Adler, Friedrich
Mittelalterliche Backsteinbauwerke des Preußischen Staates (Band 2) — Berlin, 1898

Seite: 124
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I)ie Untertheile aller Wände in der Osthälfte bis auf
4 Fufs Höhe zeigen rolies, schwach überputztes Bruchstein-
mauerwerk aus Sandstein, in welches die beiden Säulen der
Apsis nach erfolgtem Einstemmen hineingeschoben worden sind,
während man alle übrigen Wandsäulen —- acht an der Zahl —
frei yor der Nord- und Südmauer aufgestellt hat, wie solches
neben dem oben mitgetheilten Längsschnitte noch ein zweiter zur
Ergänzung dienender Holzschnitt auf der vorigen Seite Spalte
rechts unten (in der Richtung der Mittelachse genommen) dar-
stellt. Diese Wanduntertheile sind aber bei genauerer Prüfung
nichts anderes, als die Innenseite des Sandsteinsockels, auf dem
die alte Kirche überall ruht, denn auf der ganzen Nordseite
bis weit über die Hälfte der Apsis hinaus sielit man an ihm
noch — mehr oder weniger deutlicli — die Absätze zweier
schwach vortretenden Bankette, welche man nothdürftig zu-
gerichtet hat, damit sie als Wandfläche erscheinen sollten.
Ob die beidexi Apsissäulen auf einem ähnlichen Bankette
stehen, war ohne Zerstörung des Pflasters nicht möglich zu
untersuchen, es ist aber sehr wahrscheinlicli. Dagegen liefs

sich fesstellen, dafs die Freisäulen
vor den Langmauern auf einem be-
sonderen aus zwei Ziegelschichten
hergestellten Sockel stehen, welcher
nicht eingebunden ist, sondern
stumpf gegen die sandsteinerne Plin-
terwand stöfst. Genauer zeigt diese
Thatsache, sowie die Struktur der
oberen Einbindung der Säulen der
nebenstehende Holzschnitt.

Aus beiden Tliatsachen ergiebt
sich mit Sicherheit, dafs man eben-
so wie es bei Yerlängerung der
Kirche nach Westen. hin mit der
naiven Verwerthung des Sockel-
mauerwerkes unter den oblongen
Schiffspfeilern und bei dem Aufbau
der gewölbten Nebenchöre geschehen
ist, auch in der Krypta nicht blofs
alte Fundamente, sondern auch alte
Mauern d. h. die .Nord- und Süd-
mauer des Langchores bereits fertig
vorgefunden und zweckgemäfs be-
nutzt hat. Dagegen mufste die
Hauptapsismauer vollständig bis
zum Sockel fallen, damit unten die
Kryptafenster und oben die drei
grofsen Apsisfenster becpiem angelegt werden konnten.

Zu diesen technischen Kriterien tritt endlich in äusschlag-
gebender Weise der Stilcharakter der 1G vorhandenen Säulen
hinzü, welcher vollständig verschieden ist von cfen Sandstein-
arbeiten an den Vierungspfeilern uncl an den Säulen des Lang-
hauses. In der Krypta ist eine wahre Musterkarte von spät-
romanischen mannigfach gezeichneten uncl bald einfacher, balcl
reicher durchgebildeten Kapitellen (aus Banken, Blattwerk,
Palmetten und Masken bestehend) aufgestellt worden, während
die Säulenfüfse clie attische Basis theils mit Eckzehen, theils
mit Ueberschuhen (mehrfach sclion auf schwacli überquellendem
Pfixhle) versehen als Gruncllage festhalten. Unter den sehr
friscli behandelten Knäufen hebe ich zwei hervor, welche Be-
achtung vercfienen. Der eine — abgebildet auf Blatt XXII
Fig. 7 — gehört zu der östlichen, dicht vor cler Apsis stehenden
Mittelsäule, cleren antiker geschliffener Granitschaft aus Magcle-
burg vom Dome Öttos des Grofsen stammt. 1) Seine durch
ein Querband verknüpfte Eekranken endigen zweimal in alter-
thümlich stilisirten uncl niedergebeugten Löwenköpfen, welche

1) Vergl. hierzu Band I S. 41 1T.

in aufstrebende Lilien einbeifsen. Weil dasselbe Motiv, wenn
auch reducirt, an den Mittellesinen der Hauptapsis wiederkehrt
— vergl. clen Holzschnitt Band I S. 46 —, so darf man mit
Sicherlieit schliefsen, dafs die Hauptapsis und ciie Krypta
gleichzeitig ausgeführt worden sincl, während die Nebenchöre
bald darauf folgten. Fiir den Beginn dieses Umbaues liefert
der geschliffne antike Granitschaft der Apsissäule einen
sicheren Anhalt, weil er nebst vielen auderen Schäften und
Kapitellen aus Marmor, Porphyr, Granit und Breccia zu den
Baustücken gehört lxat, welche Otto der Grofse zum Baue
seines Domes zu Magdeburg von Bavenna nach Saclisen ver-
pfianzte. Als dieses altehrwürdige Werk altsächsischer Kunst
1207 in Flammen aufgegangen war, liat Erzbisclxof Albert II.
derartige vielbegehrte Praclitstücke antiker Kunst sowohl an
die Magdeburger Stifter (Dom und Liebfrauen) als- auch an
auswärtige Klöster, Leitzkau und Jerichow, verschenkt. Aus
cliesem Grunde kann der mit der Krypta. beginnende Umbau
zu Jerichow erst nacli 1208 begonnen worden sein.

Der zweite Knauf geliört zu der sücllichen von den
beicien in die Apsismauer eingebundenen Säulen, welche im
Holzschnitte auf Seite 123 Spalte rechts, unten sichtbar ist.
Zur siclieren Beurtheilung des Stilcharakters der beiden in
Jerichow vorhandenen und von mir genau unterschiedenen
Bauepochen empfiehlt sich eine Zusammenstellung dieses Kapi-
telles der Krypta wegen seines mäfsigen Reiiefs mit einer der
reliefgesclimüekten Deckplatten über der Nordostsäule des
Scliiffes, die oben schon mitgetheilt wurde.

Ich stelle beide nebeneinander und lioffe, dafs jeder Sacli-
kundige bezüglicli der Zeitstellung beider Details, welclie rnehr
als fünfzig Jahre auseinander liegen, mir beipflichten wird.

Schliefsiich wiederhole ich, um keine Lücke zu lassen, aus
einer von mir angelegten Baustatistik den Nachweis, dafs in
Deutscliland das Schema der Säulenbasiliken in der Mitte
des XII. Jahrhunderts schon im Aussterben begriffen
war und dais Jerichow eine der letzten Kirchen dieser Gattung
gewesen ist. Zu diesen gehören Paulinenzelle 1105 —19,
Hamersleben 1120 — 30, Oberzell bei Würzburg 1129 — 33,
Liebfrauen in Magdeburg (soweit Erzbischof Norbert daran
gebaut hat) 1129 — 34, Heilsbronn 1132 — 47, St. Vincenz
in Breslau 1139 — 48 (zerstört), Bosau 1130 — 40 (gröfsten-
theils zerstört) und Neuenheerse 1165. Nach dem Jahre 1170
ist meines Wissens keine derartige Bauanlage mehr in Deutsch-
land entstanden, — die neue aus den Bheinlanden vor-
dringende Richtung zum vollständigen Gewölbebau trat hem-
mend dazwischen.

Dagegen beweist eine auch nur knappe Zusammen-
stellung der hervorragenden Kloster- und Pfarrkirchen in der
Mark, welche kurz vor und nach 1200 entstanden sind und
deren Datirung keinern Zweifel unterliegt, die Thatsache,
dafs der Gewölbebau wegen seiner so nahe liegenden Vorziige
in einer holz- und thonreichen Landschaft rasch vorgedrimgen
ist. Trotz einiger Lücken kann nxan alle Phasen seiner Ent-
wickelung noch verfolgen, zumal wenn man sich erinnert,
dafs so einflufsreiche Bauherren wie Heinrich der Löwe in
seinen drei Dornen zu Braunschweig (seit 1170), Lübeck
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