Adler, Friedrich
Mittelalterliche Backsteinbauwerke des Preußischen Staates (Band 2) — Berlin, 1898

Seite: 116
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Hauptfragen von allgemeiner Bedeutung nocli in Scliwebe
und erheischten eine weitere Prüfung.

Die Schöpfung der Technischen Hochschule in Charlotten-
burg bot mir 1884 die günstige Gelegenheit auf Grund fort-
gesetzter Studien und mehrfacher Reisen eine jener Haupt-
fragen zu erörtern und zum vorläufigen Abschlusse zu bringen.
In der damals erschienenen Festschrift wurde mein Beitrag unter
clem Titel: Der Ursprung cles Backsteinbaues in den
baltischen Ländern veröffentlicht und hat ini Lauf der
Jahre wegen seines Zweckes, den Ursprung des Ziegelbaues
auf die chronistisch wie urkundlich bezeugte Einwanderung
der Niederländer in der Mitte des XII. Jahrhnnderts zurück-
zuführen neben vielfacher Zustimmung auch vereinzelten Wider-
spruch erfahren.

Zu den Ersteren gehört das von der Akademie in
Brüssel preisgekrönte Werk von E. de Borchgrave: Histoire
des colonies belges, 1) ferner die riihmlich anerkennende aber
auch wesentlich verbessernde und ergänzende Anzeige dieses
Werkes von Schumacher in den Bremer Jahrbüchern III,
199 ff. sowie andere Schriften. Dagegen hat Dr. Rudolph
in seiner fleifsigen aber stark tendenziös gefärhten Schrift:
Die niederländischen Kolonien in der Altmark im XII. Jahr-
hundert 1889 gegen Borchgrave und andere — darunter auch
mich — lebhaften Widerspruch erhoben und sich hemüht,
den Nachweis zu liefern, dafs Helmold’s Berichte über die
bei seinen Lebzeiten stattgefundene niederländische Kolonisation
in hohem Mafse iibertriehen seien und wesentliche Ein-
schränkungeu erfahren müfsten. Dieser Yersuch ist völlig
mifslungen, denn das Gegentheil ist richtig. Die Einwanderung
der Niederländer, welche etwa 50 Jahre gedauert hat, ist noch
umfangreicher und intensiver gewesen, als Helmold mitzutheilen
im Stande war. Er kennt weder ihre Ansiedelungen in
Thüringen und Sachsen noch in Oberschlesien, ohschon auch
diese in die Zeit von 1130 bis 1160 fallen. 2) Auch bau-
technischerseits haben sich einige wertlivolle Erweiterungen
und Vertiefungen gewinnen lassen, wie aus dem Texte zu
Jerichow und den Dörfern der Altmark hervorgehen wird.

Die Thatsache, dafs der Ursprung des Backsteinbaues
in den baltischen Ländern mit jener Kolonisation zusammen-
hängt, steht ebenso fest als die Annahme, dafs zu seiner
weiteren Entwickelung fortdauernd äufsere Einflüsse, sowohl
von Sachsen und Westfalen als auch aus der Ferne, von
Flandern und Italien her, beigetragen haben. Dabei stehen
in formalem Sinne die Letzteren im Vordergrunde. Nach den
dankbar anzuerkennenden Forschungen von Stiehl 3) darf man
annehmen, dafs gewisse Einzelformen wie die durchschlungenen
Bogenfriese, die Scheitelverstärkungen, die Verschiedenheit der
Lesinen, die kleinen Varianten in der Konsolbildung aus der
Lombardei nach der Mark gelangt sind, — sicher nicht auf ein-
mal, sondern nach und nach. Aher die Mehrzahl der Einzel-
heiten in der ersten Epoche wie Eck- und Wandlesinen,
einfaehe Bogen- und Kreuzstahfriese, attische Basen, Rund-
stabplinthen, selbst das trapezschildige Würfelkapitell — mehr
oder weniger fertig ausgebildet — gehört zu dem Formenkreise
der romanischen Baukunst, der seit fast zwei Jahrhunderten
in Deutschland, besonders aber im Rheinthale, in den Nieder-
landen und Sachsen zur Entfaltung gekommen war. Direkte
Uebertragungen von gröfseren Bautheilen sind immer selten
gewesen. In der Festschrift (S. 211) habe ich zwei derselben
genannt: die Westfront der 1813 zerstörten Liebfrauen-Kirche
zu Utrecht und den Chor von St. Paul in Worms. Die Erstere

1) Vergl. Memoires eouronnees etc. par l’Academie royale. Bruxelles 1864
bis 1865.

2) Vergl. Meitzen, Siedlung und Agrarwesen der West- und Ost-
germanen u. s. w.; sowie desselben Verfassers Vortrag: Ueberblick über die
deutsche Kolonisation in den ehemaligen Polenländern. Berlin 1897.

3) Stiehl, Der Einflufs Ober-Italiens auf die Entsteliung des Norddeut-
schen Backsteinbaues im XII. Jahrhundert. Deutsche Bauz. 1894, 634 ff.

war eine kombinirte Ableitung von S. Ambrogio in Mailand
und dem Dome in Novara und die zweite wiederholt den
Chorbau von S. Maria maggiore in Bergamo, wälirend ein
zweiter Ableger dieses Baues der Chor des Domes zu Fritzlar
ist. Herr Stiehl hat ein drittes, wenn auch weniger treues
Beispiel nachgewiesen: Die Hauptapsis von Dobrilugk ist eine
Studie nach S. Lorenzo in Cremona. Möglicher Weise werden
sich noch weitere Beispiele nachweisen lassen.

Von grofsem Gewichte für die Abstammung des märkischen
Backsteinbaues aus den Niederlanden ist die von Stiehl mit
Recht betonte Thatsaehe, dafs der lombardische Ziegelbau des
XII. Jahrhunderts eine sehr mangelhafte Struktur besitzt und
erst im XIII. Jahrhundert anfängt, in dieser Beziehung Fort-
schritte zu machen. 1) Ich füge hinzu, dafs ich keine Kirche
in Ober-Italien kenne, die bezüglich der Maurertechnik mit
Jerichow, Berge, Diesdorf u. a. zu vergleichen wäre. Die hier
sichtbaren Vorzüge sind das Resultat eines langen Werdens
und Wachsens, das sich im äufsersten Westen Deutschlands
vollzogen hat. Auf Grund der in der Lombardei erst spät,
d. h. in der ersten Hälfte des XIII. Jahrhunderts, hervor-
tretenden Reife des alten Ziegelbaues die sichere Chronologie
der märkischen Backsteinbauwerke umstofsen zu wollen, wie
Stiehl es am Schlusse seines Aufsatzes in der D. Bauzeitung
1894 S. 637 gethan hat, halte ich für verlorene Liebesmühe.

Vor dem Abschlusse meines Werkes über die mittelalter-
liclien Backsteinbauwerke der Mark Brandenburg — denn
weiter will und werde ich nicht kommen — erachte ich es
für Pflicht, den Standpunkt, welchen ich jetzt. bezüglicli der
Zeitstellung der wichtigsten im Bande I veröffentlichten Bau-
denkmäler einnehme, mitzutheilen und in aller Kürze zu recht-
fertigen. Der alten Eintheilung folgend, stelle ich diejenigen
der Stadt Brandenburg voran.

1. Der Dom.

Der letzte Wendenfürst Pribislav hat nach seinem Ueber-
tritte zum Christenthume nicht nur die St. Godehards-Kirche in
der Altstadt — vergl. S. 23 ff. — sondern auch die St. Peters-
Kapelle auf der Burg erbaut, wie jetzt nach den in Goslar
aufgefundenen Bruchstücken einer Brandenburger Chronik sicher
feststeht. 2) Das Material beider Bauten besteht aus Granit; ob
eine dritte Kirche, welclie Pribislav gleichfalls gestiftet hat, die
Marien-Kirche auf dem Harlunger Berge um 1136 auch ein
Granitbau war, ist zweifelhaft, aber wahrscheinlich. 3) Im
Jahre 1149 — nicht 1161 wie ich gesagt — hat Bischof
Wigger einen kleinen Konvent von Prämonstratenser Mönchen
aus Leitzkau nach Brandenburg verpflanzt und an der Gode-
hards-Kirche als zukünftiges Domkapitel niedergesetzt. Ein
Jahr später 1150 — nicht 1142 — starb Pribislav und
wurde in der Marien-Kirche begraben. 4 *) Die durch Verrath
erfolgte Einnahme Brandenburgs von Seiten Jaczo’s von Köpe-
nick im Jahre 1157 ist nach wenigen Monaten durcli Albrecht
den Bären wett gemacht worden und hat, wie Winter wohl
mit Recht aus dem Schweigen der Leitzkauer Chronik ge-
schlossen hat, 6) die Existenz der Prämonstratenser nicht ge-
fährdet. Acht Jahre nach Albrechts Rückeroberung, also 1165,
hat dann Bischof Wilmar die Verpflanzung des Kapitels nach
der Burg durchgesetzt 6) —• als Kirche mufste die Kapelle
St. Peter dienen — und einen grofsartigen Dombau sofort
begonnen. Am 11. Oktober 1165 fand die feieriiche Grund-

1) Centralbl. d. B. 1892, 336 ff.

2) Heinemann, Albrecht der Bär. Anhang 421. Postea in Do7ni.no ob-
dormiens in eapella sua Brandenburgensi in castro cum Wigero episcopo est
sepultus. Die Leitzkauer Chronik bestätigt diese Angabe nur für Wigger (Riede
D. 274), während sie iiber Pribislavs Grab schweigt.

3) Sie wird 1166 als bestehend und dem Kapitel gehörend genannt.
Riedel VIII, 107.

4) Vergl. Band I, 5. 5) Winter, Prämonstratenser 137 und 143.

6) Riedel VIII, 104.
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