Adler, Friedrich
Mittelalterliche Backsteinbauwerke des Preußischen Staates (Band 2) — Berlin, 1898

Seite: 108
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Folge dieser nüchternen Decken- und Stützenbildung wirkt das
Innere trotz aller Freiräumigkeit und Uebersichtlichkeit un-
günstig, ja erkältend.

Aus derselben Bauzeit, welche schätzungsweise in die
letzten Jahrzehnte des XVII. Jahrhunderts zu stellen ist,
stammt noch der barocke Fialensclimuck der heiden Ostgiebel
des Chores und des Langhauses her, welche die Ostfront Fig. 3
zur Anschauung bringt. Aucli der südwestliche Halbgiebel in
der Vorderfront Fig. 2 zeigt dieselben schornsteinartigen, durch
Gesimse gegürteten Backsteinpfeiler, welche an die Stelle der
älteren Fialen getreten sind. Weitere höchst nüchterne Reste
erkennt man an den heiclen mit Korbbogen überdeckten Por-
talen in der Hauptachse der Wcstfacade und in cler West-
mauer der Nordkapelle sowie an den Kranzgesimsen der Halb-
giebel des Thurmes. Einst waren heide Portale durcli gemauerte
uncl geputzte Vorkragungen von Giebeln in Bärockformen
wesentlich bereichert worden, doch liat man diese angeklebte
Baroclckunst später vollständig beseitigt.

Wann dieser umfangreiche Wiederherstellungsbau statt-
gefunden hat uncl welclie Ursachen ihn veranlafst liaben, ist
bisher nicht festzustellen gewesen. Er wird aber, wie oben
schon bemerkt, mit Wahrscheinlichkeit in die zweite FBilfte
des XVII. Jahrhunderts zu stellen sein und ist in technischer
Flinsicht ein achtbares und für die Neumark ein seltenes Werk.
Möglicher Weise ist der grofse, in vier'Geschossen aufsteigende,
mit Säulen und Gehälken geschmückte und mit ganzen Figuren
und Reliefs überreich ausgestattete Hauptaltar im Cliore, wel-
cher von 1697 — MDCIIIC — datirt ist, der Abschlufs
jenes Umbaues gewesen. Trifft dies zu, so wird derselhe etwa
um 1690 ausgeführt sein.

Die Dominikaner-Kirche

war, nach den Prospekten von Merian uncl Petzold he-
urtheilt, eine holie dreischiffige Hallenkirche, plattgeschlossen
und ohne besonderen Chor. Drei lange Spitzbogenfenster
lagen in der Westfront und ein mit Blenden besetzter Giebel
schmückte den oberen Theil derselben; der Ostgiehel war
gestaffelt und mit Fialen besetzt. Merian sah noch zwei
aothische Tliürmchen, einen Daclireiter in der Mitte und ein
schlankes Frontgiebelthürmchen, während 60 — 70 Jahre später
Petzold nur einen quadratischen, im Daclie aufgebauten und
mit zwei welschen Hauben abschliefsenden Holzthurm abbildet,
der vermuthlicli dem XVII. Jalirhundert angehörte. Der öst-
liche Theil der Ivirche war damals giuiz verfallen und wurde
erst 1735 wieder hergestellt; jetzt ist sie verschwunden.

Kapelle St. Gertrud.

Dieses kleine, vor dem Neuenburger
Tiiore belegene, einschiffige gewölbte Gottes-
haus besitzt drei Joche nebst einem m drei
Seiten des Achteckes scliliefsenden Chore.
Der Unterbau ist aus gut
verzwickten Findlingen,
der Oberbau durchweg aus
Ziegeln hergestellt. Die
vier Spitzbogenfenster sind
zweitlieilig (mit modernem
Stabwerke) und die dop-
pelt abgestuften Strebe-
pfeiler an den Stirnseiten
eingenischt, wie solches
der links steliende FIolz-
schnitt darstellt. Das treff-
lich profilirte Hauptportal

an der Westfront ist zum Theil vermauert (früher scheint
es eine flaclibogig überdeckte Zwillingspforte umsclilossen zu
liaben) und besitzt schon einen geknickten Rundstab als äufsere
Umrahmung. Der auf der ersten Spalte unten rechts stehende
Holzschnitt giebt davon eine Vorstellung. Leider ist der West-
giebel erneuert, docli besitzt die Kapelle einen erheblichen
Kunstwerth. -—- Steinformat: 10 3/s, 5Vi und 374 Zoll.

Kingmauer und Thore.

Soldin war einst stark befestigt, es hatte dreifache Wälle
und Gräben, docli sind diese schon im vorigen Jahrhundert
abgetragen und ausgefüllt worden. Aucli die stattliche, mit
einem Wehrgang versehen gewesene Ringmauer von Feldsteinen,
welche einst 49 Weichhäuser und Thürme besafs, ist nur noch
tlieilweise erhalten. Ihr bester Rest besteht aus einem Feld-
stein-Backsteinthurm mit massiver Achtecksspitze.

Drei Thorthürme stehen noch aufrecht, es sind Reste des
Mülilenthores, des Neuenburger und des Pyritzer Tliores. Ge-
meinsam ist ihr Charakter: oblonge Thürme mit Satteldacli
iiber dem Thore selbst, dreigeschossig mit Giebeln nach der
Stadt- und Feldseite, die Mauern mit geputzten Blenden be-
setzt. Mindestens zwei davon, das Miihlen- und das Neuen-
burger Tlior besafsen Vorthore, welche längst verschwunden
sind. Der hier mitgetheilte Holzschnitt nach Petzold’s Zeicli-

nung von 1712 stellt das Mühlenthor vor. Man ersieht aus
ihm, dafs das Vorthor aus einem von gezinnten Mauern um-
schlossenen Hofe und einem tiefen Thorhause mit SatteldacJi
bestand, welches zwei niedrige, mit offenen Wehrgängen und
Steinspitzen ausgestattete Rundthürme flankirten. Dabei lag
dieser gut befestigte Vorliof, welcher an die Vortliore von
Jüterbock lebhaft erinnert, nicht in der Achse des inneren
Thorthurmes, sondern lief seitwärts daneben auf die Mauer los,
welche thorartig durchbrochen geweseu sein mufs. Der alte
liohe Thorthurm war damals vermauert und diente dem Vor-
thore zur Deckung. Deutlicli erkennbar sind die Weichhäuser,
Mauerthürme und die Ringmauer mit den Scharten des Wehr-
ganges.

E. Die Stadt Arnswalde. 1)

Historisolies.

Im Anfange des XIII. Jahrhunderts stand die Gegend
des heutigen Arnswalder Kreises unter polnischer Botmäfsig-
keit und bildete grofsentheils noch eine ungeheure Wildnifs,
welche in der Grenzbeschreibung des Landes Stargard ausdrück-
lich erwähnt wird. 2) Obsclion die Herzöge von Pommern sicli

1) Prospekt bei Merian S. 21 und bei Petzold.

2) Dreger, Cod. Pom. No. 182, S. 268 ff.
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