Adler, Friedrich
Mittelalterliche Backsteinbauwerke des Preußischen Staates (Band 2) — Berlin, 1898

Seite: 106
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Pfarrkirche St. Maria.

Wie der Grundrifs — Holzschnitt — erkennen läfst, ist
sie ein überaus einfacher, mittelgrofser Bau von Granitquadern,
welcher ursprünglich eine dreischiffige, fünfjochige, plattgeschlos-
sene Basilika ohne hesonderen Chor darstellte, aus deren ob-
longem Westunterbau sicli auf starken Mauern, nicht auf Bogen,
ein quadratischer Thurm erhob. Im XIV. Jahrhundert hat

dann ein einschneidender Umbau stattgefunden, welcher ganz in
Ziegeln liergestellt, die Kirche zu einer gewölbten dreischiffigen
Hallenkirclie umscliuf, den gröfstentheils geschonten Thurm
in Ziegeln weiter aufführte und aufser einem quadratischen
Umgange mit einer hochragenden massiven Spitze versah. Erst
in neuester Zeit ist die Kirche bei einer umfassenden Restau-
ration auch mit einem kleinen backsteinernen Polygoncliore
in drei Seiten des Achtecks und einer Vorhalle vor dem west-
lichen Plauptportale ausgestattet worden. Die achteckigen
Ziegelpfeiler sind leider geputzt und die alten Kämpfer modern
profilirt worden. Von den Gewölben ist ein Joch (das östliche
im Mittelschiffe) mit einem Sterngewölbe versehen, das nächst-
folgende ist achtkappig, alle anderen sechskappig überdeckt;
auch sind einige durchbolirte Sclilufssteine neben scheiben-
förmigen Schlufssteinen und Konsolen an den Wänden als Ge-
wölbeträger vorhanden. Die spitzen Arkadenbogen sind theils
abgestuft, theils abgeschrägt, und die Rippen mit Rundstäben
geendigt. Die Spitzbogenfenster sind sowohl im neuen Chore
wie im alten Schifie eintheilig, und ihre Einfassungen bestehen
aus Ziegeln. An der Süd- wie Nordseite befinden sich zwei
Vorhallen, von denen die erstere einen alten Backsteingiebel
mit halbrunden Pfeilern noch besitzt.

Das Interessanteste ist die Westfront wegen ihres kräf-
tigen und stolzen Thurmes, der bis zum Daclifirste ans Granit-
quadern besteht und dann als Quadratbau aus Ziegeln mit
gepaarten Schallöffnungen aufgefülirt ist. Eine niedrige Zinnen-
wand bildet dann einen Umgang und hinter ihm ei'hebt sicli
der achteckige Steinhelm bis zu einer IPöhe von fast 80 Fufs.
Nur-der letzte Abschlufstheil besteht aus Holz und ist mit
Metall bekleidet. Auf Blatt CXIII Fig. 8 —15 ist dieser
Helm in seinem Grundrisse, Querschnitte und seinen kon-
struktiven wie formalen Einzelheiten so vollständig dargestellt,
dafs eine nähere Erläuterung überflüssig erscheint. Der relativ
leicht konstruirte Thurmverband hat schwerlich als Lehre ge-
dient, sondern ist wohl ein Nothbehelf gewesen, um den Ab-
schlufs mittels einer schlanken Spitze bewirken zu können.

Die Kirche ist ihrem Kerne nach ein solider Bau des
XIII. Jahrhunderts, der mit grofser Wahrscheinlichkeit zwischen
1260 — 80 anzusetzen sein wird, während der Umformungsbau
des Inneren mit Ziegelpfeilern und ebensolchen Gewölben der
zweiten Hälfte cles XIV. Jahrhunderts — etwa 1360 —
angehört. Der Helmbau scheint noch jünger zu sein und wird
wohl dem XV. Jalirhundert (Mitte) entstammen. Im Merian
ist er selir unriclitig gezeichnet, nämlich viel zu schlank uncl
nach innen eingebogen.

Das Soldiner und Königsberger Thor.

Das wohlerhaltene Soldiner oder Steinthor, von welchem
auf Blatt CXIII in den Fig. 1 - 5 zwei Fronten, ein Durch-
schnitt uncl mehrere Einzelheiten dargestellt werden, 1) bestelvt
aus einem quadratischen Thorhause, clessen spitzbogige Durch-
fahrt mit einem starken rippenförmigen Kreuzgewölbe überdeckt
und clas oben durch einen offenen Welirgang abgeschlossen ist.
Ueber dem etwa 33 Fufs hohen Unterbau erhebt sich mittels
cler in den inneren Ecken angeordneten und schalenförmig
vorgestreckten Zwickelschichten ein zweigescliossiger Achteck-
aufbau, gleichfalls mit einem gezinnten Wehrgange verselien.
Den Abschlufs bilclet ein starker achteckiger Backsteinlielm.
An der Feldseite — Fig. 1 — treten noeh zwei mit Blenden
geschmückte, ein Mal absetzende und mit Satteldächern ab-
schliefsende Strebepfeiler hervor. Ein erheblicher Theil des
Unterbaues — 29 Schicliten liocli — einschliefslich der Spitz-
bogen besteht aus kubischen Granitquadern solider Technik
und stammt vermuthlich aus dem Ende des XIII. Jahrhunderts.
Der iiber Eck gestellte Oberbau — Fig. 2 —, welclier in
sehr einfacher Weise mit einem Minimum von Formsteinen
— nur zwei Sorten — hergestellt ist, besteht durchweg aus
Ziegeln. Trotz cler grofsen Sparsamkeit, die sicli vielfach kund-
giebt, äufsert sicli doch an allen Hauptpunkten ein Formensinn,
der volle Anerkennung verdient. Dies zeigen besonders Fig. 3
in dem Motive der Ueberführung und Fig. 4 in der Art der
Zinnenbildung. Der Umbau darf in die zweite Hälfte des
XIV. Jahrhunderts gestellt werden. An der Stadtseite, deren
rechte Hälfte Fig. 5 veranscliaulicht, fehlen die Strebepfeiler;
dafür ist ein reicher und wohlgeordneter Blendensclimuck vor-
lianden. Für gute Entwässerung nach aufsen hin ist gesorgt,
aucli zeugen die Konstruktionen — Fig. 5 linke Hälfte -—
von Erfahrung.

Das Steinformat beträgt 11 Vi — IU/2, 5 und 3V2 Zoll. 2)

Das Königsberger oder Rohrliecker Thor zeigt eine so
enge Verwandtschaft mit dem Soldiner Thore, clafs es sicher
der gleichen Zeit entstammt und höchstwahrscheinlich aucli
demselben Meister angehört. Kleine Verschiedenheiten in
Mafsen und Formen sind allerdings voi'handen, wie beispiels-
weise ein Gitterfries, den Fig. 6 darstellt. Die Hauptgestaltung
im Grundrisse -— Fig. 7 — und Aufbau ist nahezu identisch.
Wahrscheinlich war aucli das dritte, leider in jüngster Zeit
zerstörte Thor, das Stresow’sche Tlior aus derselben Epoche,
denn die Merian’sche Zeichnung beweist wenigstens so viel,
dafs der Bau unten quadratisch, oben achteckig war und mit
einer Steinspitze abschlofs.

Das Badstuben - Thor ist ein bescheidenes oblonges Pforten-
haus, das zum Schönfliefser See hinabführt, aber künstlerisch
olme Bedeutung.

D. Die Stadt Soldin. 3)

Historisclies.

Der Templer-Orden, welcher, wie oben bei der Kirclie zu
Quartschen hervorgehoben, sehr früli in der Neumark umfang-
reiche Besitzungen erhalten liatte, trat im Jahre 1262 seinen
Hof am See Soldin nebst 300 Hufen Landes an die Markgrafen
von Brandenburg ab, um daselbst eine Stadt mit deutschem
Rechte gründen zu können. 4) Sie kam zu Stande und über-

1) In Fig. 5 ist das Tlior irrthümlicher Weise als Königsberger Thor be-
zeichnet worden, es mufs dort wie in Fig. 1 Soldiner Thor heifsen.

2) Ein Schaubild des Steinthores von aufsen gesehen bei Bergau S. 692.

3) Prospekt von 1652 bei Merian S. 94; desgl. 1712 von Petzold
(Manuskript).

4) v. Eaumer, Neumark S. 24 ff. — Riedel A. XIX, S. 5 u. B. I, S. 70.
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