Adler, Friedrich
Mittelalterliche Backsteinbauwerke des Preußischen Staates (Band 2) — Berlin, 1898

Seite: 102
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Blatt CYIII Fig. 2. Die Pfeiler sind ihrem Kerne nach acht-
eckig, aber, an den Ecken mit Bundstäben und in den
Haupt- und Querachsen mit Kundstahbündeln besetzt, wobei
zu beachten ist, dafs in den Pfeilerformen sich deutlich zwei
yerschiedene, aber bald auf einander gefolgte Bauzeiten er-
kennen lassen. I)ie vier letzten Freipfeiler nach Westen ver-
rathen durch ihre überzierlichen Bündelstäbe eine jiingere
Bauzeit als die iibrigen zehn Freipfeiler, wenn man die sechs
Chorpfeiler mitzählt.

Diese formale Differenz veranschaulicht auf dem Blatte CIX
Fig. 2 am besten; die obere Hälfte läfst die Gllederimg der
westlichen Pfeiler erkennen, die untere die der östlichen, wäh-
rend Fig. 5 und 6 die Sockel und Kapitelle der Pfeiler im
Detail zeigen. Die Profile der Arkadenbogen sind überein-
stimmend gebildet, das Gleiche gilt von den Quergurten; die
Ersteren zeigt Fig. 12, 1) die Letzteren Fig. 14 auf Blatt CIX.
Yon den sehr mannichfaltigen Gewölbekonsolen — alle ge-
schnitten — in den Kapellen, von den Gurtgesimsen über
ihren Arkaden und den Stirnseiten der inneren Strebepfeiler,
sowie von den Dienstkapitellen geben die Fig. 8, 9, 10 und 11,
ferner Fig. 15 und 17, endlich Fig. 7 auf demselben Blatte
eine Vorstellung.

Wie oben schon hervorgehoben, sind das Polygon und
die daran sich schliefsenden drei Joche nach Westen hin zuerst
erbaut worden, indem man die alte Granitkirche mit ihrem
Westthurme so lange als möglich für die Zwecke des Gottes-
dienstes zu schonen suchte. An den dritten Pfeilern des Lang-
hauses — von dem Chorpolygone aus nach Westen gereehnet
— ist dann eine provisorische Abschlufsmauer erbaut worden,
um die feierliche Weihe und den Gottesdienst im Neubau zu
ermöglichen. Xoch jetzt erkennt man Keste dieser Mauer,
vielleicht sogar Keste der alten Granitkirche in dem starken
Strebepfeiler der Südseite, der jetzt die Nordwestecke der an-
schliefsenden Marien-Kapelle bildet. Auch hat man die Funda-
mente des alten Granitthurmes unter dem Fufsboden des vor-
letzten Mittelschiffjoches vorgefunden. Als dann später der
Bau nach Westen hin fortgesetzt wurde, hat man nur an der
Südseite das alte Fagadensystem festgehalten, wie solches
Blatt CVIII Fig. 2 — Pfeiler A — im Mafsstabe 1:120
veranschaulicht. An der Nordseite ist man davon abgewichen
und ist dabei, sei es aus Sparsamkeit, sei es aus Talentlosigkeit
der Architekten, zu sehr bedenklichen Auswiichsen trauriger
Nüchternheit gelangt. Diesen jähen Abstieg von der erreichten
Höhe läfst auf Blatt CVIII Fig. 2 unter A, B und G so deut-
lich erkennen, dafs eine weitere Kritik überflüssig ist. Die
Einzelheiten des Pfeilers A stellt Fig. 1, die des Pfeilers B
(Untertheil) Fig. 7 und die des Pfeilers G (Beginn und Ober-
theil) Fig. 3 dar, während Fig. 5 den Kosettenfries unter dem
Hauptgesimse und die Fig. 4 und 6 zwei JPlinthensorten von
derselben Seite wiedergeben. Von den beiden Portalen der
Nordseite ist das Nordwestportal das reichste; auf Blatt CIX
läfst Fig. 19 sein schwerfällig manierirtes Einfassungsprofil er-
kennen und Fig. 13 den Scheitel desselben mit einer Bild-
nische der Maria und den krabbenbesetzten Giebel, welcher
das Portal krönt. 2) Das kleinere Nordportal, welches in Fig. 2
auf Blatt CVIII zwischen den Pfeilern B und G als Ganzes
im kleinen Mafsstabe erscheint, bezeugt das Sinken des Ge-
schmackes, der sicher durch den Wechsel in der Oberleitung
hervorgerufen wurde, in deutlicher Weise, wenn man seine
Behandlung und Durchbildung mit derjenigen der unmittelbar
benachbarten Bautheile vergleiclit. Dasselbe Kesultat gewinnt
man, wenn man sein Einfassungsprofil auf Biatt CIX Fig. 20

1) Unter dem Profile der Arkadenbogen — Fig. 12 — ist durcli ein Ver-
sehen bei dem Schriftstiche Profil der Unterfenster gesetzt worden.

2) Abbildung des ganzen, sehr unorganiseh gegliederten Portales bei
Bergau S. 446. Die Systeme der Strebepfeiler auf S. 445 daselbst wären besser
fortgeblieben, weil sie den edlen Kunstcharakter derselben nicht wiedergeben.

mit demjenigen der älteren Oberfenster in allen Chortheilen
Fig. 18 desselben Blattes vergleicht.

Die Architektur der an der Siidseite nacliträglich an-
gehauten Kapellen — vier an der Zahl, von denen noch drei
stehen — zeigt einige Variationen des Chorfagadensystemes,
sucht aber den alten Charakter im Ganzen zu bewahren. Nur
die 1843 untergegangene St. Anna-Kapelle, welche 1479 ge-
weiht worden war, machte, soweit die erhaltenen Abbildungen
ein Urtheil gestatten, eine Ausnahme, indem sie starke Reduk-
tionen in der formalen Behandlung erkennen liefs. Den besten
Kunstcharakter trägt die stattliche zweigeschossige und zwei-
jochige Kapelle mit ihrem Treppenthürmchen unmittelbar am
Chore belegen, welche wahrscheinlich die Kapelle der Marien-
brüderschaft gewesen ist und daher sehr bald nach der Ein-
weihung des Jalires 1407 zur Ausfiihrimg kam.

Steinformat: 1. im Innern: a) des Chores und b) der
drei westlichen Joche 11, 5 l/2 und 3 3A Zoll; 2. im Aeufseren:
a) des Chores IOV2, 5 und 3V2 Zoll, b) der drei westlichen
Joche 10 3A —11, 5 und 3 3A Zoll.

Die Augustiner-Klosterkirche.

Historisclies.

Der Augustinei' - Eremitenorden hat in Königsberg im
Jahre 1289 oder noch etwas früher unter dem Scliutze der
Landesherren, der Markgrafen Otto und Conrad, sich nieder-
gelassen, denn schon im Frühjahre 1290 erfolgte die Ge-
nehmigung des Bischofs von Camin zur Gründung des Ivlosters
und gleichzeitig ertheilten der Erzbischof von Salzburg, der
Bischof von Regensburg und der Bischof von Lavant von Er-
furt aus namhafte Ablässe. 1) Sicher wurde damals ein Theil
der Kirche und das Kloster erbaut, die Fortsetzmig kam aber
erst im Laufe des XIV. Jahrhunderts zu Stande, denn 1301,
1338, 1340 und 1342 2) erfolgten weitere Indulgenzen durch
den Erzbischof von Magdeburg und die Bischöfe von Iben(?)
(frater Albertus Bpiscopus Ibunensis) und Brandenburg. Zahl-
reiche Schenkungen und Vermächtnisse werden während des
XV. Jahrhunderts erwähnt. Nach Einführung der Reformation
1536 hat die Kirche bis 1582 leer gestanden; dann wieder ein-
geweiht, mufste sie mehrfach ausgebessert und ihr Altar 1599
erneuert werden. Schon 1724 waren ihre Gewölbe schadhaft
und bei mangelnder Baupflege verfiel die Kirche mehr und
mehr. Nach einer barbarischen Ausweidung des Innern rifs
man einen Theil der nördlichen Strebepfeiler ab, so dafs um
1850 die Sterngewölbe abgebrochen werden mufsten. Jetzt
dient die Kirche profanen Zwecken, der gröfste Theil des
Klosters ist zerstört und der kleinere Theil für Wohn- und
Wirthschaftszwecke verbaut.

Banbeschreibnng.

Die stattliche Anlage bestand aus der sterngewölbten ein-
schiffigen, siebenjochigen und in fünf Seiten des Achteckes
schliefsenden Kirche und dem südlich davon liegenden, um
einen rechteckigen Kreuzgang geordneten Ivloster. An der w rest-
lichen Hälfte der Kirche und fluchtrecht mit ihrer Westfront
befindet sich noch eine zweijochige, ebenfalls mit Sterngewölben
überdeckte Plalle, welche an der Südseite mit einem hoch-
ragenden Giebel nebst massiven rechteckigen Glockenthürmchen
ausgestattet ist, der alle Kennzeichen des XV. Jahrhunderts
besitzt. Leider erschwert der jetzige Zustand eine genaue
Untersuchung, doch erkennt man aus den noch erhaltenen

1) Kiedel XIX, S. 175.

2) Ivehrberg, Geschichte von Königsberg i. d. N., S. 131. — ßiedel
XIX, S. 2Ö4.

3) ßiedel XXIV, S. 6 ff.
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