Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 1.1883

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ringt. Ja selbst diesem Phantasiegebilde,
als der lebenskräftigen Idee des zu schaf-
fenden Kunstwerkes, geht eine wichtige
Zeit der Thätigkeit, gleichsam als Vorbe-
reitungsstadinm voraus. In unserer Zeit,
in welcher die Vorliebe für technisch un-
vollkommene Copien, für die — verhält-
nißmäßig erst sehr theure -— Massenpro-
duktion und Fabrikarbeit in kirchlichen
Kreisen leider immer mehr wächst und in
demselben Maße der ächten Kunst den
Boden entzieht, dürste es nicht überflüssig
erscheinen, im Gegensatz dazu jene fortge-
setzte Arbeit des bildenden Künstlers uns
zu vergegenwärtigen, welche bereits hinter
der ersten Conception eines jeden neuen
selbstständigen Werkes liegt. Ich sehe hier
ganz ab von der, Fleiß und Anstrengung
kostenden, Bemühung zur Erlangung noth-
wendiger technischer Fertigkeiten und der
Gewinnung einer erhöhten Geistes- und
Gemüthsbildnng. Ich will nur auf die
unablässige und ununterbrochene Schulung
der Phantasie durch Uebnng der An-
schauung und Einbildungskraft Hinweisen,
deren er sich befleißigen muß, will er nicbt
aus dem Wege zur Höhe der ihm mög-
lichen Vollkommenheit stille stehen, um
bald auch von der schon erreichten Stufe
langsam hinabzugleiten.

Die rein künstlerische Produktion ist
eine naive und unmittelbare; sie geht vor-
nehmlich beim bildenden Künstler von einer
bestimmten sinnlichen Anschauung, nickt
von der Allgemeinheit der Idee aus. Der
Künstler soll das Geistige keineswegs ans
der abstrakten Gedankensorm in eine sinn-
bildliche Körperlichkeit zurückzwängen, son-
dern dasselbe durch die Hülle der bedeut-
samen Erscheinung hindurch unmittelbar
aus sich wirken lassen, um es dann mit
gesteigerter Ausdrucksmacht der letztern für
Andere zur Darstellung zu bringen. „Ein
offen empfängliches, leicht und tief erreg-
bares Sensorinm ist daher der eigentliche
Leib der Phantasie, eine scharfe, sinnen-
kräftige Anschauung der wahren Natur
oder des Ideals. Der Künstler muß für
die leiseste Ansprache der Dinge an die
Sinne sich empfänglich zeigen, muß die
volle Erscheinung mit dem Dufthauch und
Glanz ihrer eigenthümlichen Lebendigkeit
in sich aufnehmen, um dann von der Voll-
ständigkeit des sinnlichen Eindrucks sich

zur innern Intuition des Wesenhaften
erheben zu können. Sein Schauen soll
kein zerstreutes Umhersehen, kein mattes
und stumpfes Abgleiten des Blickes von
den Dingen, sondern eine thätige, inner-
lich nachbildende Aneignung derselben sein.
Und wenn schon die festen Formen der
Gegenstände ihm gleichsam die frischen
Eindrücke der modellirenden Hand des
Schöpfers zeigen sollen, so muß ihm noch
mehr bei dem Belauschen des Flüchtigen
und Wandelbaren (wie der Lichtspiele, der
Farbenessekte, der Bewegung in der unbe-
seelten und beseelten Natur, der Stellung,
der Geberde, des auslenchtenden Auges und
des Mienenspieles im Bereiche des Willens)
mit der Lebhaftigkeit des sinnlichen Ein-
drucks das unmittelbare Verständniß der
physischen Kraft oder seelischen Regung,
die sich hier wirksam zeigte, ungetheilt
aufgehen." (Bayer, Aesthetik in Umrissen.)

Wir lassen hier die erweiterte, mehr
ideelle Anschauung der Dinge, die auch
dem bildenden Künstler nicht abgehen
darf, ganz außer Betracht. Wir haben
es nur mit der künstlerischen Thätig-
keit des Plastikers zu thuu, dessen erste
Voraussetzung das energische „Ergreifen
und Umspannen der Formen im Sehen",
„das innige Verständniß eines sinnlich be-
grenzten Daseins in seinem individuellen
Körpermaß" bildet. Wenn besonders bei
den berufenen Dichtern nach den Worten
eines derselben alle seine denkenden Kräfte
sich aus die Einbildungskraft concentrirt
haben, so müssen zunächst bei dem genia-
len Bildhauer und Maler, „die mannig-
fachsten Gaben, womit ihn die Natur
ausgestattet, sich vorzüglich im Auge con-
centriren." Indem der bildende Künstler
sich im Auge, der sinnlichen Schwelle der
Innenwelt, gleichsam einwohnt, um sich
hier beständig zu Hause zu fühlen, ver-
mag er bei seinen Beobachtungen „alles
Geistige rein vom Körper herabzulesen
und aus den redenden Gestalten das Ge-
heimniß des Seelenlebens als ein leiblich
offenbartes verstehen zu lernen"; ist er
im Stande, „jede Erscheinung der sitt-
lichen und geschichtlichen Welt wie ein
natürliches, in seiner sinnlichen Ansckau-
lichkeit abgeschlossenes Dasein rein und
klar aufzufassen."
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