibung. Die beiden Kirchen von Vietnitz und Alt-
Kiistrinchen sind von Bergau nicht berücksichtigt worden.

3) Eiedel XIX, S. 173. 4) Eiedel VII, S. 243. 5) Eiedel

XIX, S. 174. 6) Eiedel XIX, S. 178. 7) Eiedel XIX, S. 175 und

XXIV, S. 6 ff. 8) Riedel XIX, S. 178. 9) Eiedel XIX, S. 179.

10) Eiedel XIX, S. 180.
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