Adler, Friedrich
Mittelalterliche Backsteinbauwerke des Preußischen Staates (Band 2) — Berlin, 1898

Seite: 121
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1145 erfolgt. 1) Damit stürzt die Scliäfer’sclie Hypothese in
ihr hohles Nichts zusammen. Auf das gleiche llesultat kommt
man, wenn man die Zwecke und Ziele der Klosterstiftung ins
Auge fafst und damit die Schäfer’sche Zeitstellung vergleicht.
Der Prämonstratenser-Orden war von seinem Stifter Norbert
an die östliche Grenze Deutschlands, an Elbe und Saale ver-
pflanzt worden, um hier mit Ernst und Eifer die Missions-
arbeit unter den heidnischen Wenden zu betreiben. Beweis
dafür sind die Klöster Liebfrauen in Magdeburg, St. Georg zu
Stade, Gottesgnade bei Halle, Leitzkau an der Elbe und
Havelberg an der Havel, alle demselben Orden angehörig.
Jericliow sollte ein noch weiter vorgeschobener Platz für die
Missionsarbeit werden, als die anderen, daher die rasche Stiftung
und Niedersetzung im Dorfe Jericliow 1147 als vorläufigen
Stationspunkt. Eine Lebensbedingung für das Gedeihen des
Klosters war nun der sofortige Aufbau der Ivlosterkirche,
denn das hatten alle Erfahrungen, insbesondere die auffallend
günstigen Besultate der beiden Missionsreisen des Bischofs
Otto von Bamberg nach Pommern gelehrt, dafs die feierliclie
Praclit und Würde des katholischen Kultus zur Bekehrung
mehr genutzt hatte, als jede Ansprache oder Predigt oder gar
die stille Arbeit eines oder mehrerer Missionare. Weil man
eben darnals alle Kräfte, und sie fehlten an keiner Stelle,
daran gesetzt hat, um eine imposante Kirche sobald als mög-
licli zu erhalten, wurde die Kirche nebst den nöthigen Kloster-
räumen um 1158 fertig und konnte ein Jahr später vom
Papste bestätigt werden.

Soll man nun annehmen, dafs der reiclie aus mindestens
25 Personen bestehende Konvent 60 Jahre lang an einer
ldeinen schmucklosen aus Feldsteinen erbauten Dorfkirehe ge-
sessen haben soll, oline sich seiner Lebensaufgabe bewufst zu
werden, während man in der Nähe den Dom von Havelberg
rastlos förderte und die Ivlosterkirche von Leitzkau vollendete?
Oder soll man mit Herrn Schäfer sagen: Der Ivonvent liat
sich zwar bald von der Dorfkirche getrennt und eine neue
Ivirche erbaut, aber diesen Bau 40 Jahre später abgerissen
und durch die jetzige Klosterkirche ersetzt? 2) Das Eine ist
so unmöglich wie das Andere.

Endlich läfst sich die Unhaltbarkeit der Schäfer’schen
Hypothese durch eine baugeschichtliche Betrachtung der kleinen
Pfarrkirche, von der er ausgeht, selbst erweisen. Sie ist von
den wirklich alten Dorfkirchen, welche das Kloster noch im
Laufe des XII. Jahrhunderts erbaut liat, wie Redekin, Melkow>
Wulkow u. A. total verschieden. Ihr fehlt die Apsis, und
der nicht melir quadratische, sondern oblonge Chor ist durch
zahlreiehe hochsitzende Fenster, drei in jeder Wandseite, so
erhellt, dals eine überreichliche Beleuchtuug vorhanden ist.
Dieser freie, lichtvolle Raumcharakter bilclet zu dem düsteren
Ernste des Inneren bei den frühesten Backsteinkirchen, deren
niedrige Chöre immer halbrund geschlossen und durch wenige
schmale Fenster sehr schwach beleuclitet sind, einen so schnei-
denden Gegensatz, dafs es unmöglich ist, die Pfarrkirche in die
Mitte des XII. Jahrhunderts zu stellen. Derartige Kirchen,
cleren Ursprung in Westfalen nacliweisbar ist, uncl mit der
Blütlie des Uebergangsstiles daselbst zusammenhängt, sind so-
wohl in der Altmark und Mittelmark als auch in Mecklenburg,
in Wagrien und im Lauenburgischen, theils in Ziegeln, theils
in Granit erbaut, zahlreich vorhanden. 3) Unter den Backstein-
bauten cler Altmark ist die Pfarrkirche St. Lorenz zu Salz-
weclel — 1220 erbaut — das reifste Beispiel. Die jetzige
Pfarrkirclie ist, sicherlich auf der Stelle der alten Dorfkirche,
damals neu erbaut worden, 4) um der waclisenden Bevölkerung,

1) Yergl. den ausführlichen Nachvveis in meiner Replik a. a. 0. 467 und 468.

2) Vergl. Centralblatt f. B. 1S84, 478.

3) Yergl. meine ausführlichen Nachweise im Centralbl. a, a. 0. 479 ff.

4) Ich füge bezüglich meiner Datirung der Pfarrkirche nocli hinzu, dafs
Herr Schäfer a. a. O. 352 zwar geantwortet hat, aber die Antwort lautfete auf

welche eben besclieidene Stadtrechte erlangt hatte, als Pfarr-
kirclie zu dienen. Die Baumittel müssen schwach gewesen
sein, denn clie Mafse sind klein, der Chor wurde nicht über-
wölbt und ein Thurm kam nicht zu Stande. Die Kleinheit
insbesondere war es, welclie in nocli späterer Zeit bei steigender
Volkszalil zu einer Erweiterung drängte. Damals hat man
die Süd- und Nordmauer des Chores mit je drei rundbogigen
Oeffnungen unten durchbrochen und ähnliche Durchbrüche an
der Nordmauer cles Scliiffes eingeleitet. Zum Ziele ist man
nicht gelangt, denn mitten in der Arbeit hat man die fertigen
Durchbrüche im Chore eilig geschlossen und die begonnenen
Ausstemmungs-Arbeiten am Schiffe in nothdürftigster Weise
ausgebessert. Weil aber in den wieder geschlossenen Oeff-
nungen des Chores neben den alten Ziegeln kleineren For-
mates neue Ziegel grofsen Formates, an mehreren Stellen
sogar grofse und kleine, roh zugehauene Feldsteine vorkommen,
so ist der cloppelte Schlufs gerechtfertigt, dafs 1. die ganze
Arbeit einer Spätzeit angehört und 2. die Hast, niit welcher
der Wiederverschlufs erfolgt ist, auf ganz aufsergewöhnliclien
Yerhältnissen beruhen mufs. Höchstwahrscheinlich ist clie
furclitbare Ueberschwennnung der Elbe im Jahre 1335 oder
1336, welche einen grofsen Theil der Stadt zerstörte und den
vom Markgrafen Ludwig lebhaft geförderten Wiederaufbau —
zum Theil an anderer Stelle — veranlafste, die Ursache ge-
wesen, welche direkt den vor kurzer Zeit begonnenen Er-
weiterungsbau wieder ins Stocken brachte uncl inclirekt in
Folge des gesunkenen Wohlstandes der Stadt dauernd behindert
hat. * 1) Diese Yermuthung erklärt in befriedigender Weise den
vorhandenen Baubestand und zeigt, dafs es aueh nocli andere
und vielleiclit besser begründete Auslegungen giebt, als die
von Herrn Schäfer für seine Entdeckung irrthümlich gewählte.

Ich kornrne nunmehr zu den bautechnisclien Thatsaclien,
auf clenen meine Auffassung bezüglich der Klosterkirclre sich
stützt-, wobei icli die Westfront, über deren Zeitstellung kein
Streit besteht, aufser Betracht lasse. Der Kern der Kirche,
nämlich das Langhaus (excl. des ersten Avestlichen Joclies),
das Querschiff und der Langclior nebst Apsis ruhen auf einem
Sockel von Plötzker Sandsteinen, der wegen des ansteigenden
Bodens eine verschiedene Plöhe zeigt, am höchsten ist er an
der Nordwestseite mit 47* Fuls, dann folgt die Hauptapsis
mit 2 Fufs 7Y2 Zoll, der südliehe Nebenchor mit 1 Fufs, wäh-
rend er an der Südseite fast verschwindet oder nur auf kurze
Strecken sichtbar wird. Man hat dieses Material, aus welchem
der gröfste Theil des gleiclizeitig erbauten Domes zu Havel-
berg besteht, in Schichtenhöhe und Bearbeitung sehr ver-
schieden (meistens hammerrecht zugehauen) vermauert. Auf-
fallender Weise haben auch die beiden westlichen Oblongpfeiler
des Inneren derartige aus gröfseren Quadern hergestellte Sockel
von fast 4 Fufs Hölie erhalten, denen jede Kunstform fehlt.
Wegen ihrer Stellung zu den aufsen auf der Nord- wie Süd-
seite siehtbaren Trennungsfugen in den Langmauern rühren sie
siclier von dem Unterbaue der alten Westfront her,
welche viele Jahrzehnte lang bestanden liaben mufs, elie
man zu dem Aufbau der jetzigen zweithürmigen Facade schritt.
Weshalb man nach Yollendung der Kirclie diese Sockel nicht
architektoniscli ausgebildet hat, wissen wir nicht; sie gehören
aber jedenfalls zu dem ersten Bau. Das Gleiche gilt von
dem Sockel der Hauptapsis; am nördlichen Nebenchore er-
sclieint dieser schliclite Sockel an keiner Stelle, wolil aber am
südlichen, wenn auch in auffallend verminderter Plölie, so dafs
es nahe liegt, daran zu denken, man habe hier einen sehr
kleinen Yorrath von Sandsteinen so gut es ging verwerthet,
und docli den Sockel des nördlichen Nebenchores schon ganz
aus Ziegeln machen müssen.

Vertagung, bis er die erforderliche Aufnahme werde vorlegen können. Beides
— die Aufnahme wie die Antwort — sind seit 13 Jahren ausgeblieben.

1) Vergl. das Weitere a. a. O. 479 ff'.

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