Adler, Friedrich
Mittelalterliche Backsteinbauwerke des Preußischen Staates (Band 2) — Berlin, 1898

Seite: 112
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Wegen seiner zu kleinen Mafse hat man in späterer Zeit
seine Aufsenmauern abgebrochen und in rohem Feldstein-
mauerwerke aber beträchtlich gröfser erneuert. Darüber erhob
man durch Ziegelmauern auf der Kingmauer und über dem
alten Thurme selbst, durch Abschrägungen und Zwickelbogen
unterstützt, einen gröfseren Oblongthurm mit abgerundeten
Ecken und schränkte diesen in der Längsachse soweit, ein,
dafs es möglich wurde, ein letztes Geschofs als Oblongbau
mit halbkreisförmigen Absclilüssen aufzuführen und hinter der
massiven Brustwehr durch eine etwas langgezogene Kegel-
spitze zu bekrönen. Diese sehr eigenartige Gestaltung, welche
Fig. 10 und 11 näher veranschaulichen, stammt zweifellos aus
der ersten Hälfte des XV. Jahrhunderts und ist ebenso wie
das verschwundene Vorthor wohl in der trüben Zeit bald
naeh der Zerstörung der Stadt durch die Hussiten 1433 so
billig als möglich ausgeführt worden.

Steinformat: 11 V2, 5Vl und 3Va Zoll.

Neben dem Fangthurme hat man schon im vorigen Jalir-
hundert die Mauer durchbrochen und eine Backsteinpforte
angelegt, welche, flachbogig überwölbt und theilweis in Fig. 10
und 11 dargestellt, jetzt das „Heue Thor“ lieifst.

Das Birkholzer oder Landsberger Thor.

Nach dem Prospekte bei Merian von 1652 bestand
dasselbe ebenfalls aus einem oblongen dreigeschossigen Vor-
thore mit Satteldacli und Seitengiebeln, dem langen, von
Mauern umschlossenen Vorhofe uncl dem dicken quadra-
tisclien Thortliurme, den hinter der glatten Brustwehr eine
achteckige massive Spitze krönte. Die Letztere fehlt schon
in clem von Petzold um 1712 gezeiehneten Stadtprospekte,
wie denn auch Friedeberg’s Geschichtsschreiber Treu aus-
drücklich meldet, dafs man am Schlusse cles Jahres 1711
den Obertheil des Thurmes wegen gefahrdrohenden Einsturzes
abgetragen habe. 1) Der hochragende Untertheil hat sich dann
noch lange erhalten. Wie aus zwei mir vorliegenden Plioto-
graphieen erhellt, war der Thorthurm im Wesentlichen ebenso
gestaltet wie der Driesener, nämlich feldseitlich mit einer
hohen Bogennische fiir Wehrgang und Fallgatter nebst langen
Seitenblenden ausgestattet und stadtseitlich mit zwei Strebe-
pfeilern rechts und links besetzt sowie mit zwei Beihen Spitz-
blenden uncl zwei langen schmalen Querstreifen, alle ungeputzt,
sehr einfach gegliedert. Sein Abbruch erfolgte nach 1866.

G. Bie Stadt Woldenherg. 2)

Historisches.

Diese gegen Friedeberg wesentlioh kleinere Stadt hat im
Wesentlichen dieselbe geschichtliche Entwickelung durchgemacht
und dieselben Sehicksale erlebt wie jene, so dafs es genügt,
nur einige Hauptpunkte hervorzuheben. Als Burgstelle wird
sie schon 1248, als Stadt aber erst 1333 urkundlicli genannt 8)
und mufs im Anfange des XIV. Jahrhunderts ihre Pfarr-
kirche St. Maria besessen haben, weil 1330 einer Altar-
stiftung darin gedacht wird. * 4 5) Im Jahre 1340 wurde ihr
vom Markgrafen Ludwig wieder, wie es schon 1333 auf vier
Jahre geschehen, so dieses Mal auf zwei Jahre die Urbede
erlassen, um mit solcher Hiilfe die Mauern und Gräben zn
verstärken. 6) Eine älmliche Gunst wiederholte sich in Folge
verderblicher polnischer Baubzüge 1345 und nach dem Hus-
siteneinfalle von 1433 erhielt sie vom Hochmeister sogar eine
zehnjährige Abgabenfreiheit. Grofse Brände — 1508, 1586

1) Treu a. a. O. S. 310. 2) Vergl. f. dio ältere Zeit v. Baumer, Neu-

mark, S. 32. 3) Biedel XVIII, S. 285. 4) Biedel XVIII, S. 286.

5) Eiedel XVIII, S. 288.

und 1618 — haben die Stadt auch später noch heimgesucht.
Der Letzte war der verlustreichste, weil durch ihn die Pfarr-
kirche ihre Gewölbe einbüfste.

Pfarrkirche St. Maria.

Wie der durch den Holzschnitt mitgetheilte Grundrifs
zeigt, besteht, die Kirche jetzt aus einem quadratischen, mit

1°iimiin 1? l I l ■ . BO , t ^ ^ 10D ^ ^ ^ 150ru5S

fetrebepfeilern besetzten Westthurme, dem dreischiffigen Lang-
hause von fiinf Jochen (Ilallenkirche) und dem zweijochigen
Langchore, dei mit einem fünfachtel Polygone abscliliefst. Der
helmlose ’Westthium lst modern, denn der ursprüngliche, wel-
cher fast ebenso riesige Mafse wie der von Arnswalde besafs
— er hatte 43 Fufs Quachatseite und war unten gleichfalls
aus Feldsteinen, oben aus Ziegeln erbaut — mufste 1838
wegen Baufälligkeit abgetragen werden. Daran schlofs sich
erst 1853 eine durchgreifencle Wiederlierstellung, welche, bis
1857 dauernd, die Mafswerke in Backstein, aber clie Gewölbe
in LIolz erneuert und bedauerlicher Weise auch liier den

alten Kunstcharakter des Inneren beträchtlich verändert hat.
Trotzdem ist die Uebereinstimmung in der Planbildung mit
der von Arnswalde unverkennbar: hier wie dort der über-
trieben grofse Westthurm und der auffallende Langchor, die
achteckigen Pfeiler und die zweijochige Kapelle an der Sücl-
ostseite. Aucli im Inneren treten verwandtschaftliche Bezüge

hervor, wie — abgesehen von den trefflichen Verhältnissen _

die vielen uncl hohen Fenster, viertheilig an der Nordseite
des Langhauses, dreitlieilig an seiner Südseite sowie im
ganzen Chore, sodann die rundbogigen Wandnischen unter den
fünf Chorfenstern und endlich einzelne Thür- nncl Fenster-
profile, z. B. des Schiffes, beweisen.

Die Strebepfeiler cles Chores sind zwei Male abgesetzt, die
des Langhauses drei Male, und zwar auf hohem Sockel nach
drei Seiten, wie es das System der Südseite erkennen läfst
(Holzschnitt auf nächster Seite oben links). Ein besonderes
Interesse beansprucht das Südportal, weniger durch seine kräf-
tige Profilirung, als durch clen Umstancl, dafs es in ähnlicher,
aber doch viel eigenartiger Weise wie Chorin, Eberswalde,
Angermünde u. A. mit plastisch dekorirten Friesplatten ge-
schmückt ist. Dieselben treten sowohl an den clurchgehenden
Kämpfern wie an der äufseren Umrahmung, die am Gipfel
horizontal wird, auf und sind theils mit Pflanzenwerk (Wein-
laub), theils mit grotesken Thierfiguren geschmückt, darunter
ein Jäger, ein Menschenhaupt zwischen Gitterstäben, ferner
ein zweiter idolartiger Kopf u. s. w. Einige cler Friesplatten
sind durch den Ofenbrand gefärbt worclen, so dafs ein gewisser
Weclisel in den Tönungen entstanden ist, clocli felilen wirk-
liche Glasuren. Der obere rechte ILolzschnitt giebt von diesen
Details eine Andeutung. Etwas einfacher ist das Nordportal
behandelt worden, indessen ist auch hier ein alterthümlicher,
langgezogener Christus - Kopf mit Kreuznimbus vorlianden, cler
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