Adler, Friedrich
Mittelalterliche Backsteinbauwerke des Preußischen Staates (Band 2) — Berlin, 1898

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ursprünglich, wenigstens im Chore, wohl gewölbt war, besitzt
eine auffallende Yerwandtschaft mit den nocli stehenden Ost-

theilen der Klosterkirche zu Marienwalde, obschon das Städt-
chen bezw. Dorf Königswalde niemals zu den Besitzungen
jenes Klosters gehört liat.

I. Nachtrag-.

Das Kloster ÜTeuzelle in der Kieder-Lansitz.

Historisclies.

Markgraf Heinriclx der Erlauchte, Sohn des Markgrafen
Dietrieh von Meifsen, hat ein Jahr nach dem Tode seiner
zweiten Gemalilin Agnes, welche eine Tochter des Königs
Ottokar von Bölnnen war und 1267 starb, zu ihrem Seelen-
heile in der Nieder-Lausitz das Cistercienser-Kloster Neuzelle
gestiftet. Es sollte ein Tochterkloster des 1161 —1175 ge-
grixndeten Klosters Altenzelle im Erzgebirge werden. Indessen
wurde des Stifters Absicht erst 1281 verwirklicht, weil das
General-Kapitel des Ordens damals den Abt von Altenzelle
beauftragte, einen Konvent einzuführen und einen Abt ein-
zusetzen. Es scheint, dafs damals aucli das Kloster Lehnin
einen Theil seiner Mönche zur Bildung des Konventes mit
entsendet hat. Die Niederlassung geschah im Dorfe Starzedel.
Zu spät erkannte man die Ungunst des Ortes und der Lage
und begann sehr bald unter der Begierung des ersten Abtes
an eine Verlegung zu denken und sie aucli vorzubereitem
Dennoch fand die Uebersiedelung nach Neuzelle bei Schlauben
erst im Jahre 1334 statt. Hier ist das Kloster vortrefflich
gedielien und liat durch weise Verwaltung und ernste Arbeit
es zu einem bedeutenden Güterbesitze gebracht.

Die liussitische Verwüstung hat das Kloster im Jahre
1429 schwer betroffen, es wurde vollständig ausgeplündert und
verwüstet, so namentlich in dem Kreuzgange und Kapitelsaale,
doch ging die Kirche nicht, wie vom Feinde beabsichtigt war,
in Flammen auf. Die durchgreifende Wiederlierstellung wurde
gegen 1460 zum Abschlusse gebracht, nachdem 1450 neue
Besitzungen erworben waren und den Wolilstand gemehrt
hatten. Urn 1510 wurde ein Theil des sogenannten Presby-
teriums neu erbaut und 1528 eine neue Orgel beschafft.
Die Beformation fand hier keinen Eingang. Dagegen wurde
der schlichte mittelalterliche Kunstcharakter der dreiscliiffigen
Hallenkirche seit 1652 durch einen umfangreichen Umbau
in Barockstilformen völlig verwischt, obschon die Gewölbe
erhalten blieben. Etwas später folgte 1711 der Neubau des
Chores und der Sakristei, und 1727 — 28 beschlofs die Um-
gestaltung der Eacade mit einern Westthurme sowie die Er-
weiterung des Presbyteriums und der Anbau der prunkvollen
Josephs-Kapelle mit Prälatengruft diesen wenig erfreulichen
und dem Geiste und Wesen des Cistercienser-Ordens geradezu

Hohn sprechenden Wiederherstellungsbau. Im Jahre 1817 er-
folgte preufsischerseits die Aufhebung, 1) an welche sich bald
ein umfassender Umbau zum Seminar anschlofs. Endlich
führte ein grofser Brand 1893 zu einer Wiederherstellung eines
Theiles der Klostergebäude, welche erst jetzt — 1897 —
ihrem Ende sich nähert.

Klostergebäude.

Die dem Kerne nach im Ganzen wohlerhaltenen Kloster-
gebäude entstammen noch dem Mittelalter, sind aber durch
Umbauten stark entstellt. Den Mittelpunkt bildet ein Hof
von 80 zu 82 Fufs (der Kreuzgarten) mit dem vierflügeligen
Kreuzgange, beides nördlich von der Kirclie gelegen. Die
zweigeschossigen West-, Nord- und Ostflügel des Letzteren
sind für die Klosterzwecke überbaut, während der Südflügel
sicli an die Kirche lehnt. Ost- und Westflügel treten iiber
den Nordflügel hervor, welcher unten das Refektorium und
den Kapitelsaal, oben die Schlafsäle enthielt. Auf Bl. CXX,
Fig. 1—-4 wurde die Nordfront dieses Fliigels zum Theil,
nämlich nur das obere Stockwerk, zur Darstellung gebracht,
um das Wichtigste der äufseren Architektür in Grund- und
Aufrifs Fig. 1 und 2 sowie in dem Systeme Fig. 3 zu zeigen.
Ein aus wenigen Elementen gescliaffenes System, aber ebenso
wirkungsvoll wie in seltenem Mafse wolilerhalten. Bemerkens-
werth ist die Thatsache, dafs die Sclilafsäle nicht verglast
waren, sondern dafs ihre kleinen rundbogigen Fenster, scheit-
recht umrahmt, nur durch Holzläden geschlossen wurden; die
Stützhaken der Letzteren sind noch überall erhalten, vergl.
Fig. 3; die Innenansicht der Fenster bietet Fig. 4. Dieser
ganze Aufbau ist sicher nach der Verwüstung durch die
Hussiten erfolgt und wird etwa auf 1430 — 40 anzusetzen
sein. Alle iibrigen Figuren des Blattes CXX beziehen sicli
auf den Kreuzgang. Die Fig. 5 und 6 lassen einen Theil
seines Ostflügels im Grundrils und Längenschnitt erkennen.
Das in der Innenwand sichtbare Fenster mit vortrefflicher Pro-
filirung — Fig. 9 und 9 a — geliörte zu einem architektonisch
sorgfältig durchgebildeten Raum, welcher wahrscheinhch eine
Kapelle war und durcli das zweitheilige Fenster nach dem
Kreuzgange sich öffnete. In einer späteren Zwischenwand
dieses Raumes fand man bei ihrem Abbruclie die beiden, aus
lufttrockenein Tiione geschnittenen Kapitell- bezw. Konsol-
bruchstücke, welclie der Holzsclinitt darstellt. Links das

Konsol, zeigt eine genaue Nachbildung hochgothischer Meifsel-
arbeit in tadelloser Ausführung; die Blätter waren grün be-
malt. Rechts das Kapitell, dessen ursprünglicher Standort
unbekannt geblieben, ist, wie eine Kerbschnittarbeit sorgfältig
modellirt und trägt an seinen fünf Achtecksseiten die Bucli-
staben des Namens: Maria; der Stil deutet auf den Schlufs
des XV. oder den Anfang des XVI. Jahrhunderts.

Die Konsolen im Kreuzgange sind sehr mannichfaltig ge-
staltet. Bei denen im Ostflügel — Fig. 10, 12 und 13 —
sitzt auf der eigentlichen Ivonsole nocli ein mit Blattwerk ver-
zierter Gewölbeanfang, wie solches der Längenschnitt, Fig. 6,
deutlich erkennen läfst. Die Blätter sind theilweise schon

1) Winter, Cistercienser I, S. 360 ff. u. II, S. 307 ffi, ferner: Das fürstliche
Stift und Kloster-Cistercienser-Ordens Neuzell (Regensburg 1840} und Mauer-
mann, Neucelle; auch Riedel XX, S. 353 ff.
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