Adler, Friedrich
Mittelalterliche Backsteinbauwerke des Preußischen Staates (Band 2) — Berlin, 1898

Seite: 126
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fest, 1) denn die fertige Kirche wurde von Albrecht dem
Bären und seinem Soline Otto an das Bisthum Havelberg
1151 verschenkt, wo drei Jahre vorher die Prämonstratenser
zu einem Domkapitel vereinigt worden waren. 2) Diese Kirche
heifst in der Urkunde „ecclesia in monte Sancti Nicolai“ und ist
die noch vollkommen wohlerlialtene Dorfkirche zu Berge, die,
weil sie schon einige Jahre früher erbaut worden sein mufs
— etwa 1147—50 —, zu den ältesten Dorfkirchen gehört, die
wir besitzen. Ihr baugeschichtlicher Werth ist ein doppelter,
weil sie meine Datirung von Jerichow stiitzt und durcli die
aufserordentliche Aehnlichkeit einzelner Details mit denen von
Luckeberg zu der Annahme drängt, dafs aucli diese Kirclie
schon um 1150 erbaut worden ist. Niederländischer Abkunft
sind beide, denn der berühmte Bestätigungs- und Schutzbrief
Kaiser Konrads III. von 1150 für Anselrn von Havelberg, 3)
worin diesern Kirchenfürsten gestattet wird, in seine entvölkerte
Diöcese Kolonisten einzuführen, aus welchem Volksstamme
er wolle oder könne, ist, wie jetzt immer deutlicher wird,
erst erwirkt und verliehen worden, nachdem die seit 1145
eingeleitete Kolonisation aus den Niederlanden an einigen
Punkten wie in Jerichow, Nikolausberg und Brandenburg
bereits geglückt war.

2. Schönberg am Damme hat denselben Grundrifs, doch
sind nur Oblongthurm und Schiff noch ^rhalten (mit Eck-
und Wandlesinen, rundbogigen Fenstern und Portalen, sehr
kleinen Ziegeln, 9 8/4 Z., 4 ‘/2 — 4 3/d Z. und 2 7/s Z.). Chor und
Apsis sind später durch einen gotliischen Polygonclior von
Granit mit Strebepfeilern ersetzt worden.

3. Ferchlipp. Grundrifs ähnlich wie Melkow, vollständig
erhalten; Chor und einfenstrige Apsis überwölbt, beide unten
3V2 Fufs hoch aus Granit, sonst überall Ziegel. Die Mauern
des Langhauses verschieden behandelt, Fenster klein (ca. 1 bis
2V2 Fufs) und geschmiegt. Technik und Material vortrefflich.
Aucli hier ist der Chor durch zwei Strebepfeiler nachträglich
gestiitzt.

4. Meseberg. Der typische Plan ist vollständig erhalten,
auch der Aufbau, nur der Obertheil des Thurmes nach einem
Brande von 1743 verändert. Apsis hat schon drei Fenster,
das Langhaus wie Ferchlipp vier, aber erweitert, ursprünglich
rundbogig wie die Portale, breite Ecklesinen und Sägefriese.

5. Giesenslage. Grundrifs und Aufbau wie Berge,
doch liegen Westthurm und Langhaus bündig. Totallänge
107 Fufs, Thurmbreite 32 Fufs bei 24 Fufs Tiefe. Apsis und
Chor sind iiberwölbt, dieser mit scharfgratigem Kreuzgewölbe,
jene hat nur zwei Fenster und zwei Zwischenlesinen. Die
Fenster des Schiffes aufsen gestuft, innen geschmiegt. Kranz-
gesims mit Sägeschichten, Kreuzstabfriesen und durch-
schlungenen Bogenfriesen gut erhalten; desgl. die rundbogigen
Portale.

6. Dobbrun. Granitbau im typischen Schema. Nur
die einfenstrige Apsis gewölbt; Portale und Fenster rund-
bogig. Backsteine sind dekorativ verwendet, besonders an den
Pforten. Am Siklportale bilden sie hochkantig den Innen-
bogen von zwei übereinander gerollten Bogen, am Nordportale
flachkantig den Aufsenbogen. Obertheil des Oblongthurmes
vom Hauptgesims des Langhauses ab Ziegelbau mit spitz-
bogigen gepaarten Klangöffnungen und Blendgiebeln. Die
dekorative Mischung von Granit- und Ziegelbau stimmt mit
Krevese, Kalberwisch, Lugau u. a. K. überein.

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1) Eiedel II, 440. Diese Thatsache bestätigt die Angabe des Korner
iiber die Gründungszeit von Seehausen 1151, welche Eudolph sehr zu Unrecht
bestritten hat.

2) Die Kapiteleinfiihrung war mit einer stattlichen Versammlung weltlicher
wie geistlicher Fürsten verbunden, welche Eiedel II, 397 1149 ansetzt, während
Winter, Dombrowski, v. Heinemann und Bernhardi (Kaiser Konrad III.
S. 114) das richtigere Jahr 1148 nehmen.

3) Eiedel II, 438. Dombrowski, Anselm v. Havelberg, 44. v. Heine-
mann, Albrecht der Bär, 184. Winter a. a. O. 163. Vergl. auch Band I, S. 38.

7. Falkenberg. Altromanischer Typus. Apsis, Chor und
der Osttheil des Schiffes bestehen aus Granit, alles andere
von Ziegeln sehr kleinen Formates. Apsis hat drei Fenster
nnd zwisclien denselben zur Sicherung zwei backsteinerne
Strebepfeiler; der quadratische Clior zeigt an beiden Seiten
zwei rundbogige geschmiegte Fenster.

B. Bericlitigungen und Ergänzungen zu Band II.

1. Pfarrkirche von Eathenow.

Aus einer alten Aufnahme des 1822 abgebrochenen
oblongen backsteinernen Westthurmes füge icli der Bau-
beschreibung auf S. 47 hinzu, dafs derselbe mit einern Absatze
in 20 Fufs Höhe in voller Breite emporstieg und bei 62 Fufs
Länge und 26 Fufs Tiefe mit Ecklesinen, Bogenfriesen und
gepaarten Klangöffnungen genau wie die Jerichower Dorf-
kirchen durchgebildet war. Seine Mafse lassen sicher auf
ein dreischiffiges Langhaus wie Sandow und Scliönliausen
schliefsen. Daher ist die Vermuthung gerechtfertigt, dafs man
hier wegen der Nähe von Jericliow und durch die Fiille von
guten Thonlagern angeregt, sehr friili den Backsteinbau ein-
gebürgert hat. Es ist daher das mitgetlieilte Datum 1200 bis
1210 auf 1180 —1190 abzuändern.

2. Dorfkirche zu Grofs-Wusterwitz.

Als ich den Text S. 57 schrieb, hatte ich leider die wich-
tige Urkunde iibersehen, in welcher Erzbischof Wichmann um
1159 das Dorf Wusterwitz einem Fläminger Heinrich und
seinen Genossen zur Kolonisation übergab und aufser dem
Marktrechte alle Gerechtsame verlieh, welche die Magdeburger
Biirger bereits besafsen. 1) Weil in der Urkunde auf ältere
Schartauer Privilegien Bezug genommen wird und die Kirclie
daselbst schon 1156 bestand, 2) so ist es selir wahrscheinlich,
dafs auch dort Niederländer safsen, deren Ansiedelung gleich-
zeitig mit denen in der Wische um 1150 geschehen sein mufs.
An der Wusterwitzer Kolonie haben sicherlich Albrecht der
Bär und der Bischof Willmar hesonderen Antheil genommen,
weil sie für den Ersten im eigenen Lande und fiir den
Zweiten zwisclien Brandenburg und seiner Burg Ziesar lag.
Daher wird nacli zahlreichen Analogieen der Bau selbst sehr
bald erfolgt sein, schon um 1165 —1170, und nicht, wie icli


S. 57 gesagt, 1180—1190. Der eigenartige Grundrifs der
Kirche, welchen der Holzschnitt darstellt, läfst durch seine
stattlichen Mafse — 116 Fufs lang und 70 Fufs breit (Quer-
schiff) — erkennen, dafs es liier sich niclit um eine Dorf-

1) von Ileinemann, Albrecht der Bär, 470 ff.

2) Winter, Prämonstratenser, 352 ff.
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