Adler, Friedrich
Mittelalterliche Backsteinbauwerke des Preußischen Staates (Band 2) — Berlin, 1898

Seite: 120
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das Werk vollendet worden. Yon der Letzteren sagte icli,
dafs sie wegen ilirer reifen und ausgebildeten Strukturformen
niclit der Bau sein könne, welchen der Konvent in den ersten
Jahren nach seiner Stiftung als vorläufige Klosterkirche be-
nutzt liabe; sie sei vielmehr als Stadtkirche in der Zeit. von
1220 —1230 entstanden.

Diese Datirungen aus dem Jahre 1857, welche im Wesent-
lichen die von v. Quast im Deutschen Kunstblatte zuerst 1850
festgesetzten Zeitstellungen wiederholten, sind von den damals
lebenden Ivunstforschern Mertens, Kugler, Schnaase, Otte,
Bergau und Anderen angenommen worden. Der Erste, der
dagegen Einsprucli erhob, war Prof. Schäfer, 1884. 1) Im
Gegensatz zu meiner Auffassung behauptete er, dafs die Pfarr-
kirche von beiden Kirchen der älteste Bau gewesen sei, welchen
der bei. der Stiftung sofort begründete Konvent zuerst benutzt
habe, während die Klosterkirche wegen ihrer charakteristischen
Einzelformen der Spätzeit des Romanismus angehören müsse.
Ihr Bau sei im Osten mit der Krypta und den drei Chören
bald nach 1200 begonnen worden und habe das Kreuzscliiff
sowie die vier östlichen Felder des Scliiffes umfafst. An
dieser Stelle angelangt, hahe das Werk eine sehr kurze
Zeit still gelegen, dann seien das fünfte Schiffsfeld und der
Unterbau der Thürme an die Reilie gekommen, und endlich
nach 1240 habe man die Thurmfagade bis zum Beginn der
Helme 1250 vollendet. Er stützte diese Behauptung mit der
Annahme, dafs bei dem hohen Kunstwertlie der Klosterkirclie
ihr von 1150 —1200 kleinere und minder vollendete Bauten
vorangegangen sein müfsten und zu diesen gehöre eben die
Pfarrkirche zu Jerichow. Einen von ihm gemachten Befund
an derselben — im Chore befinden sich in der Nord- und
Südmauer drei rundbogige Durchbrüclie, welche später wieder
gesclilossen worden sind —, deutete er daliin, dafs der bei dieser
Kirche zuerst angesiedelte Konvent das Bedürfnifs gehabt
liabe, die Kirche zu erweitern und dafs die Durchbrüche aus
jener Zeit herrührten. Mitten in der Arbeit sei man aber
anderen Sinnes geworden, habe die bereits hergestellten Oeff-
nungen rasch geschlossen und sei nun nach der neuen Bau-
stelle übergesiedelt, um bald nach 1200 die grofse Kloster-
kirche in 40 — 50 jäliriger Bautliätigkeit zu erbauen. Ueber
den Zeitpunkt, wann diese Verlegung stattgefunden, sprach er
sich vorsichtiger Weise nicht näher aus. Wenige Monate
später habe ich an der gleiclien Stelle meinen alten Stand-
punkt vertheidigt, wobei ich gleichzeitig die erst später er-
kannte Thatsaclie noch mittheilte, dafs man bei dem Umbau
nach 1208 niclit nur die Nebenchöre hinzugefügt, sondern
auch aufser der ITauptapsis die Obertheile des Chorgiebels und
der Kreuzgiebel, sowie im Zusammenhange damit auch das
Kranzgesims des Mittelschiffes erneuert habe. Auf diese streng
sachlich gehaltene Replik hat Herr Schäfer dann in einer so
unangemessenen und verletzenden Weise geantwortet, 3) dafs icli
auf jede weitere Diskussion mit ihm verzichten mufste.

Um aber bei dem Abschlusse meines Werkes keinen
Zweifel hei den Fachgenossen aufkommen zu lassen, erkläre
icla, dals die zuerst von Herrn von Quast 1850 aus-
gesprochene und dann von mir erweiterte und näher begrün-
dete Ansicht: „Die Klosterkirche von Jerichow sei der erste
sicher dokumentirte Backsteinbau in der Mark Brandenburg
im Umfange der baltischen Länder gewesen“, 4) durch Schäfers
Entdeckung an der Pfarrkirche in keinem Punkte erschüttert
worden ist, sondern nach wie vor auf sicherer baugeschichtlicher
und bautechnischer Unterlage beruht.

Wie ich schon 1884 a. a. O. S. 466 ff. eingeliend naeh-
gewiesen liabe, ist die Hypothese von der späten Erbauungs-
zeit der Klosterkirche im XIII. Jalirhundert ganz unhaltbar,

1) Yergl. Centralbl. d. Bauverwalt. 1S84, 150 ff.

.2) Centralbl. 446 ff. 3) Desgl. 510 ff.

4) Yergl. Festschrift, S. 177 ff.

weil das Fundament, sowolil im historischen wie im bautecli-
nischen Sinne, nichts taugt. Wenige Sätze werden genügen,
um zunächst den Irrthum auf geschichtlichem Boden klar zu
stellen. Im Jahre 1144 wurden die diesseits der Elbe be-
legenen Güter des reichen Stade’sclien Grafenhauses so getheilt,
dafs das Erzbisthum Magdeburg die Burg Jerichow nebst
anderen Besitzungen erhielt, während dem neu zu bildenden
Prämonstratenser Konvente ein Theil des Dorfes Jericliow
mit der Kirche und zwei benachbarten Dörfern überwiesen
wurde. Das Mutterkloster Liebfrauen in Magdeburg erwarb
dazu noch als Mitgift ein drittes Dorf und Biscliof Anselm
von Havelberg schenkte 1145 des besseren Schutzes halher
die Burg Marienburg nebst elf wendischen Dörfern. Das
Ganze bildete eine überaus glänzende Ausstattung ver-
glichen mit derjenigen bei anderen gleichzeitigen Klöstern. 1)
Nocli im Jahre 1145 wurde der neue aus Magdeburg ent-
sandte Konvent an die schon stehende Dorfkirclie, welclie
dicht neben der Burg lag, übergesiedelt. Dort hat der Aufent-
halt nur wenige Jahre gedauert, weil der kriegerische Verkehr
in der Burg und der Lärm des Volkes an den Markttagen
die Erfiillung der Ordenspflichten hehinderten. Der nothwendig
gewordenen Verpflanzung mufste aber selbstverständlich der
Bau einer geräumigen Klosterkirche vorangehen und
dies geschah. Der nachhaltige Wetteifer aller betheiligten
geistlichen wie weltlichen Fiirsten sorgte fiir den passenden Bau-
platz nördlich vom Dorfe und eine seltene Gunst des Schicksals
lieferte die Bauleute. Gerade damals in der Mitte der vierziger
Jahre war es den Bemühuugen Albrecht des Bären und Anselm
von Havelberg gelungen, niederländische Kolonisten in diese Elb-
gegend einzuführen, welche neben ihrer eigenen landwirthseliaft-
liclien Betriebsmethode auch die Technik des Ziegelbrennens
hierlier übertragen liatten. Daher konnte schon 1148 bis
1149 der Neubau der Klosterkirche als Backsteinbau begonnen
werden und ist sicher vor 1159 vollendet gewesen, weil in
der Bestätigungs - Urkunde des Papstes Hadrian IV. 2) von
diesem Jahre zwei Kirchen bestimmt unterschieden werden,
die Klosterkirche und die Dorfkirche.s) Weil die
Uebersiedelung des Konventes schon etwas friiher erfolgt sein
mufs, so hat er die Dorfkirche nur etwa zehn Jahre lang
benutzt.4) Wenn aher ein reiches, von aller Fürsten Gunst
getragenes Kloster in fast zehnjähriger Arheit seine neue
Kirche baut, so ist das sicherlich kein Nothbehelfsban,
sondern höchstwahrscheinlich die jetzige Klosterkirche ge-
wesen. Diese Wahrscheinlichkeit erwächst aber zur Gewifsheit,
wenn der Nachweis gelingt, dafs die jetzige kleine Pfarrkirche,
welclie die Grundlage der ganzen Hypothese bildet, jene alte
nicht gewesen sein kann. Das ist aber möglich. Am
Sdilusse der Stiftungsurkunde von 1144—1145 steht der
wichtige Satz: Anno ordinacionis domini et venerabilis Anselmi
Havelbergensis Episcopi et ejusdem Jerichontine Ecclesie XF. 5)
Daraus folgt unwiderleglich, dafs die damals vorhandene und
dem Konvente überwiesene Dorfkirche im Jahre 1129 er-
baut worden war und daher wegen der zahlreichen Ana-
logien, welche wir kennen und von denen ich nur einige an-
geführt liabe, entweder ein Holzbau oder ein Feldsteinliau
gewesen sein mufs, denn ein drittes giebt es nicht. Weil sie
aber ein Backsteinbau ist, so kann sie überliaupt nicht
in Frage kommen, denn die niederländisclie Einwanderune und
mit ihr die Uebertragung des Backsteinbaues ist erst nach

1) Biedel III, 79, doch besser und vollständiger bei AVinter, Prämon-
stratenser, Anhang 349 ff

2) Auch hier gilt der bei dem Dome zu Brandenburg ausgesprochene Hin-
weis, dafs päpstliche Bestätigungen wegen der hohen Kosten nur nachgesucht
wurden, wenn es sich um wichtige Angelegenheiten handelte, wie z. B. bei der
Vollendung eines neuen Ivlosters.

3) Biedel III, 83.

4) v. Heinemann a. a. O. 377 setzt die Yerpflanzung des Konventes schon
in das Jahr 1151.

5) Winter, Prämonstratenser 352.
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